2005-01-01

Joi Ito, die "aufstrebende Demokratie" und die Hacker

--- Joi Ito berichtete auf dem 21. Chaos Communication Congress der Hackergemeinde über Weblogs und die Stärkung der Demokratie: Seine Thesen hat der umtriebige Japaner, der momentan auch im Direktorium der Netzverwaltung ICANN sitzt, in einem Essay unter dem Titel "Emergent Democracy" niedergeschrieben. Das Papier sei eventuell ein wenig "zu optimistisch" gewesen, gibt Ito inzwischen zu. Aber grundsätzlich hält er an seiner Idee fest. Standesgemäß hat er den Text zur kollaborativen Weiterbearbeitung in einem Wiki zur Verfügung gestellt. Ganz neu ist die Idee der sich aus neuen Medien anders herauskristallisierenden Demokratie allerdings nicht. Weblogs betrachtet Ito als exzellent für die Meinungsbildung, weil sie ein Mittelding darstellen zwischen reinen statischen Websites, auf denen man Besucher nur schwer halten könne, sowie Mailinglisten, die immer wieder die Aufmerksamkeit der Nutzer überstrapazieren würden. Die Online-Journale entsprächen dagegen mit ihren einfachen Schnittstellen für das Hochladen von Inhalten sowie standardisierten Möglichkeiten zur "Content-Syndication" der "traditionellen Ethik des Internet". Vor allem die Trackback-Funktion, mit der Blogger ihre Einträge gegenseitig weitgehend automatisch verlinken, haben laut Ito "den Internet-Diskurs komplett verändert." Die Online-Kommunikation gestalte sich nun wie bei einer Cocktail-Party: Wenn etwas interessant sei, werde es sofort in die allgemeine Konversation aufgenommen. Uninteressante Beiträge würden einfach ignoriert. ... Spätestens mit dem Schicksal Howard Deans wurde Ito aber klar, dass sich die ersehnte Stärkung der Demokratie nur über das Bauen von Brücken zu den Massenmedien und den Apparaten der "alten" Politikwelt erreichen lässt. Dean hatte als Präsidentschaftskandidatenanwärter der Demokraten vor allem das Internet eingesetzt. Er war Anfang des Jahres im Vorwahlkampf gescheitert, als das Fernsehen dabei eine größere Rolle einzunehmen begann. Nur aus einem neu austarierten Zusammenspiel der Medien und Institutionen könne "eine gemeinsame Infrastruktur für die freie Meinungsäußerung" entstehen, so Ito. Um dieses zu diskutieren, haben Blogaktivisten bereits ein neues Forum in Form des Gemeinschaftsjournals Global Voices Online ins Netz gestellt.

In heise online und in Telepolis gibt es noch einige andere Artikel vom Spindoktor zum Hackertreffen. Ein Interview mit Ito findet sich zudem in IT&W.

1 Comments:

At 3:31 vorm., Blogger Alex Schroeder said...

Vor einiger Zeit hatte ich eine längere Diskussion zum Thema Direkte Demokratie; beispielsweise hat man in der Schweiz scheint eine skalierbare Form von direkter Demokratie gefunden. Leider geht Joi Ito darauf nicht weiter ein. Die Diskussion verlief sich damals im Sand (und ist nicht mehr zu finden, weil der alte Wiki von Joi Ito nicht mehr online ist).

 

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