2004-11-29

Redaktionen von PR überrollt?

--- Über den Einfluss der PR auf den Journalismus hat es schon viele Untersuchungen seit den 1980ern gegeben. Während der Tenor meist war, dass zwar hohe Anteile (zwischen 80 und 90 Prozent) der Texte, die über die Medien laufen, irgendwie auch PR-lanciert sind, aber doch noch einiges an Eigenrecherche drin steckte, scheinen die Bastionen des "Qualitätsjournalismus" nun noch kleiner zu werden. Die will zumindest Journalistikprofessor Michael Haller von der Uni Leipzig herausgefunden haben: Auf dem Journalistentag zum Thema "Embedded Forever -- Verkommt der Journalismus im bequemen Bett von PR und Marketing?" (Programm als PDF) erklärte er: Die Macht der PR geht einher mit der Ohnmacht der Journalisten. Professionelle Öffentlichkeitsarbeit nimmt seiner Ansicht nach personell ausgedünnte Redaktionen verstärkt in den Griff. Dies zeige auch die seit mehreren Jahren laufende Benchmarking-Studie des Instituts für Journalistik der Universität Leipzig: Das Gros der befragten Journalisten
hält demnach PR-Texte notwendig für die tägliche Arbeit. Dennoch sank seit 1993 die für Recherche zur Verfügung stehende Zeit von 130 Minuten auf 90 Minuten pro Tag. Haller: Das ist ein dramatischer Rückgang. Wir haben deutliche Anzeichen, dass durch Produktionsdruck und schwindende Manpower in den Redaktionen die Tendenz zu unkritischer Berichterstattung wächst. Dieser Trend, so Haller, sei inzwischen aber auch bei personell gut ausgestatteten Tageszeitungen festzustellen. Als Beispiel nannte er das Hamburger Abendblatt, das zahlreiche Artikel bringe, die sich nur auf Public Relations stützen und auf Recherche verzichten. Die kontinuierliche Analyse des Lokalteils von sechs Regionalzeitungen habe ergeben: Von 1998 bis jetzt stieg die Zahl der Texte, die nur eine Quelle nennen, von rund 20 auf rund 30 Prozent. Diese so genannte Einbahnstraßen-Berichterstattung sei oft weit weg von journalistischen Qualitätsstandards, weil sie wie ein Briefträger häufig nur die Botschaft des Absenders transportiere. Die Schuld sieht Haller weniger bei den Kollegen in den Redaktionen, als bei jenen Verlegern, die mit Sparmaßnahmen die Leistungskraft der Redaktionen herunterfahren.

Disclaimer: auch dieses Posting beruht auf einer Pressemitteilung (von der Uni Leipzig) und fährt so mit in der Einbahnstraße ;-)

2 Comments:

At 11:26 nachm., Anonymous Anonym said...

Das Problem zwischen PR und Journalismus entsteht leider auch durch die immer weniger journalistisch ausgerichtete Ausbildung der PR-Leute... Denn so kommen Texte - Informationen mag ich kaum sagen - für die Medienarbeit zustande, die noch nicht einmal geringsten Pressestandards genüge tun, sondern nur noch Marketingblabla der Unternehmen darstellen. Folge: Einbahnstraßenjournalismus. Aufgeklärte, anspruchsvolle PR kann durchaus zu sehr tragfähigen, konstruktiven Kooperationen mit Redaktionen führen. Zum Vorteil der Leser. Und zum Vorteil der Absenderunternehmen...

Thomas Ffm

 
At 2:16 nachm., Anonymous Anonym said...

Das kann doch wohl kein Vorteil für den Leser sein, dass er, auf der Suche nach neutraler Information, einer gut getarnten PR Kampagne aufsitzt.

Sollte das ernst gemeint sein, herzlichen Glückwunsch für dieses Armutszeugnis einer journalistischen Berufsauffassung. Hauptsache es reicht noch, das Haus abzuzahlen.

 

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