2004-07-30

CDU lernt von den USA

--- Die CDU bereitet sich bereits intensiv auf den Bundestagswahlkampf 2006 vor. In Berliner Beratungskreisen wird zumindest kolportiert, die Partei habe bereits Berater engagiert, die sich derzeit intensiv in den USA nach Wahlkampfmethoden umsehen. Vor allem sollen neue Formen der Wähleransprache gefunden werden. Wenn wir mehr erfahren, berichten wir weiter.

Kerry redet sich warm

--- Unglaublich, John F. Kerry hat es geschafft, seine 46-minütige Rede (hier das vorbereitete Skript, von dem Kerry mehrfach abgewichen ist) auf dem Parteitag der Demokraten doch tatsächlich emotional rüberzubringen. Wir werden sicher im Nachhinein noch hören, welches spezielle Motivationstraining seine Spin Doctors vorher mit ihm absolviert haben. Die Medienwelt ist jedenfalls ziemlich begeistert, ob Blogger oder "Profi-Journalisten". Euphorisch geradezu zeigt sich der Korrespondent von Spiegel Online: Kerry zeigt Schweiß. Kerry zeigt Biss. Kerry macht Ernst. Zunächst verhalten, dann immer animierter und von sich selbst ganz mitgerissen, findet der Mann, den sie so lange als Wahlkampf-Wattebausch verhöhnt haben, seinen Tritt. Und beginnt zu kämpfen - mit großen Worten, donnernden Anklagen und hehren Versprechen, vor allem an die Seinen. ... John Kerry hält, wie alle Kommentatoren übereinstimmend befinden, die "Rede seines Lebens". Dabei gibt es inhaltlich absolut nichts Neues zu hören: "Ich werde die Vertrauens- und Glaubwürdigkeit des Weißen Hauses wiederherstellen", ruft er. "Ich werde ein Oberkommandierender sein, der uns nie in einen Krieg irreführt." Ständige Anspielungen auf die Vietnam-Erfahrungen, die Darstellung als verantwortungsvoller oberster Heeresführer, das alles war erwartet worden und läßt einen echten Kursumschwung erst einmal nicht vermuten. Die New York Times hat mitgezählt und kommt auf 17 Anspielungen auf "Stärke" bei einem Politker, der sich hauptsächlich als Gallionsfigur in einer "Nation im Krieg" darstellt. Aber anders funktioniert es im Amerika nach dem 11. September wohl nicht mehr. Menschlich jedenfalls kam Kerry erstmals so rüber, wie es sich seine Berater und Anhänger seit langem wünschen.

Die Convention-Blogger sind ebenfalls absolut begeistert: Incredible. He nailed it. I don't know how it looked on TV, but I can tell you that John Kerry pulled it off inside the hall tonight. Amidst some incredible security outside the Fleet Center, Kerry gave the speech of his life tonight when the pressure was the greatest. He somehow managed to straddle the line perfectly between giving the base its red meat to deal with their anger (something that Bill Schneider of CNN said he wouldn't do) while providing a vision and positive agenda for the voters he was trying to reach tonight. All I can say, without overstatement, is that the atmosphere during the speech and most importantly after it was nothing short of elation and electricity, schreibt der Left Coaster. Und LiberalOasis gibt Kerry eine glatte Eins, er habe alle Anforderungen an die Rede glatt erfüllt. Nur die rechten Blogger konnten sich naturgemäß auch dieses Mal nicht mit Kerry anfreunden. ihre Stimmen hat der InstaPundit gesammelt, der gleichzeitig erstmals Comments zu einem Posting zuließ -- auch eine Premiere.

Update: Wer sich John Kerry "reporting for duty" in voller Länge als Video reinziehen will: die Real-Version bei der Washington Post ist empfehlenswert.

Update 2: Eine Presseschau mit weniger euphorischen Stimmen europäischer Zeitungen gibts bei ftd.de

2004-07-29

Moore spinnt

--- Nachdem Moores Fahrenheit 9/11 gestern in Berlin seine offizielle Deutschlandpremiere hatte und seit heute im Kino ist, sind die Gazetten pünktlich zum Filmstart voll von Kritiken. Am interessantesten: Spiegel Online entlarvt Moore als Spin Doctor: Natürlich lügt Michael Moore in "Fahrenheit 9/11" nicht. Gleichwohl spielt er so virtuos mit Fakten, Zahlen und Zusammenhängen, dass man sich schon fast an die Methoden seines erklärten Erz-Feindes, der Regierung George W. Bushs, erinnert fühlt. Auch die Bush-Krieger bedienen sich gerne eines kunstvoll gewobenen Verbindungsgeflechts aus Personen und Fakten, um ein Feindbild zu entwerfen. Dieses Netz konzentriert sich zumeist auf Osama Bin Laden oder Saddam Hussein. Michael Moore spielt dieses Spiel umgekehrt. Am Ende laufen alle Fäden bei dem zum Bösewicht erklärten US-Präsidenten zusammen. Es folgen einige Beispiele für Moores Anti-Bush-Propaganda wie zu den Themen der Saudi/Bin-Laden- bzw. der Bush/Saudi-Connection. Weitere Kritiken unter anderem in der Frankfurter Rundschau, dem Tagesspiegel oder in der Berliner Zeitung ("grandiosester Propaganda-Film seit Jahrzehnten").

Islamisten kochen weiter auf hoher Flamme

--- Die x-te Drohung der Abu Hafis al-Masri Brigaden gegen Europa, insbesondere: gegen Berlusconi und Italien: In einer der Drohungen, die auf einer islamistischen Website veröffentlicht wurden ..., wird der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi direkt angesprochen: "Wir werden die Städte Europas erschüttern, und wir werden mit dir anfangen, Berlusconi, und wir werden es blutig machen, bis du auf den richtigen Pfad zurückkehrst. Warte auf uns, Berlusconi, und auch deine anderen Verbündeten, wartet auf unsere Versprechen, die wir dir offenbart haben, und die wir nun Europa kundtun." ... Nun habe man den Krieg begonnen, man werde "Wasserfälle aus Blut" verursachen und nicht eher aufhören, bis die Länder Europas den Forderungen Bin Ladens zustimmten, heißt es auf der Seite weiter. Den vollständigen Text gibts bei NEIN zu lesen, mit dem Hinweis: The operational capabilities of Abu Hafs Masri Brigade are unknown. Bisher hat die Gruppe den Mund immer sehr voll genommen, bleibt zu hoffen, dass es dabei bleibt. Derweil haben die Gotteskrieger im Irak zwei Pakistaner enthauptet, ein Video ging wie gewöhnlich an al-Dschasira, der Sender hat es aber nicht gezeigt.

Kerry, das Häschen, und andere Convention-Pannen

--- Trotz der Anheuerung eines Hollywood-Produzenten für die Inszenierung der Democratic National Convention in Boston bleiben die PR-Pannen nicht aus. Da ist zum einen das Häschenfoto von John Kerry bei einem NASA-Besuch, das anscheinend von den republikanischen Spin Doctors gezielt und rechtzeitig zum Parteitag des gegnerischen Lagers gestreut wurde. Und dann Teresa Heinz Kerrys energische Zurechtweisung eines Journalisten schon am ersten Tag der Versammlung. "Shove it", riet sie dem konservativen Journalisten, was mit "Zieh Leine" noch recht milde übersetzt wäre. Doch zumindest Mutter Teresa konnte damit auch ein paar Sympathiepunkte einheimsen als resolute, vor den Medien nicht in die Knie gehende Dame, während Kerry mit dem Teletubby-Dress in diesem Moment schon etwas blöd dasteht. Die lustigsten Interpretationen der Vorfälle gibts wie immer beim Borowitz-Report: In a terse statement released to reporters at the party convention in Boston, the DNC indicated that “Mrs. Kerry has agreed with party officials that she could make her most valuable contributions to the presidential campaign from a soundproof chamber buried miles beneath the earth’s crust.” Wir fragen uns derweil: Wird es ihr Gemahl schaffen, die Massen am heutigen Donnerstagabend tatsächlich einmal zu begeistern? Oder reicht es, wenn sein getreuer John Edwards umjubelt wird und gegen Bushs "hasserfüllte Politik" wettert?

2004-07-28

Convention-Blogger: Sündenfall in der Blogosphäre?

--- Mit reichlich Verspätung hat Spiegel Online jetzt doch auch die Convention Bloggers entdeckt. In einem länglichen Artikel hält Frank Patalong zunächst die Blogger-Ehre hoch ("erfrischend ehrlicher Gegen-Journalismus") -- wirft den geladenen (wenn auch nicht bezahlten) Web-Berichterstatter in Boston dann allerdings vor, sich quasi "einbetten" zu lassen und ihre Unabhängigkeit zu verkaufen: In einem Medium, in dem jeder Äußerung in Diskussion und Eins-zu-Eins-Kontakt widersprochen werden kann, hat die subjektive Stimme weit mehr Gewicht als in den klassischen Medien - und jede Berechtigung. Und trotzdem hat die Sache ein G'schmäckle: Gerade die Blogging-Szene lebt von ihrem Mythos, unabhängig zu sein, vorbei an den angeblich ausgetretenen Pfaden zwischen Macht und Medien freie Stimmen zu Gehör zu bringen. Gerade das begründete doch den Ruhm der Blogger zu Zeiten des Irak-Krieges, als sie sich erfolgreich unabhängig darstellen konnten, während die Profis "embedded" an die Leine der Zensur genommen wurden. Doch der Sündenfall begann fast umgehend. Die Form des Blogs fand Eingang in die mediale Berichterstattung, Anbieter wie CNN oder BBC spielten Blog - und längst ist Spreu von Weizen kaum mehr zu trennen. Hm, ist was Wahres dran. Doch statt zu lamentieren, sollte Spiegel Online lieber anerkennen, dass die Blogosphäre erwachsen wird und die Grenzen zwischen "Profi-Journalismus" und "unabhängiger Meinungsäußerung" im Web schon immer fließend waren. Und vielleicht tatsächlich mal bei den Convention Bloggers reinlesen. Natürlich ist viel Belangloses dabei, aber immer wieder auch spannende Berichte. Nur kostet es halt etwas Zeit, da tiefer einzutauchen. Abschied vom Mythos also? Klar -- aber immer nur ein bisschen.

Randbemerkung: Und weil's hier momentan fast nur ums Bloggen geht, hier noch der Verweis auf ein Dossier
zu Weblogs und Journalismus bei Onlinejournalismus.de. Für Spindoktor-Leser dürfte da allerdings wenig Neues dabei sein.

Und mal wieder ein Update: Zum ganzen Convention-Blogger-Hype hier ein wundervolles Fake-Interview aus dem Fafblog mit Wolf Blitzer von CNN

Sudan: Intervention scheint unvermeidlich

--- Dorfbewohner bei lebendigem Leib angezündet", betitelt Spiegel Online einen Artikel über "neue Gräueltaten im Sudan". Derlei Medienberichterstattung kann allgemein als klares Anzeichen dafür gesehen werden, dass eine Intervention (getragen durch die UN?) nun bald vor der Tür steht. Die Empörung der Weltöffentlichkeit soll wachsen, dann kann es losgehen. Nur dumm, dass die Aufmerksamkeit momentan eher auf Olympia, den langsam eintreffenden Sommer, den Irak, die Demokraten oder Michael Moore gerichtet ist. Aber nichtsdestoweniger ein Blick gen Süden: Aus der sudanesischen Krisenregion Darfur werden neue Gräueltaten gemeldet. ... Deutschland und die USA verstärkten unterdessen den Druck auf die Regierung in Khartum. ... Deutschland und die USA forderten die sudanesische Regierung auf, die marodierenden Reitermilizen in Darfur zu entwaffnen. Außenminister Joschka Fischer sagte dem Fernsehsender n-tv, die Regierung in Khartum dürfe nicht aus der Verantwortung entlassen werden. Die USA brachten am Dienstagabend ihren jüngsten Entwurf für eine Uno-Resolution zu der Krise in Darfur offiziell im Weltsicherheitsrat ein. Darin wird dem Sudan mit Sanktionen nach einer 30-Tage-Frist gedroht. Washington dringt darauf, die Resolution am Donnerstag oder Freitag zu verabschieden. ... Bei einem Überfall auf ein Dorf seien die Einwohner in Reihen aufgestellt und dann bei lebendigem Leib angezündet worden. Militärbeobachter vor Ort in der Krisenregion sprachen in einem am Mittwoch bekannt gewordenen Bericht von einem "nicht provozierten Angriff auf die Zivilbevölkerung". Sie hätten jedoch keine Belege, dass Soldaten der sudanesischen Armee an diesem Angriff beteiligt gewesen seien. Das Dorf sei nach dem Angriff Anfang Juli vollkommen ausgebrannt und verlassen gewesen. Nach Uno-Schätzungen sind in der westsudanesischen Provinz zwischen 30.000 und 50.000 Menschen durch die Milizen getötet worden.

Update: Mehr zum Thema jetzt in Telepolis.

Gotteskrieger schießen sich auf Kerry ein

--- Wie die Dschihad-Watcher vom Northeast Intelligence Network (NEIN) berichten, wird in islamistischen Online-Foren anlässlich des Parteitags der Demokraten eifrig über John Kerry diskutiert. Die Gotteskrieger gehen dabei davon aus, dass der Vietnam-Veteran die Wahl gewinnt -- wollen deswegen aber keinesfalls in ihrem Kampf gegen die Ungläubigen nachlassen, im Gegenteil: Baizid Al Awil, postig on the Arena forum, states that Kerry is the more prominent of the two candidates, and is likely to lead the US during the “next period of time”. He states that Kerry “bears to us, the Saudis, a special hatred”, and claims that Saudi Arabia will be a target of attack if Kerry wins the election. He closes his post by stating “Oh Saudis, Oh your hell will come from John Kerry”. Another poster on the Arena forums states the following: “Kerry and Bush are two faces of the same…” Another posting on the same forum claims “And Allah knows that only the weak fear John Kerry. The weak in their religion continue to weaken and follow the dirty John Kerry and his brother George Bush…” And yet another poster starts off “The Jewish John Kerry, candidate for the American Presidency, attacks Saudi Arabia”. The posting emphasizes Kerry’s Jewish roots, citing his grandfather’s name change from Cohen in 1902. It also cites a recent visit by Kerry’s brother to Israel, and speculates that Kerry will be a “pro-Zionist” President. Meanwhile, both the Reform forum and the Qal3ah forum have been focusing on John Kerry’s Jewish ancestry as well, and of the affiliation both Bush and Kerry have with regards to their membership in the “Skull and Bones” at Yale. George Bush is receiving almost universal condemnation on the Arabic language forums as well. If the posts on the forums are any indication of the position of Al Qaeda, it appears that both candidates are equally distasteful to the terrorist organization.

Des weiteren vermeldet NEIN noch, dass ein erstes Bild von der Enthauptung eines der beiden gefangen genommenen Bulgaren auf der "offiziellen" Website von Sarkawis Organisation al-Tawhid wal-Jihad aufgetaucht sei. Ein Video soll folgen.

BILD dir dein Blog: BILDblog

--- Vor zwei Wochen stand es unter anderem im Dienstraum, jetzt auch bei Telepolis: Fast muss man sich als hoffnungslos altmodisch vorkommen, wenn man in diesen Tagen seine Opposition zur allmächtigen Bildzeitung ausdrückt. Da ist der Blog, die der Berliner Journalist Christoph Schultheis gemeinsam mit Kollegen unterhält, um so bemerkenswerter. "Was heute in der Bild-Zeitung steht, steht morgen überall. Vielleicht sollte man sich also mal genauer anschauen, was sie schreibt", ist die Devise der journalistischen Bildbeobachter. ... Leider bleibt die politische Rolle der Bildzeitung auf der Internetseite bislang etwas unterbelichtet. Prinzipiell eine gute Idee, so ein Bild-Watchblog. Hoffentlich verblöden die Macher aber nicht bei der täglichen Lektüre.

2004-07-27

Neues vom Blogger-Boulevard

--- Die gut 30 offiziellen Convention Bloggers sind inzwischen in Boston auf dem Parteitag der Demokraten gut verdrahtet und schreiben ihre Mediengeschichte eifrig in ihre Laptops. Ganz ohne Pathos geht das nicht immer ab, beispielsweise bei Dave Weinberger: This event marks the day that blogging became something else. Exactly what isn't clear yet, and the culture clash is resulting in public functions that, because there is no single culture of blogging, are Dostoyevskian in their awkwardness. Erstes Highlight gestern war natürlich das Blogger-Frühstück (sponsored by the Democratic National Committee -- bei dem mehr Vertreter der "normalen" Medien anwesend waren als "Amateur"-Autoren. The media are trying to figure us out. The DNC is trying to figure us out. We are always — and in famously self-absorbed ways — trying to figure us out. The difference is that now our presence is undeniable. We are now officially an anomaly. Die meisten Blogger waren wohl wie Josh Marshall den ersten Tag über einfach damit beschäftigt, sich eine Vorgehensweise für die eigene Berichterstattung zurechtzulegen. Und dabei treffen sie dann beispielsweise auf Michael Moore und es kommt zu neuen Einsichten ;-): In any case, there I am a few feet from Moore; and it's one of the first times all day when I can think of a question to ask someone where I'm really curious and uncertain as to what the answer will be. So I ask him what he makes of all of this. No attacks on the president. Not even any mention of the man's name. It's like the anti-Michael Moore event. Or rather the non-Michael Moore event. (I caught myself the first time, realizing that hadn't come out precisely as I'd intended.) Clearly, the guy didn't know what to make of me. And as he breezes by he says, "Oh, Really? I liked it. You don't even have to say it. Everyone knows how bad it is." Think what you will about Michael Moore or evening one of the convention, I think that sums up precisely what this event is all about and the dynamic on which it's operating. ... Among Democrats, the rejection of this president is so total, exists on so many different levels, and is so fused into their understanding of all the major issues facing the country, that it doesn't even need to be explicitly evoked. Ansonsten standen am Abend natürlich die Clintons ("Bill Clinton is a Rock Star"), Al Gore und Jimmy Carter im Spotlight -- eine Zusammenfassung gibt es unter anderem beim left coaster. Die US-Zeitungen haber derweil natürlich auch einiges zum Parteitag zu sagen, nachzulesen etwa in der New York Times, in der LA Times und der Washington Post. Agenturmaterial auf deutsch etwa bei ftd.de.

Update: Bei Spiegel Online hat der Korrespondent immer noch nicht verstanden, dass dieses Mal nicht wieder Clinton dem Kandidaten die Schau stiehlt, sondern dass es dieses Mal die Blogger sind.

2004-07-26

9/11-Report: Noch immer zahlreiche offene Fragen

--- Die LA Times hat immer noch nicht genug vom Abschlussbericht der 9/11-Kommission und zeichnet die auch auf den knapp 600 Seiten nach wie vor offen gebliebenen Fragen auf: The release last week of the final report of the independent 9/11 commission offered the nation a comprehensive overview of the origin and execution of the attacks. What the nation does not have are answers to all the outstanding questions, some of them fundamental: Who provided the nearly half a million dollars it cost to carry out the attacks? How could the man who is alleged to have recruited several of the hijack pilots have done this while under investigation by at least three intelligence services — those of the United States, Germany and Morocco? Who, if anyone, assisted the hijackers during their time in the United States? Some unanswered questions fall more in the category of perplexing curiosities: Why did Mohamed Atta and another hijacker drive from Boston to Portland, Me., the day before the attacks, then fly back to Boston the next morning, almost missing the flight they intended to hijack? Still other questions have less to do with the plot itself than the ground from which it sprung: How did it happen that a single family of Pakistani expatriates in Kuwait, by most accounts an ordinary, pious family devoted to good works, produce five men — the plot mastermind, Khalid Shaikh Mohammed, and four of his nephews — who played roles in the attacks? Many of the open questions might never be resolved. As commission Chairman Thomas H. Kean acknowledged, "There are still some unanswered questions because obviously the people who were at the heart of the plot are dead." Die Zeitung versucht sich des weiteren an Antworten, aber das Feld für Verschwörungstheorien aller Art bleibt weiter offen.

Update: Wer den unvermeidlichen Bröckers zu dem Thema noch lesen will ...

Alle Augen auf Kerry - und auf die Convention-Blogger

--- Heute startet in Boston die Democratic National Convention, die offizielle Nominierungsveranstaltung für Kerry und Edwards. Das Event wird im Internet live übertragen, aber das eigentliche Großereignis in der Blogosphäre ist natürlich die erstmalige offizielle Berichterstattung zahlreicher Blogger über die Veranstaltung. Blog-Daddy Dave Winer hat zum Verfolgen des ganzen Ausstoßes der Online-Autoren eine Sammel-Site unter www.conventionbloggers.com eingerichtet, wo es schon heftig und multimedial zur Sache geht. Die traditionellen Medien spielen derweil die Platte rauf und runter, wie wichtig es für das Demokratenteam sein wird, in Boston klar gegen Bush zu punkten (was bisher einfach nicht wirklich gelingen wollte). Die Welt etwa wirft folgenden vorauseilenden Blick auf den gut in Szene gesetzten Parteitag: So also wird in Boston am heutigen Montagabend für knapp 5000 Delegierte, 15 000 Medienleute und rund 10 000 sonst wie verdienstvolle oder berühmte Besucher der Parteitag beginnen, der am Donnerstagabend mit John Kerrys Nominierungsrede enden soll. Und wenn dann den Amerikanern nicht messbar in Umfragepunkten klarer ist, wer der Kandidat der Demokraten ist und wofür er steht, war alles umsonst. Wer aus dem Parteitag nicht mit einem deutlichen Vorsprung vor dem Gegner kommt - es gilt, Bill Clintons märchenhaften Sprung nach vorn um zweistellige Werte nach dem Parteitag 1992 zu schlagen -, holt bis November kaum mehr auf. ... Kerry soll erst am Mittwoch in der Stadt eintreffen, nachdem er - auch dies ein erprobtes Parteitagsritual - sich durch umkämpfte so genannte Frontstaaten ("battlefield states") auf den Abend der Kür zugearbeitet hat. Das Prinzip der, so hofft man, über Tage steigenden Spannung und Begeisterung hat den Nachteil, dass bisweilen frühe Redner die Show stehlen. ... Jimmy Carter wird sprechen und Al Gore, der sich, fern jedes Amtes, zum radikalsten Kritiker des Präsidenten entwickelt hat. Es wird viel von der "gestohlenen" Wahl 2000 die Rede sein, man wird Gore als moralischen und rechnerischen Sieger feiern und den Zorn auf George W. Bush auch aus dieser nie versiegten Quelle speisen. "Re-defeat Bush" lautet ein Slogan der Grassroots-Demokraten, der den Ruf der Republikaner "Re-elect Bush" verzweifelt verhöhnt. Die LA Times berichtet derweil über rhetorische Angriffe Kerrys auf Bush schon vor der Convention: "When I see people on the other side of the fence say, 'Four more years,' I sometimes say to myself, 'Four more years of what?' " said Kerry in a departure from the day's mostly positive tenor. ... "Four more years of jobs being lost?" Kerry asked rhetorically. "Four more years of the deficit growing bigger and bigger? Four more years of losing our allies around the world?"

Update: Die New York Times widmet den Convention-Bloggers und dem historischen Medienereignis bereits eine größere Geschichte: Even as many networks are reducing their coverage of the increasingly predictable political conventions, the political blogs, which have become a fruitful alternative for individual voices, have been ablaze over the prospect of officially covering conventions for the first time. ... If the 1952 Republican convention was the first television convention, and the 1924 conventions were the first radio ones, the 2004 election will be remembered because of them, the bloggers insist. "I give them full credit that they opened up the convention to bloggers," said David Weinberger, 53, who blogs at Hyperorg.com and will attend the Democratic convention. "That took guts, because bloggers are always off message." ... The bloggers predict that they will provide coverage on issues too narrow for mainstream news media, while offering an irreverent eye on the media-political complex and gossipy accounts of behind-the-scenes convention life. ... Some observers are uneasy with how the convention is expanding the definition of journalism. "I think that bloggers have put the issue of professionalism under attack," said Thomas McPhail, professor of media studies at the University of Missouri-St. Louis, who argues that journalists should be professionally credentialed. "They have no pretense to objectivity. They don't cover both sides." Even so, large news media organizations are paying attention. "I'm intrigued at the way that bloggers and blogs have forced their way into the political process on their own; that's why I want to incorporate the blogs into our coverage," said David Bohrman, Washington bureau chief for CNN, which is coordinating with Technorati, a blog-tracking service, to provide online commentary for the convention." Blogs make it big this time, keine Frage.

Und noch ein Update: Eine Geschichte zu den Convention Bloggers gibts vom Spindoktor inzwischen auch in heise online.

Weils so schön ist (das mit den Updates, weniger das jetzt zu Berichtende): Von Monika Hülsken-Stobbe gibt es bei der Deutschen Welle jetzt auch eine Geschichte zum Thema mit Link auf den Heise-Artikel (nach kleiner Intervention ;-)

Online-Frühwarnsystem für Terroranschläge geplant

--- Der israelische Professor Mark Last von der Ben-Gurion Universität will ein Frühwarnsystem gegen Terroranschläge entwickeln, das auf der Auswertung der Internetkommunikation islamistischer Extremisten basiert und so dem E-Dschihad beikommen will: Israeli researchers are working on ways to make communication more difficult for terrorists. One of the leaders in the field is Ben-Gurion University Professor Mark Last who is conducting breakthrough research on fighting terror in cyberspace at his Software Quality Engineering/Data Mining) Laboratory on the Beersheva campus. ... "The more we work, the more we learn details of the extent of terrorist use and misuse of the Internet, the websites they are maintaining for their supporters, for conducting illegal international transactions, sending messages to each other and other kinds of activities." In his lab, Last and his team are working towards the goal of achieving the ability to predict future activities and targets by searching Web pages, e-mails and other on-line data. His lab at BGU is working to develop and implement a prototype system for detection of terrorist-related or other criminal activities characterized by abnormal patterns of information access and use on the Internet. Last initiated the idea two years ago to take established ideas of data mining and computational analysis and apply techniques to the information on the Internet, especially on the Internet traffic. Using this technique, he believes, eventually terrorist internet activity will be able to be detected, even if that activity is taking place in the midst of a great deal of innocent activity at an Internet café, a company, or a university.

2004-07-25

Non-lethal Weapons als Killer-Applikation?

--- Die New York Times berichtet in ihrem Magazin über eine weitere Baustelle des Pentagon, die auf den gut durchgesponnenen Namen Active Denial System hört. Die so genannten Non-lethal Weapons sollen sich demnach als "Killer-Applikation" (bzw. eben gerade als "Non-Killer-App.") auf den Schlachtfeldern in Afghanistan und Irak (und darüber hinaus) erweisen. That, in essence, is the point of a new generation of nonlethal weapons being developed by the military: to enforce and do battle without killing, or in the words of the Defense Department, ''to incapacitate personnel or materiel, while minimizing fatalities, permanent injury to personnel and undesired damage to property and the environment.'' Along with the Active Denial System, the military is testing bullets that disintegrate in mid-air, propelling their nonlethal payload to their targets, slimy goo that stops people in their tracks and, eventually, guns that shoot pulses of plasma energy that stun and disorient. In an era when the American military increasingly finds itself in situations where civilians and combatants can be difficult to distinguish between, and when the line between soldiering and policy has blurred, nonlethal weapons could prove useful. At the same time, such nonlethals might be abused, like any other weapon. Still, in a world where the tolerance for ''collateral'' casualties is fast diminishing and where soldiers return home haunted by their ''kills,'' such novel weapons, if made to work, could well make war less hellish.

Supermacht fehlt die Soft Power

--- Der 9/11-Report beschäftigt am heutigen Sonntag noch einmal groß die US-Medien, hier und da gelingt es ihnen auch, noch interessante Aspekte herauszuarbeiten. Die LA Times etwa konzentriert sich -- vermutlich auch aufgrund des lokalen Bezugs zu Hollywood -- auf die Teile des Berichts, die den USA ein Schwächeln bei der Soft Power, also der kulturellen und imaginativen Macht im Gegensatz zur harten Militärmacht, vorwerfen: In calling for a sweeping overhaul of American diplomacy in the Middle East, the Sept. 11 commission last week joined a growing consensus that the United States had not done enough to win over the world's huge Muslim population. The bipartisan panel urged in its final report that the government engage more deeply in a "struggle of ideas" against Islamic radicalism and develop a preventive strategy that was at least as political as it was military. ... In the nearly three years since the Sept. 11 attacks, a broad agreement has developed that the United States needs to do more to advance its values — and to convince an increasingly fractious Middle East that Americans really are the good guys they believe themselves to be. There is far less agreement on how well the Bush administration has been handling this job, and how these principles of "soft power" can be reconciled with the other goals of suppressing Islamic militants. ... The commission wrote that polling had shown anti-Americanism, a longtime fact of life in the Islamic world, had soared since the U.S.-led invasion of Afghanistan and Iraq in the aftermath of Sept. 11. The report cited polling data indicating that in Egypt, which had received substantial U.S. aid, 15% of the public had a positive view of the U.S. in 2002. Fresh polling shows that in the aftermath of the Abu Ghraib prison abuse and continuing media coverage of Iraqi casualties, the numbers have worsened considerably. Recent polling by Zogby International found that the share of Egyptians who disapprove of the United States government increased from 76% in 2002 to 98%, while sympathy for Al Qaeda has risen.

Die New York Times beschreibt dagegen, wie der Report mit zahlreichen von der Regierung teils bewusst gepflegten Mythen rund um den 11. September aufräumt: In meticulous detail, the 567-page report, including 116 pages of detailed footnotes in tiny, eye-straining type, rewrote the history of Sept. 11, 2001, correcting the historical record in ways large and small and shattering myths that might otherwise have been accepted as truth for generations. The commission's report found that the hijackers had repeatedly broken the law in entering the United States, that Mr. bin Laden may have micromanaged the attacks but did not pay for them, that intelligence agencies had considered the threat of suicide hijackings, and that Mr. Bush received an August 2001 briefing on evidence of continuing domestic terrorist threats from Al Qaeda. Auch der Spiegel hat die wehrlose Weltmacht auf dem Titel, der im Netz aber nur kostenpflichtig abrufbar ist.

Future Combat System der US-Army wird deutlich teurer

--- Das Modernisierungsprogramm der US-Army mit dem Titel Future Combat System verzögert sich und wird deutlich teurer. Es soll die Landstreitkräfte der USA für die viel beschorene Network-centric Warfare, die netzzentrierte Kriegsführung, fit machen. Doch noch ist unklar, ob ein derart komplexes, Software-gesteuertes System überhaupt funktionieren kann: The Army outlined yesterday a restructuring of its modernization program, the Future Combat System, increasing the cost by between $20 billion and $25 billion ... The massive modernization effort has been dogged by questions about its complexity and the pace of progress on the futuristic drones and ground vehicles. The high-tech renovation will require more than 30 million lines of software code. The program "has so many moving pieces and they are so technically challenging it would be almost unbelievable to suggest it could stay on its original schedule," said Loren B. Thompson, defense consultant and chief operating officer of the Lexington Institute, an Arlington think tank. Army Chief of Staff Gen. Peter J. Schoomaker acknowledged the challenges Wednesday, telling Congress that as originally structured the program had only a 28 percent chance of success. The revisions boost its chances to more than 70 percent, he said. Under the restructuring, the military will delay deployment of the first fully modernized unit, which will include about 2,500 soldiers, for two years, until 2014. Instead the Army will create an experimental unit in 2008 to begin testing some of the technology, including missiles stored in remote locations that a soldier could deploy through the network.

Update: Die New York Times berichtet derweil über eine andere Baustelle des Pentagon, die auf den gut durchgesponnenen Namen Active Denial System hört. Die so genannten Non-lethal Weapons sollen sich demnach als "Killer-Applikation" auf den Schlachtfeldern in Afghanistan und Irak (und darüber hinaus) erweisen. That, in essence, is the point of a new generation of nonlethal weapons being developed by the military: to enforce and do battle without killing, or in the words of the Defense Department, ''to incapacitate personnel or materiel, while minimizing fatalities, permanent injury to personnel and undesired damage to property and the environment.'' Along with the Active Denial System, the military is testing bullets that disintegrate in mid-air, propelling their nonlethal payload to their targets, slimy goo that stops people in their tracks and, eventually, guns that shoot pulses of plasma energy that stun and disorient. In an era when the American military increasingly finds itself in situations where civilians and combatants can be difficult to distinguish between, and when the line between soldiering and policy has blurred, nonlethal weapons could prove useful. At the same time, such nonlethals might be abused, like any other weapon. Still, in a world where the tolerance for ''collateral'' casualties is fast diminishing and where soldiers return home haunted by their ''kills,'' such novel weapons, if made to work, could well make war less hellish.

2004-07-24

terror.web -- der E-Dschihad geht weiter

--- Internet Haganah meldet mal wieder einen Erfolg: Eines der zentralen Kommunikationsforen der Islamisten, ansarnet.ws hat sein Bulletin Board erst mal weitgehend dicht gemacht. Die Site selbst ist aber -- anders als von Haganah beschrieben -- wieder zugänglich. Eine Ansage der Betreiber bringt nun folgenden Disclaimer: ANSARNET.WS would like to warn all news agencies, news staff, members, readers and visitors not to attribute temporary postings of the public on the bulletin part of its website as being .ANSARNET.WS publications. Der öffentliche Druck setzt den Machern anscheinend zu. So taucht die Site -- zusammen mit vielen anderen in den USA gehosteten Dschihad-Angeboten -- auch in der Liste der Top 25 Islamist Websites and Message Forums des MEMRI-Instituts auf. Nach wie vor gibt es auf Ansarnet aber zahlreiche Links auf extremistische Sites der Glaubenskrieger. Mehr dazu -- und zu einer E-Mail-Aktion an bin Laden -- in Telepolis.

In der aktuellen c't hat der Spindoktor zudem das Treiben der Gotteskrieger im terror.web zusammengefasst. Dabei geht es auch um die Site hostinganime.com, die sich zu einer der zenralen Drehscheibe der Islamisten entwickelt hat. Genauso wie Ansarnet lagert sie letztlich laut MEMRI bei der Everyone's Internet Inc. in Houston, Texas. Das FBI sieht sich nach eigenen Angaben aber außer Stande, einzugreifen, solange nicht konkret über die Sites Straftaten in den USA vorbereitet würden. Im Irak haben die Gotteskrieger derweil schon wieder eine neue Geisel in ihre Kontrolle gebracht, dieses Mal einen hohen ägyptischen Diplomaten. Ein Ende des Terroristenstadls ist nicht in Sicht.

2004-07-23

Mafiajäger Orlando schimpft Berlusconi einen Kriminellen

--- Spiegel Online hat den italienischen Mafiajäger Leoluca Orlando zu seiner Meinung über Ministerpräsident Berlusconi gefragt. Als ob dieser nicht schon genug Ärger an der Backe hätte: Berlusconi beschützt diese mafiöse Kultur. Das ist schlimm genug. Ob Berlusconi direkt für Verbrechen verantwortlich ist, das müssen Staatsanwälte herausfinden, aber als Politiker kann ich sagen, dass er der Schutzpatron eines Systems ist, das die Illegalität fördert. ... Wir stehen am Anfang vom Ende von Berlusconi. In seiner Koalition hängt der Haussegen schief, und der Premier hat Schwierigkeiten, das Bündnis zusammenzuhalten. Der bekannte Journalist Gianpaolo Pansa hat nach den Europawahlen gesagt: Italien war eine Monarchie, heute ist es in der Republik angekommen.

9/11-Report: Alle kriegen ihr Fett ab

--- Der 9/11-Abschlussbericht der Congress-Kommission ist nun also vorgestellt, veröffentlicht (PDF: 7,4 MB! -- auf der Site der Kommission sowie bei vielen US-Zeitungen online auch in Einzelteilen herunter zu laden) -- und wird vermutlich rasch abgeheftet und größtenteils wieder vergessen. Die New York Times berichtet jedenfalls darüber, dass eine rasche Umsetzung der ellenlangen Empfehlungen der Kommission wohl nicht ansteht. Months of unsparing study by the Sept. 11 commission and the Senate Intelligence Committee have now produced a broad consensus about two colossal intelligence failures: the missed opportunities that left the United States open to attack from Al Qaeda and the misread clues on unconventional weapons that sent American troops to attack Iraq. ... Achieving consensus on adopting the commission's recommendations will almost certainly be much harder. The partisan wrangling of a presidential election and the capital's entrenched resistance to change make swift action unlikely - despite the persistent threats that the commission's chairman, Thomas H. Kean, said make another attack not only possible but probable.

Ansonsten gibt es Vorwürfe gegen so ziemlich alle und jeden in der Regierung, bei den Geheimdiensten und den Strafverfolgern. Kaum ein Artikel über den Report kommt ohne die Schlüsselstelle aus: Across the government, there were failures of imagination, policy, capabilities and management. Über die Empfehlungen selbst war vorab schon sehr viel berichtet worden, am wichtigsten scheint den US-Zeitungen die geforderte Einsetzung eines "Intelligence"-Zaren als "Oberkommandierenden" der Geheimdienste. Aber es gibt auch andere Forderungen, etwa nach dem Aufbau eines flächendeckenden Biometrie-Systems an den US-Grenzen -- was immer man sich davon versprechen mag: Quickly complete a biometric entry-exit screening system, one that also speeds qualified travelers. Und zumindest diese wenig sinnvolle "Antiterrormaßnahme" ist ja bereits konkret in der Planung bzw. Umsetzung. Es bleibt insgesamt zu befürchten, dass nur die unsinnigsten Empfehlungen umgesetzt werden und weniger die Regierungsmitglieder als vielmehr die Bürgerrechte weiter unter Druck geraten. Mehr zum Thema beispielsweise in der Washington Post oder LA Times.

2004-07-22

"Judas" und die ARD

--- Für den Radprofi Jens Vogt war es gestern wohl die schwerste Etappe, die er je bei einer Tour de France fahren musste. Als "Vaterlandsverräter" und "Judas" sei er unterwegs beschimpft worden, während des Zeitfahrens nach Alpes d`Huez. In Spiegel Online macht er dafür die ARD verantwortlich, die sich kritisch mit ihm einen Tag zuvor auseinandergesetzt hatte, als er seinem Temakollegen half und damit aber dem deutschen Star-Radprofi Jan Ullrich (Team T-Mobile) den Tagessieg und damit die wohl letzte Chance auf den Toursieg genommen hatte.  Seine Erklärung: "Das war sicher der Auslöser für die Hexenjagd. ARD und T-Mobile, das ist ein bisschen eng. Es ist das erste Mal, dass ich von den Fans so beschimpft wurde. Deshalb bin ich ja so sauer."

UPDATE: Als Vogt sich im TV-Interview beschwerte wurde kurzerhand das Interview unterbrochen, jetzt aber vom ZDF ins Internet gestellt. Auch die von Vogt kritisierte Reportage findet sich inzwischen im Internet.

9/11-Kommission hat endgültig fertig

--- Heute Mittag wird die 9/11-Kommission des US-Congress nun also endlich ihren lange erwarteten und 600 Seiten langen Abschlussbericht vorstellen, über den die letzten Tage schon viel berichtet wurde. Auch heute überschlagen sich die Zeitungen und Agenturen natürlich wieder mit weiteren Vorabmeldungen. Die New York Times etwa stellt die Rolle des Parlaments selbst in den Vordergrund, für das der Bericht anscheinend stärkere Aufsichts- und Vetorechte gegenüber dem Präsidenten und der gesamten Exekutive installiert wissen will. one passage of the report found that Al Qaeda and the 19 hijackers exploited "deep institutional failings within our government" over a long period. The officials said the report did not directly blame the Bush or Clinton administration for the failures, even as it harshly criticizes several agencies, especially the C.I.A. and F.B.I. Although Congressional oversight was not a focus of the commission's public hearings, officials said Congress's management of intelligence will also be a target of criticism in the final report, with the commission's urging lawmakers to scrap the watchdog system now used for intelligence and domestic security. The report will propose that both the House and Senate establish permanent committees on domestic security to oversee activities that are the jurisdiction of dozens of competing committees, officials said. The report will also reportedly recommend that the existing House and Senate intelligence committees be given much broader discretion over intelligence policy and spending, or alternatively to establish a joint House-Senate intelligence panel. Mal sehen, ob sich die Kommission mit ihrem Wunsch durchsetzen kann. Die Washington Post berichtete derweil schon gestern, über zehn verpasste Chancen, um die Attentate zu verhindern. Agenturmeldungen dazu gibt es auch auf deutsch. Die LA Times hängt sich heute dagegen daran auf, dass der Wälzer anscheinend den Saudis keine Schuld an den Terrorattacken auf New York und Washington gibt. Mal sehen, was es morgen dann noch über den Report alles zu berichten gibt. Das Sommerloch muss ja auch gefüllt werden.

Drohgebaren der Islamisten gerät außer Kontrolle

--- Da soll noch jemand durchblicken im islamistischen Terror-Theater. Ständig neue Drohungen und Warnungen, die man kaum noch auseinanderhalten kann, und dann noch gegen fast alle und jeden. Und immer mehr Geiseln bunter Nationalitäten werden gewonnen. Die Pressearbeit der Gotteskrieger lässt stark zu wünschen übrig. Bei den Medien und Nachrichtenagenturen geht jedenfalls auch schon einiges drunter und drüber. Die Tagesschau berichtet online etwa: Nach einem arabischen Fernsehbericht wurden erneut sechs Ausländer entführt. Eine militante irakische Gruppe mit dem Namen "Träger der schwarzen Banner" kündigte an, sechs Lkw-Fahrer in ihrer Gewalt zu enthaupten. Es handelt sich dabei um drei Inder, zwei Kenianer und einen Ägypter. Der arabische Nachrichtensender Al Arabija strahlte ein Videoband aus, auf dem die Entführer den Abzug des kuwaitischen Unternehmens aus Irak fordern, für das die sechs Geiseln arbeiten. Sollte sich das Unternehmen weigern, würden die Männer in Abständen von 72 Stunden enthauptet. ... Für Verwirrung sorgte jedoch eine Erklärung der Gruppe an die Nachrichtenagentur AP. Darin fordert sie, dass diese Heimatländer der Geiseln nicht nur ihre Zivilisten sondern auch ihre Truppen aus Irak abziehen sollen. "Wir haben alle Länder, Firmen, Geschäftsleute und Lastwagen gewarnt, die mit den amerikanischen Cowboy-Besatzern zusammenarbeiten", hieß es in der Erklärung. Keines der drei Länder hat jedoch Truppen im Irak stationiert. Seltsam.

Spiegel Online hat derweil wieder andere Agenturnachrichten: Verschiedene islamistische Gruppen drohen nun außerdem im Internet mit Anschlägen in Japan, Bulgarien und Polen, sollten die Staaten ihre Truppen nicht aus dem Golfstaat abziehen. Heute richtete eine Gruppe, die sich als "europäischer Flügel der Qaida" bezeichnet, eine Drohung an Bulgarien und Polen. "Wir fordern die bulgarische Kreuzritter-Regierung, die die Amerikaner unterstützt, heute letztmalig zum Abzug ihrer Truppen aus dem Irak auf. Sonst werden wir in Bulgarien ein Blutbad anrichten", hieß es. Die Bevölkerung Bulgariens solle ihre Regierung zum Abzug bewegen, sonst werde die "Sprache des Blutes ertönen, wie in Madrid, Washington und New York", hieß es mit Blick auf die Anschläge in den Städten. "Wir fordern Polen und seinen jämmerlichen Ministerpräsidenten Marek Belka auf: Zieht eure Truppen aus dem Irak ab oder euer Land wird, wann immer wir es wollen, von Explosionen erschüttert." Von derlei seltsamen Medienaktionen lässt sich wohl niemand wirklich erschüttern. Eher dürfte die amerikanische Öffentlichkeit die Tatsache beunruhigen, dass gerade schon der 900. US-Soldat im Irak getötet wurde. Ein großes Medienecho hat das bislang aber auch nicht ausgelöst, auch die Tagesschau versteckt die Nachricht in der Geiselnehmer-Meldung. Dabei gibt es im amerikanischen Heimatland kaum noch einsatzkräftige Männer, wie die New York Times weiß. Dass Bush die Soldaten ausgehen, dürfte diesem nicht gefallen, wo doch Iran wegen al-Qaida-Deckung ins Visier gerät und auch zwischen China und Taiwan mal wieder die Luft brennt.

2004-07-21

Verschlüsselter Code in Bin-Laden-Video

--- Analysten vom Northeast Intelligence Network (NEIN), einer privaten Antiterror-Watch-Site, haben nach eigenen Angaben einen verschlüsselten Code in einem alten, allerdings gerade mit englischen Untertiteln neu eingespielten Bin-Laden-Video entdeckt und als "Beweis" ein entsprechendes Foto online veröffentlicht: In an in-depth analysis of a recently re-released videotape of Osama bin Laden’s August 2003 speech, Northeast Intelligence Network analysts found apparent alpha-numeric codes embedded in several frames of over 55,800 frames of the video tape analyzed. The code is not visible through normal viewing of the footage, and the viewer must know where in the lengthy footage to look for the coding sequence. The above frame illustrates a coding string found on one of the frames hidden in the footage. The video is significant itself as previously released bin Laden footage preceded the Madrid bombing attacks on 11 March 2004. Analysts have forwarded the footage, along with each isolated frame containing the coding, to law enforcement officials. Schon seit langem wird darüber spekuliert, dass die Gotteskrieger ihre Angriffspläne über das Netz koordinieren und dabei auch Verschlüsselungstechniken verwenden. Auch Steganographie, mit deren Hilfe die eigentlichen Codes im Datensalat meist von Online-Bildern versteckt werden, soll angeblich zum Einsatz kommen, auch wenn bisher keine Hinweise darauf gefunden wurden. Die Entdeckung der Aufklärungstruppe wäre damit ein erster Nachweis. Eingespielt wurde die Neuaufnahme laut NEIN von Clouds Enterprises, the video production group of Al Qaeda.

Update: Ups, da waren die NEIN-Meldung und das Foto mit dem aufgedeckten Code aber rasch wieder runter von der Site. Hm, man müsste halt immer gleich einen Screenshot anfertigen. Sind die Watchdogs mit ihrer Einschätzung nicht mehr zufrieden? Oder mag das FBI den Glaubenskriegern nicht derart prominent signalisieren, dass ihrer Videokommunikation da eventull jemand auf die Spur gekommen ist?

Update (27.7.04): NEIN fühlt sich jetzt wenigstens mal zu einer Erklärung des plötzlichen Verschwindens der Entdeckung genötigt: The footage and the individual frame offsets were forwarded to federal authorities, and pursuant to their legitimate and informal request, the frame capture was removed from the front page of our site. We are pleased that the encoding was found and promptly placed into the hands of federal authorities. Further updates will be provided as available.

Schwarzenegger zeigt Anzeichen von Verschleiss

--- Mit der politischen Kultur kommt Arnold, der sich für noch größere politische Weihen bestimmt sieht, anscheinend doch nicht so gut zurecht wie mit der Starkultur, so die Berliner Morgenpost/Welt: Alles schien zunächst gut zu laufen: Sorgsam hielt der Republikaner und praktizierende Katholik in Fragen der Moral (Abtreibung; Schwulenehe) auf Abstand zu Präsident Bush. Die "New York Times" gestand, zu den hämischen Zweifern gezählt zu haben, "aber niemand lacht mehr" über Kaliforniens Action-Gouverneur. Doch am Sonntag endete diese Schonfrist für Arnold Schwarzenegger. Im Grunde kündigte er sie selbst, als er, gereizt von Haushaltsverhandlungen über die gesetzliche Frist am 30. Juni hinaus, seine demokratischen Gegner in einer seiner Volksreden in einer Mall bei Los Angeles "girlie men" schimpfte. "Kleinmädchen-Männer", Feiglinge, Schwächlinge seien sie, rief der Gouverneur, weil sie nicht den Mumm hätten, "sich vor Euch zu stellen und zuzugeben: Ich vertrete nicht die Interessen der Wähler, sondern der Gewerkschaften und der Schadensersatzanwälte". Das war eher sarkastisch als lustig und spaltete seine gepflegte Überparteilichkeit. Die Demokraten in Sacramento empörten sich über die "girlie men", die Schwule, Frauen und überhaupt das gesamte Parlament beleidigten. Die angesehene, sonst unaufgeregte Senatorin Sheila Kuehl, Vorsitzende der fünf Mitglieder starken "Gay, Lesbian, Bisexual and Transgender"-Fraktion, wehrte sich nicht nur gegen Schwarzeneggers "himmelschreiende Homophobie". ... der "Honeymoon" musste einfach einmal enden, erst recht im Wahljahr. Im Streit um den Haushalt, der seit Jahren nicht rechtzeitig verabschiedet wurde, geht es um Gelder und Gegenleistungen von Schulen. Beide Seiten werfen einander vor, Sonderinteressen im Sinn zu haben. Wenn dem Gouverneur bei Verhandlungen die Geduld ausgeht, steigt eine Conansche Wut in ihm auf. Dann würde er am liebsten das Parlament zu einem Teilzeitbetrieb zurückstufen und überhaupt abberufen lassen: Das Volk, meint er, müsse sich als Terminator verstehen. ... Solchen Visionen des Actionhelden und Geschäftsmanns ist in einer Republik etwas beunruhigend Unpolitisches eigen. "Er versucht, das Parlament zu marginalisieren", sagt Sheila Kuehl, "in dem es Regeln, Ausschuss-Strukturen, und am wichtigsten: öffentliche Beratungen gibt. Wir streiten miteinander. Der Gouverneur steht auf und überlegt beim Frühstück, welche Politik er heute macht. Das ist schneller, sicher, aber es ist nicht transparent, der Wähler hat keinen Einfluss."

Politische Blogs: Wenig Wert für die Mediendemokratie?

--- Die britische Hansard Society hat eine Studie zum Thema Political Blogs – Craze or Convention? veröffentlicht. Untersucht wurden acht Weblogs, von denen die meisten von britischen Bloggern gemacht werden und international wenig bekannt sind. Aus den USA war das inzwischen nicht mehr sonderlich aktive Blogforamerica.com der Dean-Kampagne dabei. Die Jury -- Analysten von Hansard und britische Parlamentarier -- war ingesamt nicht sonderlich angetan von der Qualität des demokratischen Diskurses. : With weblogging, perhaps even more so than websites, people can cheaply maintain a presence on the web without needing a lot of technical knowledge. When we consider this from the viewpoint of a country where citizens often feel that they have something worthwhile to contribute to the political and policy debate but are prohibited (if indirectly) from mainstream political debate, the democratising nature of blogs is very appealing. Yet, as we have seen from their responses, the jury approached this potential with caution: “The prediction that ‘on the internet anyone can be a journalist’ has come true. The trouble is that not everyone should be a journalist.” Allgemein waren gerade die Abgeordneten eher enttäuscht von der Resonanz, die ihre gezielten Kommentare zu Blogeinträgen erzeugten. Anscheinend waren die Erwartungen an das gehypte Blog-Phänomen einfach etwas zu hoch. Manche Jury-Mitglieder zeigten sich aber auch recht begeistert (vermutlich die, die selbst schon bloggen ;-): “The ‘traditional’ media do not give balanced information, sometimes even disinformation; blogs give the opportunity of sourcing opinions and information that have not undergone media or political spin.” Insgesamt hätten sich die Studienbetreiber sicher auch mehr die großen politischen US-Blogbuster anschauen sollen, um mitzukriegen, was in der Szene so los ist.

2004-07-20

Irakischer Premier in der Schusslinie

--- Der irakische Übergangspremier Ijad Allawi, der sich gern als neuer starker Mann in Bagdad darstellt und dies ja auch tun muss, gerät von vielen Seiten unter Druck. Zum einen hat die Terrorgruppe rund um Phantomas al-Sarkawi ein in jordanischer Währung ausgewiesenes Kopfgeld in Höhe von umgerechnet rund 282.000 US-Dollar ausgesetzt und diese Todesdrohung mit blutigen Fotomontagen auf der inzwischen in den USA gehosteten al-Ansar-Site untermauert. Es blieb aber unklar, woher das Geld kommen und wie der Attentäter in den Genuss der Prämie kommen soll. Nicht ganz vergleichbar ist die Summe zudem mit den 25 Millionen Dollar, welche die US-Regierung auf den Kopf von Sarkawi ausgesetzt hat. Mehr zum Thema in Telepolis. Starke Vorwürfe erhebt derweil der australische Irak-Korrespondent des Sydney Morning Herald, Paul McGeough, gegen Allawi: Demnach soll der Politiker kurz vor seiner Berufung zum Premier bei einem Besuch eines Bagdader Gefägnisses die Pistole gezückt und sechs Häftlinge, denen die Beteiligung an Aufständen und Terroraktionen vorgeworfen wurden, einfach abgeknallt haben. Seine Pressesprecher streiten dies natürlich vehment ab. McGeough verteidigt derweil seine Geschichte und seine zwei Augenzeugen.

2004-07-18

Al-Dschasira gelobt Besserung

--- Der arabische Sender al-Dschasira will nicht mehr als Propagandasender der Gotteskrieger bezichtigt werden, stattdessen ausgeglichener berichten, so die Welt am Sonntag nach einem Ortstermin: Im Irak-Konflikt spielt Al Dschasira eine Schlüsselrolle. Fast täglich sendet er Videoaufnahmen von im Irak entführten Geiseln. Diese sind für die Geiselnehmer zum wichtigsten PR-Mittel im Kampf gegen die Besatzer geworden. Als die Welt noch um das Schicksal der beiden bulgarischen Lastwagenführer bangte, da lag Al Dschasira bereits das Video der Enthauptung einer der Geiseln vor. Auch die mörderischen "Grußbotschaften" des Al-Qaida-Chefs Osama Bin Laden hat Al Dschasira in der Regel zuerst. Doch genau dies, und die dezidiert arabische Sicht, die der Sender bei seiner Berichterstattung einnimmt, bringen ihn zusehends in Schwierigkeiten. Als "Bin Ladens Sprachrohr" hat US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld den Sender bezeichnet und schon während der US-Militärintervention im Irak beschuldigt, mit den Terroristen zusammenzuarbeiten. Offiziell weist Al Dschasira solche Vorwürfe stets zurück. Doch vor wenigen Tagen hat die Leitung einen neuen Ethik-Kodex vorgestellt: Der Sender will künftig "sensibler mit Informationen umgehen" und "Spekulation und Propaganda vermeiden". Außerdem sollen die "Gefühle der Opfer von Gewalt, Krieg und Katastrophen respektiert werden", so Generaldirektor Waddah Kanfar. ... Für den Nachrichtenchef des Konkurrenzsenders Abu Dhabi TV, Nart Bouran, ist das Verhalten von Al Dschasira unverantwortlich: "Auch wir bekommen Videos zugesteckt, lehnen deren Ausstrahlung aber ab. Wir fördern keine Terroristen." Er fände es besser, wenn die Videos über Nachrichtenagenturen liefen und nicht exklusiv bei einem Sender. Dann könnte jede Redaktion entscheiden, wie sie damit umgehe.

Berlusconi gerät in die Krise

--- Es kriselt rund um den italienischen Medienmogul und Ministerpräsidenten Berlusconi, fasst die Welt am Sonntag aktuelle Entwicklungen aus der italienischen Demokratieposse zusammen. Die neue Terrorwarnung ist da nur ein kleiner Mosaikstein, aber anscheinend doch recht geschickt eingefädelt, weil die Islamisten ein eventuelles Aus für die Berlusconi-Regierung gar noch als ihren Sieg feiern könnten: Silvio Berlusconi muss sich an ein ganz neues Gefühl gewöhnen: daran, ein Verlierer zu sein. Offiziell erklärte er die Regierungskrise in Italien am Freitag für beendet. Zuvor hatte er den bisherigen Generaldirektor des Schatzamtes in Rom, Domenico Siniscalco, zum neuen Finanzminister ernannt. Doch schon die Personalie als solche ist eine weitere Niederlage für den angeschlagenen italienischen Ministerpräsidenten. Zwar steht der in der Öffentlichkeit kaum bekannte 50-jährige Finanzexperte Siniscalco der Berlusconi-Partei Forza Italia nahe. Doch eigentlich hatte Berlusconi nach dem Rücktritt von Finanzminister Giulio Tremonti am 2. Juli das Schlüsselressort selbst behalten wollen. Nun beugte er sich der Forderung des christdemokratischen Koalitionspartners UDC: Der hatte mit einem Austritt aus der Regierung gedroht, falls das Amt nicht bis zum 16. Juli neu besetzt werde. ... Der Einbruch Berlusconis überrascht, macht er doch alles wie zuvor. Er achtet auf sein Aussehen, ließ sich vor der Europawahl sogar liften. Nach wie vor ist er stark in den Medien präsent, kontrolliert sein öffentliches Image genau. So berichteten auch während der Europawahl die italienischen Fernsehsender, seine eigenen privaten wie die staatlichen, ausführlich über Berlusconis Erfolge. Das ging so weit, dass das staatliche italienische Fernsehen nach der Wahl die offensichtliche Niederlage Silvio Berlusconis leugnete und einen nicht existierenden Sieg feierte. ... Sein politisches Programm war immer einfach und kurz. Deshalb liebte ihn die Öffentlichkeit als einen Mann, der Klartext sprach. Doch dann fiel ihm ausgerechnet seine Ehefrau Veronica in den Rücken. In ihrem jüngst veröffentlichten Buch "Tendenza Veronica" erzählt sie, dass ihr Mann nicht einmal an Weihnachten Zeit findet, um bei der Familie zu sein. Auch die Ferien verbringe er nie mit ihr und den Kindern, kritisierte die Gattin. Die Vorwürfe waren ein Affront gegen Silvio Berlusconi, der sich in der Wahlwerbung stets als treu sorgender Familienvater verkauft hatte. Dann deckten die Tageszeitungen auf, dass Silvio Berlusconi sich über alle Naturschutzgesetze hinwegsetzt und die wunderschöne Costa Smeralda, die Smaragdküste, wo er mehrere Villen besitzt, ohne Baugenehmigungen mit Betonburgen für seine Gäste verschandelt. Schließlich bliesen die Staatsanwälte erneut zum Angriff. Sie untersuchten die Firmensitze der Unternehmen Silvio Berlusconis und klagten seine Kinder Marina und Piersilvio an, die den Konzern des Papas leiten. ... Etwas Fundamentales ist bereits erschüttert: das Image des unbesiegbaren Sonnyboys Berlusconi. Zwar leitet er die stabilste Regierung in der Geschichte Italiens, doch inzwischen ist er nur noch Dompteur einer zerstrittenen Koalition. Der Imperator hat seine Souveränität verloren.

9/11-Kommission empfiehlt Umbau der US-Geheimdienste

--- Am Donnerstag soll nach der Veröffentlichung der Mitarbeiterprotokolle der 9/11-Kommission des US-Congress vor einem Monat nun der umfangreiche Endbericht vorgestellt werden. US-Zeitungen wie die New York Times und die Washington Post wissen natürlich schon vorab, was drinsteht: The final report of the commission investigating the Sept. 11, 2001, attacks recommends a major restructuring of the nation's intelligence community and includes broad criticism of the White House, Congress and other parts of the U.S. government for failing to detect, thwart and better respond to the deadly hijackings, according to panel members and other officials. The book-length report -- being readied for public release on Thursday -- has been endorsed by all 10 of the bipartisan panel's members. It features many of the findings that emerged from public hearings and staff investigations, including the conclusion that al Qaeda and Iraq did not form a close working relationship, commission officials said. But the final report goes beyond the detailed findings of the commission's staff, scolding Congress for poor oversight of the nation's counterterrorism efforts and urging specific and dramatic reforms that include creation of a powerful national counterterrorism center, according to administration officials and those involved in drafting the document. The new center would have far greater authority than the Terrorist Threat Integration Center opened by the CIA last year, officials said. The report also recommends a Cabinet-level office and director to oversee the CIA, the FBI and other intelligence agencies, as the New York Times reported yesterday, but one official familiar with the report said that was only part of a broader reorganization aimed at shaking up the intelligence community. Aber nichts Genaues will man natürlich eigentlich noch nicht verraten. Unterschiedlichste Einzelheiten sind trotzdem schon durchgesickert, etwa auch, dass eher Iran als Irak anscheinend beste Beziehungen zu bin Laden und al-Qaida hat(te). Mehr dazu im Magazin Time.

2004-07-17

Terrorgruppe droht: Italien wird brennen

--- Die Abu-Hafs-el-Masri-Brigaden, die sich zu den Anschlägen in Madrid bekannt haben, al-Qaida zugerechnet werden, aber eher als unglaubwürdig gelten, warnen schon wieder. Ihre Drohbotschaft ist an Italien gerichtet: Eine zum Terrornetzwerk El Kaida zählende Gruppe soll Italien «eine letzte Warnung» gegeben haben. Das geht aus einer Erklärung hervor, die am Samstag auf einer islamischen Webseite veröffentlicht ... wurde. Darin heißt es: «Dies ist die letzte Warnung an das italienische Volk. Entweder werdet Ihr den inkompetenten (Ministerpräsidenten Silvio) Berlusconi los oder wir werden Italien wahrhaft in Brand setzen.» Berlusconi gilt als einer der engsten Verbündeten des amerikanischen Präsidenten George W. Bush im Irakkonflikt. In dem Schreiben wird betont, es handle sich um keine leere Drohung. Vielmehr sollten die Italiener gewarnt werden, dass eine «wahre Katastrophe» drohe. Mehr zu der Warnung beim Northeast Intelligence Network, das von gleich zwei ähnlichen Drohungen berichtet. Außerdem sollen die Terroisten auch UN-Institutionen in den Niederlanden auf dem Kieker haben. Der Psychoterror geht also munter weiter, weitere unschöne Szenarien entwirft da ein Buch eines degradierten CIA-Qaida-Jägers (Imperial Hubris), über das der Spiegel berichtet.

2004-07-16

Butler-Report: doch noch Folgen für Blair?

--- Der Guardian interpretiert den Butler-Report anders als die britische Regierung. Er verweist vor allem darauf, dass die Vorwürfe des BBC-Reporters Andrew Gilligan hinsichtlich des "aufgesexten" britischen Irak-Dossiers durch den Bericht letztlich unterfütter würden und der Fall, der auch dem BBC-Chef den Kopf kostete, neu aufgerollt werden müsse: It is time to rewrite history. Six months ago, the BBC lost the chairman of its governors, its director general, and the reporter Andrew Gilligan, after Lord Hutton's sweeping condemnation of Gilligan's infamous report of May 29 2002, the corporation's refusal to admit it was wrong and the governors' handling of complaints from Alastair Campbell. On Wednesday, Lord Butler, another establishment stalwart, largely substantiated Gilligan's report and certainly legitimised the BBC's defence of it. ... Butler, unlike Hutton, has seen the intelligence and studied the way it was used. Gilligan, it turns out, was right. Caveats and health warnings were lost in translation between the joint intelligence committee assessment of the 45-minute claim (even then mysteriously shorn of its battlefield context), and the dossier. One cautious "indication" became a barely qualified assertion used in the prime minister's foreword, the executive summary and twice more in the dossier. It now emerges that MI6 has lost confidence in the validity of the claim. ... There were failings at the BBC for which three individuals paid a heavy price. The clock cannot be turned back for Gavyn Davies, Greg Dyke and Andrew Gilligan. But now that Butler has confirmed the serious shortcomings in the use of intelligence, which Gilligan reported, the record ought to be set straight - even if Butler holds no one person responsible for those failings. Weitere kritische Stimmen u.a. beim Independent und bei Arab News.

Update: Passendes Titelthema des Economist: Spymasters or spinmeisters?: British and American inquiries into intelligence failures over Saddam Hussein’s supposed illegal weapons have both found that their countries’ spy chiefs hyped up questionable evidence, which happened to help their political masters make the case for war

TV entdeckt den Terror im Web

--- Langsam merken es selbst die klassischen Medien, dass sich der Dschihad auch online niederschlägt. Premiere feierte das Thema in einen längeren Beitrag vom NDR im Magazin Panorama am gestrigen Donnerstag. Der Anreißertext gab sich dramatisch: Ein Gefangener wird im Irak mit einem Säbel geköpft – und das Ganze wird gefilmt. Mit diesen unfassbaren Bildern haben islamistische Terroristen die Welt vor einigen Monaten geschockt. Doch mittlerweile vergeht fast kein Tag, an dem nicht neue Videos über Attentate oder Hinrichtungen auftauchen. Die Propaganda der Macher wird immer professioneller: der Selbstmord-Attentäter hat mittlerweile einen Kameramann an seiner Seite, der nicht nur den Anschlag filmt, sondern zuvor bereits den Abschied von seinen Angehörigen aufgenommen hat. Tatsächlich zeigte der Beitrag dann auch vor allem Ausschnitte aus dem "Best of"-Video der Selbstmordattentäter, das über angeblich pro-israelische Sites wie www.inhonor.net längst auch online verfügbar ist (angeblich zur Aufklärung über die Beweggründe der Terroristen und zusammen mit all den anderen blutigen Videos aus dem Qaida-Umfeld). Ansonsten wurden die einschlägigen Experten zum Thema befragt wie Gabriel Weimann oder Aaron Weisburd von Internet Haganah, der gestern mit einem akuten Anschlagwarnung für Italien in Fachkreisen für Aufsehen sorgte. Letztlich kamen aber auch Verfassungsschützer in dem NDR-Beitrag nur zu der Auffassung, dass man nichts machen könne gegen die Nutzung des Internet durch die Gotteskrieger. Ratlosigkeit verbreitet sich also über die Medienstrategien der Islamisten, die natürlich just von den demokratischen Werten und Öffentlichkeitstheorien profitieren, die sie eigentlich streng ablehnen und im Rahmen ihres Dschihad mit bekämpfen. Am aussichtsreichen erscheint da -- trotz der teilweisen alarmistischen Fehlschläge -- der Weg von Weisburd und seinen Kollegen aus der "Cyberwehr", die immer wieder auf das Treiben der Glaubenskrieger im Netz hinweisen und so zumindest ihre "heilige Ruhe" stören. Mehr zum Thema in Telepolis.

2004-07-15

Blair kommt mit blauem Auge davon

--- Tony Blair hat noch mal Glück gehabt: Der Butler-Report, der den Spin rund um die Irak-Kriegsgründe in Großbritannien untersucht hat, erteilt dem Premier eine weitgehend Absolution. Nicht er habe gelogen, sondern die schlechten Geheimdienstinformationen waren an den Falschinformationen rund um Saddam Husseins Waffenarsenale schuld: Eine von ihm eigens eingesetzte Untersuchungskommission hat den 51-jährigen Labour-Politiker in einem  Bericht erwartungsgemäß von dem Vorwurf  entlastet, seine Landsleute mit vorsätzlichen Falschinformationen von der Notwendigkeit überzeugt zu haben, den Irak im März vergangenen Jahres anzugreifen und den dortigen Machthaber Saddam Hussein zu stürzen. Zu dieser Schlussfolgerung kam die Kommission unter der Leitung des Karrierebeamten Robin Butler. Zwar sei der Regierungschef mit seinen Warnungen vor der irakischen Gefahr "hart an die Grenzen der vorhandenen Informationen" gegangen, so Butler. Trotzdem habe Blair die Öffentlichkeit "nach bestem Wissen und Gewissen" informiert. Doch die möglichen Folgen sind laut Telepolis alles andere als wünschenswert: Was bleibt, ist eine Botschaft, die vor allem in der arabischen Welt mit Bitternis aufgenommen werden dürfte. Zwei westliche Staaten haben ein arabisches Land jahrelang mit tödlichen Sanktionen belegt und bombardiert, um schließlich einzumarschieren und das Regime zu stürzen. Wer glaubt, dass dies zu einer dauerhaften Stabilisierung der Region beitragen wird, ist auf dem Holzweg. Stattdessen gießen die beiden "Urteile" von Washington und London Öl auf das Feuer der arabischen Terrororganisationen, die nun erst recht vor der Gefahr der "Ungläubigen" warnen werden und damit auf die Wut und die Ohnmachtgefühle in der Bevölkerung setzen können. Dass Bush und Blair keine Schuld tragen, weil sie ihre Geheimdienste nicht vorsätzlich unter Druck gesetzt haben, ist ein Trugschluss. Die US-amerikanische CIA und der britische MI6 haben für jeden ersichtlich die mehr oder weniger stillen oder expliziten Vorgaben ihrer jeweiligen Regierungen erfüllt, die den Krieg planten und dafür die notwendige Legitimation bei den Geheimdiensten einholten. Mehr dazu u.a. in der LA Times.

2004-07-14

Pressefreiheit im Bundestag

--- Gesine Lötzsch, Bundestagsabgoerdnete der PDS, durfte kürzlich erfahren, wie weit es der Deutsche Bundestag mit der Pressefreiheit hält. Anlass war ein Porträt über Lötzsch in der Bundestagszeitschrift Blickpunkt, wie der Spiegel berichtet. Dort wird im aktuellen Heft der Tagesablauf von Lötzsch beschrieben - akribisch, nur leider unvollständig. Es war der 23. Mai, jener Tag, an dem der neue Bundespräsident gekürt werden sollte. "Doch bevor es dazu kam, protestierte die Parlamentarierin zusammen mit anderen Personen vor dem Reichstagsgebäude gegen einen Wahlmann, der an diesem Tag den höchsten Repräsentanten der Republik mit bestimmen würde: Hans Filbinger. Der Mann hatte für Wirbel gesorgt, denn der frühere CDU-Ministerpräsident in Baden-Württemberg war während des Dritten Reiches Marine-Richter gewesen und hatte als solcher an mehreren Todesurteilen gegen Deserteure der Wehrmacht mitgewirkt." Dieser Teil ihres Tages wurde kurzerhand aus dem Porträt gestrichen. Lötzsch beschwerte sich bei Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, der dann schriftlich erklärte, wie es dazu kam: "Wie mir anlässlich Ihres Schreibens seitens der Redaktion mitgeteilt wurde, galt es aus deren Sicht abzuwägen, inwieweit der Passus für das Verständnis der Parlamentsarbeit der Abgeordneten notwendig war oder nicht", zitiert der Spiegel.Für Debatten dieser Art sei kein Platz in der Rubrik, hieß es. Das Porträt lief über drei Seiten.

Erste bulgarische Geisel getötet

--- Al-Dschasira hat ein Videoband erhalten, demnach eine der beiden von al-Sarkawis Truppe gefangen gehaltenen Geiseln gekillt wurde: In a videotape sent to Aljazeera, an Iraqi group calling itself Al-Tawhid wa Al-Jihad says it has executed one of the two Bulgarian captives it seized last week. The execution, however, was not broadcast by Aljazeera. The group said it would kill the second captive within 24 hours unless its demands were met. ... The wives of the two men, identified by Bulgarian authorities as civilian truck drivers Ivailo Kepov and Georgi Lazov, made several videotaped appeals to the captors through Aljazeera news broadcasts. Bulgarian Foreign Minister Solomon Passy made clear earlier in the week that Bulgaria's staunchly pro-US policy would not change as a result of the drivers' capture. "Bulgaria is a stable state with a predictable foreign policy and we cannot expect it would change its foreign policy because of one or another group," Passy told state radio. Mehr zum andauernden Terror-Theater, das sich aufmerksamkeitsökonomisch langsam totläuft, in Telepolis.

Blogs, PR, Spin Doctors und die Journalisten

--- Blogger Steve Rubel (Micro Persuasion) hat gerade zur -- natürlich rein virtuellen -- Global PR Blog Week 1.0 geladen. Hauptsächlich dreht sich das Online-Event um die Frage, wie und ob Unternehmen Blogs für Marketing und PR einsetzen können und sollen. Doch es gibt dort auch ein paar medientheoretisch interessantere Beiträge, etwa ein Interview mit dem New Yorker Journalismus-Professor Jay Rosen, der selbst das aufschlussreiche Blog Pressthink betreibt. Auszüge aus dem Online-Talk: A little orchestra of interpreters instantly comes along and does something to journalism, plays back its significance, but first editing out all the noise. It's like a reply. Smart journalists are tuning into that because its an intelligent use of their work-- and a departure point, a place where criticism flashes. Sometimes what they are reading surpasses their work. ... public relations should first understand that to the extent that its art is a form of "spin"--whether it's reasonable spin, accepted spin, good spin, bad spin, terrible spin--it is selling a service for which there is less and less value, and less mind is paid to it. Spin was possible in the era of few-to-many media, and a small number of gatekeepers who could be spun. There are fewer who listen (or have to listen) and more who hear only dull propaganda, witless repetition, one of the many forms of mindlessness to which citizens are subjected. ... Today many knowledge monopolies are breaking up, and this corresponds with what the British media scholar Anthony Smith once identified as a shift "in the locus of sovereignty over text," a shift toward the public. We could say "toward consumers," but what Smith meant is that more power has fallen into the hands of the people who were mere receivers before. They are more sovereign-- as consumers, yes. But also as producers of their own media. Via PR Watch.

US-Justizminister trommelt für Antiterrorgesetz

--- John Ashcroft findet nur Löbliches am PATRIOT-Act, dem wichtigsten amerikanischen Antiterrorgesetz, das den Sicherheitsbehörden stark erweiterte Befugnisse gebracht hat. Seinen Spin hat er in einem Erfolgsbericht zusammengefasst, den die LA Times sehr kritisch sieht: The upbeat analysis, titled "Report From the Field: The USA Patriot Act at Work," is part of a campaign by the Justice Department and House Republicans to shore up support for the controversial law, which narrowly survived an assault on some of its provisions in Congress last week. "The report that we are releasing today provides a mountain of evidence that the Patriot Act continues to save lives," Ashcroft said at a news conference on Capitol Hill. Ashcroft said the report, which is not required under the act, was compiled at the request of members of Congress from both parties. But some House and Senate Democrats assailed the analysis as one-sided and misleading, saying it failed to address the most contentious provisions of the law and perpetrated myths about the department's terrorism-fighting record. "This report is more of John Ashcroft's doubletalk on the Patriot Act," said Rep. John Conyers Jr. of Michigan, the top Democrat on the House Judiciary Committee. The American Civil Liberties Union, which has challenged portions of the Patriot Act in court, branded the report part of a "public relations" campaign by the Bush administration.

2004-07-13

Al-Sarkawi: Das neue Phantom

--- Die New York Times versucht sich an einem Porträt des mythenumwobenen jordanischen Terroristenführers al-Sarkawi, dem wichtigsten Gegenspieler der irakischen Regierung. Viel mehr als über bin Laden scheint man aber auch über ihn nicht zu wissen: Ten years ago, fellow inmates remember, Abu Musab al-Zarqawi emerged as the tough-guy captain of his cellblock. In the brutish dynamic of prison life, that meant doling out chores. "He'd say, 'You bring the food; you clean the floor,' " recalled Khalid Abu Doma, who was jailed with Mr. Zarqawi for plotting against the Jordanian government. "He didn't have great ideas. But people listened to him because they feared him." According to American officials, Mr. Zarqawi has come a long way from his bullying cellblock days and is now the biggest terrorist threat in Iraq, accused of orchestrating guerrilla attacks, suicide bombings, kidnappings and beheadings. ... American forces are stepping up airstrikes on buildings they believe to be his safe houses in Falluja and have raised the bounty on him to $25 million, the figure offered for Osama bin Laden. For all that, Mr. Zarqawi remains a phantom, with little known about his whereabouts or his operations. ... people, who knew Mr. Zarqawi until he disappeared into the terrorist murk of Afghanistan four years ago, acknowledge that he may have changed. But they say that while the man they knew could be capable of great brutality, they have a hard time imagining him as the guiding light of an Iraqi insurgency. "When we would write bad things about him in our prison magazine, he would attack us with his fists," said Yousef Rababa, who was imprisoned with Mr. Zarqawi for militant activity. "That's all he could do. He's not like bin Laden with ideas and vision. He had no vision." ... American intelligence officials said Mr. Zarqawi opened a weapons camp connected to Al Qaeda in late 2000 in western Afghanistan. There he took up his nom de guerre, with Zarqawi a reference to his hometown of Zarqa. United States officials said he was wounded in a missile strike after the Sept. 11, 2001, terror attacks when American forces went after the Taliban and Al Qaeda. Intelligence officials say he then left Afghanistan, where he had taken a second wife, and made his way to a corner of northern Iraq controlled by a Kurdish separatist Islamic group called Ansar al-Islam. ... In February, American officials in Baghdad released a 6,700-word letter - outlining a terror strategy to drag Iraq into civil war - that they said had been found on a CD from Mr. Zarqawi to Al Qaeda's leadership. But people who know Mr. Zarqawi wonder if he was the author. They said the lengthy political analysis, the references to seventh-century kings and embroidered phrases like "crafty and malicious scorpion" do not sound like him. "The man was basically illiterate," Mr. Abu Doma said, though he acknowledged that a learned acolyte could be helping him. ... The mystery remains. On May 11, a video appeared, titled "Sheik Abu Musab Zarqawi Slaughters an American Infidel." It showed the beheading of Nicholas Berg, the young Pennsylvania businessman. American officials believe that Mr. Zarqawi may have been the killer. Back in Amman, there are questions. The killer on the video cuts with his right hand. While Mr. Hami said he thought Mr. Zarqawi was right-handed, Mr. Rababa and Mr. Abu Doma, who shared the same room with him for several years, insisted that he used his right hand only for eating and shaking hands. Eine andere Sichtweise auf al-Sarkawi und den amerikanischen Spin um ihn herum präsentiert Michel Chossudovsky. Viele Fragen bleiben offen, Futter für Verschwörungstheorien gibt es zuhauf.

Irakische Regierung rüstet rhetorisch auf

--- Die irakische Übergansregierung versucht die Aufständischen einzuschüchtern und greift dabei zu nicht gerader sanfter Rhetorik: Der irakische Präsident Ghasi Al Jawar hat Terroristen und Kriminellen mit dem Tod gedroht. "Den Terroristen, den Entführern und Vergewaltigern sage ich: Dies ist Eure letzte Chance, danach bleibt nur noch das Schwert", erklärte er in Bagdad. Die irakische Führung werde den Terrorismus "an seinen Wurzeln packen und ausrotten", sagte er vor der in wenigen Tagen erwarteten Verkündung eines Amnestiegesetzes für Widerstandskämpfer.

2004-07-12

Blogger für Kerry-Nominierungsfeier stehen

--- Die Blogger, die bei der historischen ersten Nominierungsversammlung für die Kür eines Präsidentschaftskandidaten dabei sein dürfen, haben ihre Akkreditierung nun bekommen: More than 30 independent Web journalists have been accredited to cover the Democratic convention ... they included the Democratic-leaning Burnt Orange Report, Daily Kos, Pandagon.net and TalkLeft. Jerome Armstrong of MyDD.com also confirmed to The Associated Press that he had been accepted. Bloggers will have the same access as traditional journalists within the FleetCenter convention hall ... bloggers will join radio journalists with workspace in the FleetCenter itself, while other media will be in nearby buildings ... Democrats also will host a breakfast for bloggers on opening day. Allerdings gab es auch Unstimmigkeiten: The Democrats initially invited an additional 20 bloggers to their July 26-29 party in Boston, but later rescinded those approvals and blamed a computer gaffe. That prompted complaints of unprofessionalism and favoritism. Die Republikaner haben inzwischen angekündigt, zu ihrer Nominierungsfeier ebenfalls genehme Blogger zuzulassen.

Kerry will die "Wahrheit" zurück ins Weiße Haus führen

--- Die Bush-Herausforderer Kerry und Edwards werfen dem jetzigen Amtsinhaber und seiner Crew in einem Interview mit der Washington Post vor, ein Kabinett der Lüge aufgebaut zu haben: President Bush has governed in a dishonest fashion, trampling values on every issue except fighting terrorism and leaving voters "clamoring for restoration of credibility and trust in the White House again," John F. Kerry and John Edwards said in an interview. "The value of truth is one of the most central values in America, and this administration has violated" it, Kerry said in an interview with The Washington Post aboard the Democrats' campaign plane Friday. "Their values system is distorted and not based on truth." The Democratic nominee and his running mate said it was that kind of anger toward the president that prompted entertainers at Thursday's Democratic fundraising concert in New York to attack Bush as a "cheap thug" and a killer. "Obviously some performers, in my judgment and John's, stepped over a line neither of us believes appropriate, but we can't control that," Kerry said. "On the other hand, we understand the anger, we understand the frustration." Edwards said scathing anti-Bush attacks such as the concert and Michael Moore's new film "Fahrenheit 9/11" reflect an "expression by folks with genuine feelings," adding, "Thank goodness in our country they have a right to express those feelings." Und ja, wir haben es mitbekommen: es dreht sich alles um "Werte" im demokratischen Wahlkampf, nicht unbedingt nur finanzielle natürlich.

2004-07-10

Mauerurteil: "Antiisraelische Propaganda"

--- Israel will vom Urteil des Internationalen Gerichtshof, wonach die Sicherheitsmauer gegenüber Palästina illegal ist, nichts wissen und hält an seinen Plänen zum Bau der Hightech-Festung fest : Nach Ansicht des israelischen Justizministers Josef Lapid hätte der Internationale Gerichtshof den Fall gar nicht erst annehmen dürfen. "Was von dieser Entscheidung übrig bleiben wird, ist ein Akt antiisraelischer Propaganda", sagte Lapid der "Welt am Sonntag". Unterstützung kommt erwartungsgemäß aus den USA, und zwar bezeichnenderweise sowohl von der Bush-Regierung als auch vom Herausforderer Kerry: Der demokratische US-Präsidentschaftskandidat John Kerry kritisierte das Gutachten ebenfalls. Der "Zaun" sei eine legitime Antwort Israels auf den Terror, sagte er am Freitag am Rande einer Wahlkampfveranstaltung in West Virginia. Auch US-Außenminister Colin Powell machte darauf aufmerksam, dass durch den "Sicherheitszaun" die Zahl von Terroranschlägen zurückgegangen sei. Weitere Spannungen im Krisenherd Naher Osten und weit darüber hinaus zeichnen sich angesichts dieser Sichtweise deutlich ab.

Bush: der Spinnenmann

--- Bush spinnt sich weiter ein in seine momentan schwer nachvollziehbare Haltung, wonach der Irak-Krieg zu einer besseren Welt geführt hat oder vielleicht zumindest noch führen wird: Ungeachtet der harschen Kritik am US-Geheimdienst CIA glaubt US-Präsident George W. Bush weiter an eine Gefahr, die vor dem Krieg von Saddam Hussein ausging. ... "Die Welt ist besser dran ohne Saddam Hussein an der Macht", sagte Bush am Freitag während eines Wahlkampfauftrittes. Bush nannte den Senatsbericht eine nützliche Bilanz der Versäumnisse der CIA. Zugleich verteidigte er die Entscheidung zum Krieg gegen Irak. Zwar seien keine Massenvernichtungswaffen gefunden worden, "aber wir wussten, dass er sie herstellen konnte", sagte der US-Präsident in Kutztown in Pennsylvania. Tja, was soll der Republikaner auch machen, einen Fehler einzugestehen mitten im Wahlkampf scheint seinen Spin Doctors wohl aussichtslos zu vermitteln. Also muss die CIA als Sündenbock herhalten. Die Senatoren hatten zuvor kritisiert: "Die meisten der Schlüsselangaben im Geheimdienstbericht von Oktober 2002 waren übertrieben oder zumindest nicht durch die zusammengetragenen Geheimdiensterkenntnisse gedeckt" ... Das betreffe Angaben über chemische und biologische sowie Atomwaffen. Die Einschätzung der irakischen Waffenkapazität sei von einem falschen "Gruppendenken" geprägt gewesen. Dies habe zur Folge gehabt, dass der Regierung unkorrekte und überzogene Schlüsse vorgelegt worden seien. Es hätte lediglich Hinweise gegeben, dass der Irak theoretisch technisch in der Lage war, solche Waffen herzustellen. "Die Schlüsse, die aus dem Rohmaterial gezogen wurden, waren falsch und unangemessen", sagte der Vorsitzendes des Ausschusses, Pat Roberts.

Große US-Zeitungen sehen den Präsidenten aber keinesfalls reingewaschen. Die New York Times berichtet: The White House took comfort in the committee's report on Friday, but it was clear from the arguments still raging across Washington that the administration's dealings with the Central Intelligence Agency will remain a politically volatile issue through the election campaign. At a news conference on Friday, Senator John D. Rockefeller IV of West Virginia, the senior Democrat on the committee, said the report "failed to explain the environment of intense pressure in which intelligence community officials were asked to render judgments on matters relating to Iraq, when policy officials had already forcefully stated their own conclusions in public." ... In one committee interview, the agency's ombudsman, who was not identified by name, described what he called a "hammering" in the form of repeated questions by administration officials on Iraq intelligence related to Mr. Hussein's possible links to Al Qaeda. The intensity of the questioning was "harder than he had previously witnessed in his 32-year career with the agency," the report quoted the official as saying. Weitere Ungereimtheiten deckt die LA Times auf: In a classified National Intelligence Estimate prepared before the Iraq war, the CIA hedged its judgments about Saddam Hussein and weapons of mass destruction, pointing up the limits of its knowledge. But in the unclassified version of the NIE — the so-called white paper cited by the Bush administration in making its case for war — those carefully qualified conclusions were turned into blunt assertions of fact, according to the Senate Intelligence Committee's report on prewar intelligence. The repeated elimination of qualifying language and dissenting assessments of some of the government's most knowledgeable experts gave the public an inaccurate impression of what the U.S. intelligence community believed about the threat Hussein posed to the United States, the committee said.

2004-07-09

Frühwarnsystem für schlechte Presse

--- Einen kleinen Einblick über die Strategien von Unternehmen, Negativ-Presse zu verhindern, bietet die Wirtschaftswoche in ihrer aktuellen Ausgabe. Danach plant die Telekom, ein Frühwarnsystem aufzubauen. "Mithilfe des so genannten Issues Management Systems soll Rickes Kommunikationsabteilung künftig frühzeitig Themen aufspüren, die das Ansehen des Chefs und des Konzerns beschädigen könnten." Sollte Kritik aufflammen, sollen interne Sprachregelungen helfen, breite Kritik zu verhindern.

30 Millionen US-Bürger sahen Terrorbilder im Web

--- Das Internet macht den klassischen Massenmedien im Kriegszeiten weiter deutlich Konkurrenz. Wie eine repräsentative Umfrage des Pew Internet Project ergeben hat, machten sich in den vergangenen Monaten 24 Prozent der amerikanischen Surfer und damit rund 30 Millionen Amerikaner auf die Suche nach den dramatischen Terror- und Folterbildern und -Videos aus dem Irak. Insgesamt lehnt eine knappe Mehrheit der Befragten allerdings die Tatsache ab, dass über das Netz schockierende Dokumente verfügbar sind, die in den traditionellen Medien nicht gezeigt werden: Americans are conflicted about the idea of these disturbing images being available online. By a 49%-40% margin, Americans disapprove of the posting of such images. A strong cultural divide emerges between Internet users and non-users: Internet users approve of the images being online by a small margin of 47% - 44%, while non-users disapprove by an overwhelming 58% - 29% margin. These are some of the results of a nationwide phone survey done between May 14 and June 17 – a period just following massive world coverage of the murder and dismemberment of American contract workers in Iraq’s strife-torn town Fallujah, pictures taken at the Abu Ghraib prison in Baghdad, and the capture and beheading of U.S. civilian Nicholas Berg. The horrific nature of many of the war-related images that have appeared online have left Internet users with a range of feelings. “Millions of Internet users want to be able to view the graphic war images and they see the Internet as an alternative source of news and information from traditional media,” said Deborah Fallows, Senior Research Fellow at the Project, and co-author of the report. “But many who do venture outside the traditional and familiar standards of the mainstream news organizations to look at the images online end up feeling very uncomfortable.” Some 51% of those who have witnessed the images felt they had made a good decision in doing so. One third of those wished they hadn’t seen them.