2004-08-30

Darf über Prominente bald nur noch Gesponnenes berichtet werden?

--- Vor allem die Springer-Presse fährt momentan eine lautstarke Kampagne gegen das "Caroline-Urteil" des Europäischen Gerichtshofs. Gemeinsam mit zahlreichen anderen Verlegern befürchtet man bei Axel Springer, dass eine kritische Berichterstattung über Promis aus den Bereichen Show, Adel oder Politik nicht mehr möglich sein wird: Was dürfen Zeitungen über Prominente berichten? Nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte nur noch das, was genehm ist. Nun fordern 43 Chefredakteure Gerhard Schröder auf, in Brüssel für die Pressefreiheit zu kämpfen. Nahezu unbemerkt von der Öffentlichkeit ist eine Entwicklung eingetreten, die eine Grundfeste unserer Demokratie bedroht - die Pressefreiheit. Nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte soll künftig eine Berichterstattung über Personen des öffentlichen Lebens nur zulässig sein, so weit es um deren offizielle Funktion geht. Wie sich diese Personen sonst verhalten, mit wem sie sich treffen, mit wem sie Geschäftskontakte haben oder von wem sie sich den Urlaub bezahlen lassen, darf dann nicht mehr berichtet werden. Was unter dem Vorwand, die Privatsphäre vor Paparazzi zu schützen, beschlossen wurde, hat dramatische Folgen für die Medien insgesamt. Wenn die Bundesregierung gegen dieses Urteil keine Berufung einlegt, werden allen seriösen Journalisten die Hände gebunden. Es ist damit zu rechnen, dass Berichte unzulässig werden wie über

- die private "Adlon"-Sause, die sich Ex-Bundesbank-Präsident Welteke von einer anderen Bank finanzieren ließ,
- die anrüchigen Aktiengeschäfte des ehemaligen IG-Metall-Chefs Steinkühler,
- die Putzfrauen-, Billigmieten- und Ikea-Affäre von Ex-Ministerpräsident Biedenkopf,
- die Verbindungen des Ex-Verteidigungsministers Scharping mit dem PR-Berater Hunzinger,
- das wenig adelige Verhalten des Prinzen Ernst August von Hannover am türkischen Expo-Pavillon.

Über all dies soll nur noch mit Einwilligung der Betroffenen berichtet werden dürfen. Damit wird die wichtigste Aufgabe der freien Presse, den Mächtigen auf die Finger zu schauen, massiv behindert.

1 Comments:

At 10:56 nachm., Blogger fartmeal said...

Über all dies soll nur noch mit Einwilligung der Betroffenen berichtet werden dürfen. Damit wird die wichtigste Aufgabe der freien Presse, den Mächtigen auf die Finger zu schauen, massiv behindert.Und ohne jetzt gleich den Teufel an die Wand malen zu wollen (oder doch?): Am nächsten Einschnitt wird ja auch schon massiv gebastelt, der Kontrolle von Regierungen und Institutionen über das - bislang noch anarchische und daher freie - WWW. Ich erinnere nur an die ICANN-Diskussion vor wenigen Jahren und die ständigen aktuellen Machtkämfpe.

Ein wenig fatalistisch, zugegeben, aber mich wundert eigentlich eh', wie lange schon sich das Internet ungehindert ausbreitet und wächst und der wirksamen Kontrolle von Nationen und Lobbyisten bislang entzieht. Es bleibt zu hoffen, daß gerade dieses unkontrollierte Wachstum seine größte Stärke in der Auseinandersetzung um Machtverhältnisse bleibt ... (und damit ein letztes Refugium der Freiheit)

 

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