2004-11-03

Amerika hat verloren

--- Das werden vier weitere harte Jahre. Glaubt man den Medienberichten und allen voran den großen US-Fernsehsendern, gibt es kaum noch Zweifel, dass Bush die Wahl gewonnen hat. In Ohio wird zwar noch weitere elf Tage gezählt, doch an ein Kerry-Wunder dort zu glauben, bringt wohl nicht mehr viel. Zumal es da nur noch auf die Wahlmänner ankommt, nicht mehr auf die eigentliche Stimme des Volkes, die "popular vote", wo Bush mit fast vier Millionen Stimmen vorne liegt. Und dann noch die hohen Gewinne im US-Congress. Die Welt war größtenteils gegen Bush, aber der konservative Republikaner hat vor allem in den Mittelstaaten der USA punkten können, wo sich die Menschen auf keine Experimente einlassen wollen. Die Strategie von Bushs Wahlkampfteam und Spindoktoren, Kerry als wankelmütigen "Flip-Flopper" hinzustellen, der im mythischen "Krieg gegen den Terror" nur versagen werde, scheint aufgegangen zu sein. Die US-Regierung wird ihr Land demnach weiter in ihre neokonservative Isolation treiben können -- was immer das für Europa und den Rest der Welt bedeutet. Europa könnte davon letztlich auch profitieren und zur Weltmacht reifen, wenn die EU-Länder ihre Partikularinteressen in den Griff bekommen. Doch den alten Partner Amerika rechts liegen zu lassen, wäre hart und ungewöhnlich.

Die Ausblicke, die rechte Blogger wie Stephen Green (alias Vodkapundit) in den USA siegessicher auf die künftige politische Linie ihres Landes geben, lassen aber wenig Spielraum für konzertierte EU-US-Aktionen: On the plus side, we'll stop jerking around with the insurgents in Fallujah. Bush, Cheney, Rumsfeld, and CENTCOM won't have to worry any longer about delicate domestic sensibilities. Finally, they'll be free to do the killing -- and there's no nicer word for it -- that needs to be done there. Another plus: The US just gained some serious negotiating strength with Iran's mullahs. And when I say "negotiating strength," I mean, "the increased threat of superior firepower." Iran stands to lose a lot of money, men, and material in Fallujah, too. If Arafat lives and somehow manages to sneak back into his West Bank compound? So what. We still won't have a President in the White House willing to pressure the Israelis into providing more concessions to the murderous bastard. As an added benefit, Ariel Sharon will gain some added cover for his plan to pull fully out of Gaza over the next few years. Pre-emption will remain a viable foreign policy option -- there will be no "global test" to give the UN a near-veto on American actions. France, Germany, and the rest of the Axis of Weasels will know that no matter how much they carp, they'll still have to deal with Bush for four more years. I don't know about you, but the idea of Jacques Chirac having to make a forced-polite congratulatory call to Bush makes me want to light a Cohiba and pour another scotch.

Weitere "präemptive" Schläge, weiterer Terror, weitere Alleingänge im blinden Vertrauen auf die militärische Allmacht -- wäre da ein weltweiter Volkstrauertag angebracht? Man könnte andererseits natürlich auch sagen, jetzt müssen die Republikaner in den nächsten vier Jahren die Sch.. (nicht nur, aber auch das große Haushaltsdefizit) selbst ausbaden, die sie den Amerikanern eingebrockt haben. Aber der gesamte konservative Swing, der etwa auch im Supreme Court ansteht, könnte weitaus längeren und größeren Schaden anrichten. Mit Sicherheit sagen lässt sich nur, dass die liberalen Medien und aufmerksame Blogger in den nächsten Jahren nach wie vor viel zu tun haben werden, um dem Bush-Cheney-Rumsfeld-Ashcroft-Clan wenigstens ein bisschen auf die Finger zu schauen.

Ansonsten macht es kaum Sinn, auf die Armada der Wahl-Artikel allüberall zu verlinken. Lesenswert jedenfalls ein Kommentar im österreichischen Standard über das "Bushland": Wenn Bush - und danach schaut es aus - die Überprüfungen und Streitigkeiten übersteht, dann hat er endlich jene demokratische Legitimierung gewonnen, die nach den Skandalen in der Wahl 2000 so sehr in Zweifel stand. ... Vor vier Jahren trat Bush als "mitfühlender Konservativer" an der die Nation durch eine gemäßigte Politik einen würde. Diesmal ließ er keine Zweifel an seinen extrem-konservativen Absichten. ... Das ist auch ein Grund zur Sorge. Die Amerikaner haben Bushs Botschaft, wonach sich das Land seit den Terroranschlägen des 11. September 2001 im Krieg befindet, aufgenommen und ihren selbst ernannten "Kriegspräsidenten" im Amt bestätigt. Sie haben sich damit für eine Politik der Angstmache ausgesprochen, die den Rest der Welt vom Kopf gestoßen hat. Sie haben einen Präsidenten wiedergewählt, der das komplexe Problem des islamistischen Terrorismus ausschließlich mit militärischen Mitteln bekämpfen will, der die Beziehungen zu den Verbündeten schwer belastet und die Vereinigten Staaten zum Feindbild für einen großen Teil der Menschheit gemacht hat. Amerika wird seinen unilateralistischen Kurs fortsetzen und den diffusen, aber so riskanten "Krieg gegen den Terror" möglicherweise in neue Länder tragen. Bush wurde für das offensichtliche Fiasko des Irakkrieges, in das er sein Land mit Unwahrheiten hineingezogen hat, nicht abgestraft. Man kann nun davon ausgehen, dass dieser politische und psychologische Kriegszustand noch sehr lange dauern wird. Die Wahl macht auch deutlich, dass die Amerikaner anders ticken als die Europäer. Mehr als 60 Millionen Wähler haben sich für einen Mann entschieden, der überzeugt ist, von Gott gelenkt zu werden und religiöse Werte in der amerikanischen Gesellschaft umsetzen wird. Mit der bevorstehenden Neubesetzung von bis zu vier Höchstrichtern ist das Recht auf Abtreibung genauso in Gefahr wie die Schritte zum Abbau der Rassendiskriminierung. ... Kerry hat im Endspurt alles gegeben, was möglich war. Nicht er hat die Wahl verloren, sondern Bush und sein mächtiger Berater Karl Rove haben sie mit ihren Botschaften und ihrer Politik gewonnen. Amerika und sein Präsident gehören zusammen - ob die Welt das will oder nicht.

Ebenfalls sehr gut zu lesen eine Analyse in der Zeit, hier nur ein kurzer Ausschnitt: Als am Nachmittag die Prognosen aus den einzelnen Bundesstaaten zirkulieren, scheint die Wahl gelaufen. Überall liegt der Herausforderer vorn. Im Fernsehen werden überschwängliche Demokraten von Journalisten daran erinnert, dass »John Kerry noch nicht gewählt ist«. Im Talk-Radio bereitet ein Moderator nach Wochen des rechten Trommelfeuers seine Hörer »auf die sehr reale Möglichkeit einer Präsidentschaft John Kerrys« vor. Doch merkwürdig: Die ersten Ergebnisse decken sich nicht mit den Umfragen an den Wahllokalen. Stunden vergehen, und aus Beobachtungen werden Trends. Langsam schlägt die Stimmung um. Gegen Mitternacht fällt Florida an Bush.. Die Merkwürdigkeiten werden sicher noch dazu führen, dass die anfälligen und manipulierbaren elektronischen Wahlmaschinen in vielen Bundesstaaten noch einmal auf den Prüfstand gehoben werden und die Verschwörungstheorien sprießen. Der Zeit-Artikel verweist zudem auf das Buch The Right Nation von John Micklethwait und Adrian Wooldridge (eine "Rezension" aus konservativer Perspektive dazu gibt es hier. Es wird höchste Zeit, sich mit den darin beschriebenen Entwicklungen auseinander zu setzen.

3 Comments:

At 3:52 nachm., Blogger fartmeal said...

Weitere "präemptive" Schläge, weiterer Terror, weitere Alleingänge im blinden Vertrauen auf die militärische Allmacht -- wäre da ein weltweiter Volkstrauertag angebracht?Ohne willentlich in noch mehr Pessimismus verfallen zu wollen, steht dennoch zu befürchten, daß das schon die Terroristen erledigen werden, wobei wir aus der Vergangenheit wissen, daß sie dafür einen Zeitpunkt und eine Anschlagsform wählen werden, die ihnen größtmögliche, weltweite Aufmerksamkeit garantiert (vgl. hierzu Terrorziel Madrid: Anschlag auf Real-Stadion geplant auf SPIEGEL ONLINE oder auch Bioterrorismus: Forscher rechnen mit Pocken-Anschlag).

Man muß nun beinahe annehmen, daß bin Laden durch das kürzlich aufgetauchte Video seinen "bewährten" Gegenspieler im Amt bestätigt sehen wollte, um den Kurs der gewaltsamen Konfrontation aufrechterhalten zu können.

Schlimme Zeiten...

 
At 5:36 nachm., Anonymous Anonym said...

Senator Kerry hat geschmissen und Bush offenbar zum Sieg gratuliert. Das war's dann wohl (Quelle: AP und RTL, gerade eben).

Angesichts der Bedeutung, die diese Wahl hat, stellt sich die Frage, ob wir nicht tatsächlich als 51st state wahlberechtigt sein sollten. Finde ich. Kann ja nicht angehen, dass ein paar duchgeknallte Rednecks über _mein_ Schicksal bestimmen.

Als Alternativlösung könnten unsere amerikanischen Freunde auch einfach auf "Aussenpolitik" verzichten und ihre Abgase bei sich behalten.

Mmh, ich denke, ich werde diese beiden Vorschläge bei meinem nächsten Treffen mit dem US-Botschafter eben diesem unterbreiten. So geht das nicht weiter ,)

 
At 3:42 vorm., Anonymous Anonym said...

Sharon ausgezählt?

 

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