2010-08-31

Jamie Shea steigt bei der Nato auf

--- Das TV-Nato-Gesicht des Kosovo-Kriegs, Jamie Shea alias Mr. Kollateralschaden klettert auf der Karriereleiter weiter nach oben, meldet die FTD:
Der Brite, der im Kosovo-Krieg 1999 mit seinen täglichen Fernseh-Statements über den Kriegsverlauf zum Gesicht des Militärbündnisses wurde, wird nach FTD-Informationen stellvertretender Leiter der neu geschaffenen Nato-Abteilung "Neue Sicherheitsrisiken". Sheas Aufgabenbereich umfasst unter anderem den Kampf gegen Piraterie und Terrorismus, gegen Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen, sowie die Themen Energie und Klimawandel. Shea war im Kosovo-Konflikt der Weltöffentlichkeit durch seine täglichen Pressekonferenzen bekannt geworden, in denen er sich oft beschönigend über Kriegshandlungen äußerte. Besonders gerne und oft verwendete Shea das zuvor nur Militärs bekannte Wort "Kollateralschaden" für zivile Kriegsopfer.
Die Deutsche Gesellschaft für Sprache kürte den Begriff daraufhin zum Unwort des Jahres 1999. Auch Shea bereut mittlerweile seine damalige Sprachwahl. Zuletzt war der 56-Jährige bei der Nato-Direktor für politische Planung.

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2010-08-12

Obama-Sprecher Gibbs schlägt neue Töne an

---Der Sprecher des Weißen Hauses, Robert Gibbs, verwundert die Medienwelt derzeit mit vergleichsweise offenen Ansagen. Nun rätseln alle: sagt ein Spindoktor mal nur die Wahrheit, steckt eine neue Strategie dahinter oder will sich hier nur jemand vorzeitig aus seinem Amt verabschieden und vorher noch gehörig auf die Pauke hauen? Hier ein Kommentar aus der Washington Post:
Gibbs has, in the space of just a few weeks, twice committed the unforgivable sin for a White House press secretary: He has carelessly spoken the truth. First, he said it was possible that Democrats would lose control of the House in November. Then, in an interview with the Hill newspaper, he criticized the "professional left" for its refusal to give Obama credit for all he has done. "I hear these people saying he's like George Bush. Those people ought to be drug-tested," Gibbs told the paper. "I mean, it's crazy." He went on to say these lefty pros "will be satisfied when we have Canadian health care and we've eliminated the Pentagon. That's not reality." The professional left's reaction was, not surprisingly, swift. MSNBC's Keith Olbermann, chairman and CEO of Professional Left, said that Obama had given in to the "professional right" and that "the White House has seemed more like the amateur left." ... Rep. Keith Ellison (D-Minn.), a regional director of Professional Left, said Gibbs should resign over his "untoward and inflammatory comments." Gibbs and his colleagues have reason to be frustrated by the constant carping from the professional and semi-pro left. The gulf oil spill has been plugged, and three-quarters of the oil is gone. Combat in Iraq is ending in a matter of days. Health-care reform has been enacted. The auto industry is recovering, the bank bailout funds have been repaid, and a depression was averted. Yet the president, instead of getting credit, has received the sort of criticism from his unruly base that the right never bestowed on George W. Bush. On the other hand, Obama has only himself to blame for setting expectations impossibly high. He persuaded liberals to support him over Hillary Clinton by claiming he would usher in a postpartisan era of world peace, domestic prosperity and green energy -- and that was just the first week. By that standard, he inevitably failed.

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2010-07-26

Wikileaks veröffentlicht afghanisches "Kriegstagebuch"

--- Die Wikileaks-Crew ist der Ansicht, dass sich das Bild des Afghanistan-Kriegs in der Bevölkerung noch verdüstern lässt. Die Hackerjungs rund um Julian Assange haben daher knapp 92.000 mehr oder weniger geheime und ungefilterte Militär-Berichte über die sich seit neun Jahren hinschleppende Auseinandersetzung mit den Taliban veröffentlicht und vorab der New York Times, dem Guardian und dem Spiegel zur Analyse zur Verfügung gestellt. Die drei Presseorgane haben daher bereits recht umfangreiche eigene Webangebote zu den Dokumenten gleichzeitig am Sonntagabend veröffentlicht, das Nachrichtenmagazin aus Hamburg sogar die Auslieferung seiner Printausgabe um rund einen Tag verzögert. Am ausführlichsten und am besten verlinkt scheint die Berichterstattung des Guardian auszufallen. Bahnbrechend Neues enthalten die "Warlogs" in Form vieler im Militärjargon gehaltener Nachrichten vom Feld aber offenbar nicht, auch wenn sie die Transparenz rund um das Geschehen vor Ort für Wissbegierige enorm erhöhen. Das Spiegel-Reporterteam schreibt über die Feldberichtet:
Diese zeichnen fast neun Jahre nach Kriegsbeginn ein düsteres Bild. Sie beschreiben gerade die afghanischen Sicherheitskräfte als hilflose Opfer der Anschläge durch Taliban. Sie vermitteln einen zwiespältigen Eindruck von den Drohneneinsätzen, jener amerikanischen Wunderwaffe, die durchaus verwundbar ist. Sie zeigen auch, dass der Krieg im Norden des Landes, wo die deutschen Truppen stationiert sind, immer bedrohlicher wird. Die Zahl der Warnungen vor Taliban-Anschlägen hat sich dort im vorigen Jahr drastisch erhöht - angeheizt von den Hintermännern dieses Kriegs, den Strippenziehern in Pakistan.
Assange geht trotzdem davon aus, dass das Kriegslogbuch nachdrücklich wirken wird: "Das Material wirft ein Schlaglicht auf die alltägliche Brutalität und das Elend des Krieges. Es wird die öffentliche Meinung verändern und auch die von Menschen mit politischem und diplomatischem Einfluss." In der Fülle stelle das Material alles in den Schatten, was über den Krieg in Afghanistan gesagt worden sei. "Diese Daten sind die umfassendste Beschreibung eines Krieges, die es jemals während eines laufenden bewaffneten Konflikts gegeben hat." Die Zusammenarbeit mit ausgewählten Medien hatte der führende Kopf hinter Wikileaks Ende vergangenen Jahres bereits angekündigt. Für die Plattform auf jeden Fall ein weiterer Coup nach dem Irak-Video "Collateral Murder".

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2010-07-22

Die ARD und das große Depublizieren

--- Die aufgrund politischer Vorgaben in ihrer Veröffentlichungsfreude im Internet ausgebremste ARD klärt über die Wortneuschöpfung "Depublizieren" auf, die seit einigen Wochen verstärkt im Zusammenhang mit dem "großen Löschen" die Runde macht:
In keinem Duden findet sich dieses Wort und trotzdem haben wir in den vergangenen Monaten und Wochen häufig darüber gesprochen. Depublizieren bezeichnet das “Offline stellen” von Internetinhalten. Unter anderem von Inhalten, die künftig nicht mehr über tagesschau.de verfügbar sind - obwohl sie von Ihnen bezahlt wurden. ... Einige Nutzer haben gefragt, ob die Beiträge komplett gelöscht würden. Das ist nicht der Fall - die Inhalte verbleiben in unserer Datenbank, werden aber nicht mehr über unsere Webserver ausgespielt. Die Meldungen dürfen wieder “leben”, wenn ein Ereignis eintritt, das eine erneute Berichterstattung rechtfertigt. “Websites must live forever” - das Ideal eines unbegrenzten und stetig wachsenden Wissens- und Informationsspeichers im Internet wird durch diese gesetzlichen Regelungen ad absurdum geführt. Deshalb empfehlen einige Nutzer, die derzeit verfügbaren Inhalte zu sichern und auf anderen Servern zur Verfügung zu stellen. Es könnte also sein, dass Inhalte von tagesschau.de künftig länger an anderen Stellen im Netz zu finden sind.
Der Eintrag verlinkt im unteren Ende des Zitats auf Wikileaks, obwohl hier Archive.org wohl doch die bessere Verbindung wäre.

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2010-07-05

PsyOps heißen jetzt MISO

--- Im US-Militär- und Politikslang gibt es mal wieder einen rhetorischen Schachzug, denn Psychologische Operationen (PsyOps) heißen nun MISO:
Aus PSYOP wird nun das ganz neutral klingende MISO für Military Information Support and/to Operations. Der Hintergrund dürfte keineswegs sein, dass PSYOP weniger gefragt ist, das Gegenteil dürfte der Fall sein ... Aber jetzt man will sich von der Vergangenheit trennen und weniger schnell durch Assoziationen vorverurteilt werden. Möglicherweise ist die Umbenennung auch ein Versuch, im Kongress mehr Mittel zu erhalten, wenn es nicht um Manipulation, sondern um Informationsunterstützung geht, wofür Politiker mit ihren Spindoktoren ja großes Verständnis haben dürften.
Wirklich griffig ist die neue Abkürzung ja nicht, da scheint es ziemlich fraglich, ob sie die alte tatsächlich ersetzen kann.

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2010-07-02

Tom Schimmeck: USA zeigen, wie PR & Propaganda funktioniert

--- Ex-Spiegel-Redakteur Tom Schimmeck bewirbt gerade sein neues Buch Am besten nichts Neues. Medien, Macht und Meinungsmache und hat dafür Telepolis ein Interview gegeben, das einige interessante Passagen enthält:
Ein Schlüsselerlebnis ganz am Anfang der Buchrecherche war für mich eine Reise nach Washington. Ich fuhr da hin, um zu sehen, wie moderne PR und Propaganda wirklich funktionieren. Dagegen ist hier noch alles eher Kindergarten. In Washington und New York residieren milliardenschwere Unternehmen, die Regime und Konzerne aller Art beraten und deren Interessen und Ansichten weltweit in die Medien pushen. Im kurzen Krieg um die kleine georgische Provinz Süd-Ossetien zum Beispiel waren auf allen Seiten mehr als ein halbes Dutzend PR-Agenturen am Start, zumeist US-amerikanische. In Washington besuchte ich meine Lieblingsstimme von National Public Radio, Robert Siegel, einen Mann der seit Ewigkeiten dort sitzt und enorme Erfahrung hat, und fragte ihn, was heutzutage denn anders sei. Der sprach genau diesen Satz: "Früher war es üblich, dass die Leute aufhören, wenn sie beim Lügen erwischt wurden, heute machen sie einfach weiter." ... Propaganda hat immer mit Emotionen gearbeitet, heute macht sie das geschickter denn je. Aber Emotionen sind auch äußerst volatil. Ein Berlusconi zum Beispiel herrscht via Emotion. Eigentlich eine sehr gefährliche Entwicklung.

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2010-06-21

Verfassungsschutz beklagt islamistische Propaganda

--- Staatsschützer beschweren sich im gerade vorgelegten Verfassungsschutzbericht 2009 über die massive islamistische Propaganda vor allem im Vorfeld der Bundestagswahl. In der Pressemitteilung dazu heißt es:
Die deutschlandbezogene Propaganda islamistisch-terroristischer Gruppierungen, allen voran "al-Qaida", wurde besonders im Zusammenhang mit der Wahl zum 17. Deutschen Bundestag in bisher nie gekannter Weise betrieben. Im Internet wurden in dichter Abfolge Audio- und Videobotschaften verbreitet. Deutschland wurde darin unter anderem wegen der Beteiligung an der ISAF-Mission in Afghanistan gedroht. Die Bedeutung Afghanistans als Schauplatz des islamistischen Terrorismus hat 2009 weiter zugenommen. Viele Anschläge forderten zahlreiche Opfer, auch unter den Angehörigen der Bundeswehr. Diese Entwicklung setzt sich im Jahr 2010 fort. Der Verfassungsschutz hat und wird die deutschlandbezogenen Aktivitäten von "al-Qaida" und nahestehenden Organisationen intensiv aufklären.
Im Report selbst heißt es im einschlägigen Abschnitt ab Seite 205:
Das Internet ist das wichtigste Kommunikations- und Propagandame- dium für Islamisten und islamistische Terroristen. Die Möglichkeiten dieses Mediums zur Bildung „virtueller“ Netzwerke werden von „Jihadisten“ und ihren Sympathisanten rege genutzt, indem diese über Diskussionsforen und Chatrooms Kontakt zu Gleichgesinnten auf- nehmen und sich offen oder in geschlossenen Foren miteinander austauschen. Auf einschlägigen Internetseiten werden Sachverhalte und Ereignisse über den jeweils eigenen regionalen und sprachlichen Raum hinaus thematisiert. Sowohl die im Internet verbreitete Propaganda als auch die sich dort konstituierenden „virtuellen“ Netzwerke tragen dazu bei, dass sich Aktivisten und Sympathisanten des „globalen Jihad“ als Teil einer einzigen Bewegung begreifen, selbst wenn sich ihre Ziele und Handlungsmotive zuweilen stark unterscheiden. Ihnen ist jedoch gemeinsam, dass sie sich ideologisch an „al-Qaida“ orientieren. Zur Verbreitung „jihadistischer“ Propaganda im Internet werden vielfältige Formate genutzt. So werden regelmäßig Videos, Audiodateien, Online-Zeitschriften und -Bücher veröffentlicht, u.a. Handbücher und Anleitungen zur ideologischen und militärischen Schulung, Bekennerschreiben bzw. Distanzierungen von Anschlägen, Interviews mit Anführern oder Mitgliedern „jihadistischer“ Gruppierungen sowie Ehrun- gen von so genannten Märtyrern.

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2010-05-26

Journalisten als "Gefangene der Sprache der Macht"

--- Robert Fisk, Korrespondent für den Independent im Mittleren Osten, stellt seiner Zunft kein gutes Zeugnis aus, wenn es um das Beleuchten des Spins der Machthaber in Kriegs- und Krisenzeiten geht:
In the western context, power and the media is about words - and the use of words. It is about semantics. It is about the employment of phrases and clauses and their origins. And it is about the misuse of history; and about our ignorance of history. More and more today, we journalists have become prisoners of the language of power. ... Let me show you what I mean. For two decades now, the US and British - and Israeli and Palestinian - leaderships have used the words 'peace process' to define the hopeless, inadequate, dishonourable agreement that allowed the US and Israel to dominate whatever slivers of land would be given to an occupied people. ... But I don't remember any of us pointing out that "the peace of the brave" was used originally by General de Gaulle about the end of the Algerian war. The French lost the war in Algeria. We did not spot this extraordinary irony. Same again today. We western journalists - used yet again by our masters - have been reporting our jolly generals in Afghanistan as saying that their war can only be won with a "hearts and minds" campaign. No-one asked them the obvious question: Wasn't this the very same phrase used about Vietnamese civilians in the Vietnam war? And didn't we - didn't the West - lose the war in Vietnam? ... Just look at the individual words which we have recently co-opted from the US military. When we westerners find that 'our' enemies - al-Qaeda, for example, or the Taliban -have set off more bombs and staged more attacks than usual, we call it 'a spike in violence'. Ah yes, a 'spike'! A 'spike' in violence, ladies and gentlemen is a word first used, according to my files, by a brigadier general in the Baghdad Green Zone in 2004. Yet now we use that phrase, we extemporise on it, we relay it on the air as our phrase. We are using, quite literally, an expression created for us by the Pentagon. A spike, of course, goes sharply up, then sharply downwards. A 'spike' therefore avoids the ominous use of the words 'increase in violence' - for an increase, ladies and gentlemen, might not go down again afterwards.
Die ganze Rede, die Fisk auf einem Forum von Al Dschasira hielt, bringt noch viele weitere aktuelle Beispiele für den Krieg mit Worten.

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2010-05-24

Nord- und Südkorea im Propaganda-Krieg

--- Die sich zuspitzende Auseinandersetzung zwischen Nordkorea und dem südlichen Nachbarn spiegelt sich auch in einer verschärften Propaganda wider:
Kriegsrhetorik, Drohungen, Säbelrasseln: Zwischen Nord- und Südkorea spitzt sich der Konflikt um eine versenkte Korvette zu. ... Südkoreas Präsident Lee Myung Bak kündigte am Montag an, den Uno-Sicherheitsrat einzuschalten, was weitere Sanktionen gegen Nordkorea zur Folge haben könnte. ... Pjöngjang reagierte prompt und drohte am Montag, an der Grenze auf südkoreanische Befestigungsanlagen zu schießen, falls es das Land nicht unterlasse, über Lautsprecher antinordkoreanische Propaganda zu verbreiten.

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2010-04-14

Das "Spinternet"

--- Der in den USA forschende Politikwissenschaftler Evgeny Morozov, ein gebürtiger Weissrusse, hat auf der re:publica 2010 Propagandamöglichkeiten im Internet ausgelotet und zeigte sich skeptisch gegenüber der These der Demokratisierung durch neue Medien:
Morozov, der den Verfall der sowjetischen Hegemonie in Weißrussland als Aktivist miterlebt hat, beschäftigt sich intensiv mit der Frage, wie Diktaturen das Netz nutzen können, indem sie aus dem Internet ein Spinternet machen, dass die offiziellen Verdrehungen (Spin) propagiert. Er wies auf die Tatsache hin, dass gerade moderne autoritäre Regierungen wie Singapur relativ unabhängige Medien erlauben, so lange diese nicht direkte Kritik am Regime üben. In diesen Ländern sei ein regierungsamtlich gesteuerter digitaler Aktivismus denkbar, den Morozov als "Crowdsourcing, Dictator's Cut" brandmarkte. Harsche Kritik übte der Wissenschaftler an Theorien, die von der Digitalisierung selbst schon Demokratisierung erwarten: "Das Verändern der Verhältnisse, die Durchführung einer Revolution ist NICHT mit dem Verbessern eines Eintrags auf Wikipedia vergleichbar. Wer von den kostengünstigen Informationsmitteln schwärmt, muss bedenken dass sie auch für Gegenrevolutionären kostengünstig sind." Für die meisten autoritären Staaten der Welt sei die Vernetzung und Digitalisierung eine Chance. Die Herrscherkasten können so simulieren, dass sie auf das Volk hören, während sie via Facebook das Volk belauschen.
Lesenswert auch ein Gespräch in der FAZ mit den Social-Network-Experten Clay Shirky zum gleichen Thema, hier ein Ausschnitt zum Iran:
Waren denn die iranischen Onlinekampagnen wirklich so hochgradig synchronisiert, und wie hat das die eigentlichen Proteste beeinflusst? Ja, hier gab es eine sehr dynamische Onlinekampagne - aber dass die sich auf die Koordination in der wirklichen Welt erstreckt hätte, konnte ich kaum feststellen. Wie viele Demonstranten, die vorher nicht eingeweiht waren, sind wegen etwas, das sie bei Twitter oder auf Facebook lasen, dann wirklich auf die Straße gegangen? Es gab zwar ein hohes Maß an Abstimmung in der digitalen Welt, aber dass dies zu koordinierten Straßenprotesten geführt hätte, bezweifle ich eher.

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2010-04-07

US-Untersuchungsbericht zum Wikileaks-Irak-Video

--- Nach der Veröffentlichung des Videos "Collateral Murder" durch Wikileaks, das die Erschießung unter anderem von zwei Reuters-Journalisten in Bagdad während des Irak-Kriegs zeigt und mittlerweile große Wellen in den Medien schlägt, ist nun auch der Untersuchungsbericht der US-Armee zu dem Fall an die Öffentlichkeit gelangt. Ging alles mit rechten Dingen zu, die Reporter hätten sich als Pressevertreter markieren müssen, heißt es darin. Dem Bericht ist zu entnehmen:
Zu keinem Zeitpunkt habe es sich bei den Opfern des Hubschrauber-Angriffs ausschließlich um Zivilisten gehandelt. Dass die beiden irakischen Journalisten ums Leben kamen, sei lediglich ein Kollateralschaden, an dem die Reuters-Mitarbeiter nicht ganz unschuldig seien. Keiner der beteiligten US-Soldaten habe falsch gehandelt. ... Im Nachhinein ... seien im Hubschrauber-Video eindeutig zwei Männer zu erkennen gewesen, die Kameras mit großen Objektiven über der Schulter getragen hätten. Diese seien allerdings durch ihre Form leicht mit Sturmgewehren zu verwechseln gewesen, erklärt der Verfasser des Militärberichtes. Zwei andere Männer seien aber eindeutig bewaffnet gewesen. Einer habe ein AK-Sturmgewehr, der andere eine RPG-Panzerfaust in den Händen gehalten. ... Eine Schlüsselszene des von WikiLeaks veröffentlichten Militärvideos zeigt eine Person, die an einer Hauswand kniet, um die Ecke blickt und dabei einen länglichen Gegenstand in den Händen hält. Laut Untersuchungsbericht wird durch eine genaue Betrachtung der Szene deutlich, dass es sich um einen Fotografen gehandelt habe, der durch den Sucher seiner mit einem Objektiv bestückten Kamera blickte.„Durch seine lauernde Bewegungen gab der Kameramann jeden Grund zur Annahme, er plane, eine RPG-Panzerfaust auf US-Soldaten zu feuern“, so der interne Armeebericht. Der Beschuss der Zivilisten durch die Bordkanone des Apache-Kampfhubschraubers wird vom US-Militär als legitime Liquidierung von Aufständischen („insurgents“) gewertet.
Was das Video auf jeden Fall bewirkt: der fast schon vergessene Irak-Krieg gerät mitten in den immer wieder aufflammenden Kämpfen in Afghanistan ("umgangssprachlich Krieg" laut Verteidigungsminister zu Guttenberg) erneut ins Zentrum der internationalen Aufmerksamkeit.

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2010-03-28

Strategien der Meinungsmache der CIA

--- Wikileaks ist mal wieder ein Coup gelungen mit der Veröffentlichung eines CIA-Strategiepapiers (PDF-Datei) zur Beeinflussung der öffentlichen Meinung zum Afghanistan-Krieg insbesondere in Europa:
This classified CIA analysis from March, outlines possible PR-strategies to shore up public support in Germany and France for a continued war in Afghanistan. After the Dutch government fell on the issue of dutch troops in Afghanistan last month, the CIA became worried that similar events could happen in the countries that post the third and fourth largest troop contingents to the ISAF-mission. The proposed PR strategies focus on pressure points that have been identified within these countries. For France it is the sympathy of the public for Afghan refugees and women. For Germany it is the fear of the consequences of defeat (drugs, more refugees, terrorism) as well as for Germany’s standing in the NATO.
Mehr dazu bei Telepolis
Das CIA-Team ist der Meinung, dass die Europäer eher hinter der militärischen Mission stehen würden, wenn sie eine Verbindung zwischen dem Ergebnis der ISAF-Mission und ihren eigenen Interessen sehen würden. Das müsse konstant kommuniziert werden. Dazu müsse deutlich gemacht werden, dass die ISAF-Mission den afghanischen Zivilisten hilft und dass die große Mehrheit der Afghanen diese begrüßt. Gut sei auch, die Schuldgefühle bei einem vorzeitigen Rückzug durch die "Dramatisierung der möglichen negativen Folgen" zu verstärken. So könne die Gefahr, dass die "hart errungenen Fortschritte" bei der Ausbildung der Frauen wieder zurückgefahren werden, womöglich die Franzosen mobilisieren. Die Deutschen seien eher pessimistisch und sehen die ISAF-Mission als Geldverschwendung an. Hier könne man den Optimismus der Afghanen entgegen stellen, und man müsse die terroristische Gefahr beschwören, die durch eine Niederlage in Afghanistan für Deutschland entstehe.
Dazu passend: Wikileaks fühlt sich gerade beim Versuch, Island in einen Datenfreihafen zu verwandeln, massiv von US-Geheimdiensten beschattet.

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2010-03-14

Panik in Georgien nach TV-Bericht über Russeneinmarsch

--- Das erinnert ja stark an die Frühzeiten des Radios und die im vorigen Jahrhundert angekündigte Allien-Invasion:
Massenpanik in Georgien nach gefälschten Fernsehnachrichten: Ein Bericht über einen angeblichen neuen Einmarsch russischer Truppen in der Südkaukasusrepublik sowie den Tod des georgischen Präsidenten Michail Saakaschwili hat am Samstagabend viele Georgier in Angst und Schrecken versetzt. Der von Saakaschwili kontrollierte TV-Sender Imedi erklärte erst am Ende der Sendung, dass es keinen neuen Krieg gebe. Es sei nur eine mögliche Entwicklung gezeigt worden, hieß es. Russland, die georgische Opposition und Politologen sprachen von einem Skandal. Medien berichteten von chaotischen Zuständen unter der Bevölkerung mit Panikkäufen etwa von Benzin. Groß war die Aufregung in der Stadt Gori, die russische Truppen während des Krieges im August 2008 besetzt hatten. Notdienste mussten demnach Dauereinsätze fahren. Die Mutter eines georgischen Soldaten, die die TV-Sendung gesehen hatte, sei an einem Herzinfarkt gestorben
Seltsames Spiel mit dem Feuer.

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2010-03-11

Mit Drohnen zum "War Porn"

--- Spiegel Online hat ein Interview mit dem US-Politologen P.W. Singer geführt über die Auswirkungen des zunehmenden Einsatzes von Drohnen in Kriegen und Krisen auf die sie steuernden Soldaten und die Öffentlichkeit:
Traditionelle Bomberpiloten sehen ihr Ziel nicht. Der Drohnenflieger sieht sein Ziel dagegen aus nächster Nähe, und er sieht, was bei der Explosion und danach mit dem Ziel passiert. Du bist physisch weiter entfernt, aber du bekommst mehr mit. Auch tobt der Drohnenkrieg rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr. Als wärst du ein Feuerwehrmann, und es brennt jeden Tag. Das nimmt einen emotional und körperlich mit. Außerdem sind viele Drohneneinheiten personell unterbesetzt. ... Auf einmal sind alle Kriegsoperationen per Computer dokumentiert. Das macht den Krieg zu einer Art Unterhaltungsform. Nehmen Sie nur die YouTube-Videos von Drohneneinsätzen. Die Soldaten nennen daswar porn", Kriegsporno. Wir sehen mehr, empfinden aber weniger.
Gestern gab es zum Thema schon ein Interview mit einem Piloten der US Air Force.

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2010-03-10

Die "leeren" Memoiren von Bushs Spindoktor Karl Rove

--- Tim Rutten von der Los Angeles Times hat die Memoiren von George W. Bushs Spindoktor Karl Rove gelesen:
"Courage and Consequence: My Life as a Conservative in the Fight" pretty much completes the recollections of those who surrounded George W. Bush during his eight-year presidency. ... Rove, of course, was the political architect of all Bush's successful campaigns, as well as those of dozens of other Republican candidates. ... interesting are the vague and largely unexamined origins of Rove's conservatism. As he tells it, he holds the views he does largely because he grew up in the mountain West, where self-reliance is prized, and because when, as a 10-year-old Denver boy, he put a Richard Nixon sticker on his bike, a little girl down the street whose family supported John F. Kennedy beat the heck out of him. ... For a man who repeatedly used "family values" and "faith-based" considerations as wedge issues in his campaigns, there is in this book nothing of how his own two marriages failed nor why he, like Bush, remains unchurched. Still, it's clear that his great disappointment was the failure of "compassionate conservatism" -- defined mainly as privatizing Social Security and Medicare supporting faith-based social services -- to accomplish a fundamental electoral realignment. ... His is a Manichaean view of American society -- divided irremediably between dark and light, allies and enemies. ... Rove considers his singular shortcoming the failure to mount a push-back against those who charged the administration had misled the country into going to war in Iraq by falsely asserting Saddam Hussein's possession of nuclear, chemical and biological weapons and by alleging his complicity in 9/11. One reason for the lack of rebuttal, the author writes, "was that we felt it was beneath the dignity of the president to refute such outlandish charges." ... It's worth wondering just how much of our current political discontent grows out of the dominance on both sides of the aisle of men and women, like Rove, whose only serious experience of American life is politics itself.

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2010-03-08

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Harald Christ stellt Anzeige gegen Norbert Essing

--- Die Auseinandersetzung zwischen dem Unternehmer Harald Christ und dem Spindoktor Norbert Essing geht weiter, melden Spiegel, NOZ und kress:
Der Unternehmer Harald Christ hat laut Informationen des "Spiegel" Strafanzeige gegen seinen früheren PR-Berater Norbert Essing gestellt. Essing habe ihn gegenüber seinem ehemaligen Arbeitgeber, der Weberbank, verleumdet. ... Essing soll, so der zentrale Vorwurf laut "Spiegel", Christ als pädophil bezeichnet haben. Ein Video, das Essing in einer Tankstelle zeigt, soll beweisen, dass er der Versender eines anonymen Fax mit den Vorwürfen an die Weberbank war. Die Strafanzeige, die von dem ehemaligen Bundesinnenminister Otto Schily im Auftrag Christs eingereicht wurde, wirft dem bekannten PR-Mann Essing laut dem Bericht zudem versuchte Erpressung und versuchte Nötigung vor. ... Die "Neue Osnabrücker Zeitung" berichtet in ihrer Montagausgabe, Essing seinerseits habe bereits am 17. Februar Strafanzeige gegen Christ gestellt wegen falscher Anschuldigung, Beleidigung und Verleumdung.
Ein ziemliches Hauen und Stechen im SPD-Umfeld.

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