2005-08-19

Schluss mit dem Wahlkrampf!

Der Spindoktor bloggt heute eifrig im Wahltagebuch über Meinungsumfragen vor der Wahl, mangelnde Alternativen und natürlich den Papst, also eigentlich über Gott und die Welt:
Angela Merkel und ihre Mannen genießen Narrenfreiheit im Spätsommer 2005. Unabhängig davon, in welche Fettnäpfchen sie treten und wie heftig sie patzen, am Wechselwillen der Wähler scheint sich wenig zu ändern. Die Auguren sind sich jedenfalls einig: Die Debatten über Angies Brutto-Netto-Schwachfug, ihr gähnend-langweiliger Ost-Wahlkampfauftakt in der Lutherstadt Wittenberg, Eddies Ost-Frustrierten-Gegröle oder Schönbohms Proll-Arie haben der Union bislang keine Stimmen gekostet. Anscheinend hat Stoiber gar einen Nerv getroffen bei seiner gut behüteten Klientel im tiefen Westen mit seinem Gepolter über das leider nicht mehr hinter der Mauer lebende Pack aus dem Osten. Doch selbst in der „Zone“ sehen Wahlforscher die Union momentan wieder als stärkste Kraft an. Meinungsumfragen vor Wahlen sind generell Spielverderber und nehmen die Spannung vor dem Urnengang weg. ... Fakt ist, dass keiner den von Schröder dem Volk aufoktroyierten Wahlkrampf wirklich mag. Gleichzeitig ist die Unzufriedenheit mit Rot-Grün groß, da viele Reformen und Vorhaben im Streit mit dem jeweiligen Koalitionspartner und der Opposition verwässert wurden und eine neue Berliner Linie nicht mehr erkennbar war. Die Wähler wollen ein neues Farbenspiel an die Macht bringen, wobei der endgültige Mix ihnen noch nicht eindeutig vor Augen steht. Hier gibt es noch leichten Gestaltungsspielraum, aber der Wahlkampf selbst scheint größtenteils gelaufen, bevor er nur richtig anfing. Das allgemeine inhaltsfreie Politikergesülze interessiert den Bürger nicht mehr, den Versprechen auf einen echten Richtungswechsel glaubt keiner. Große Visionen fehlen, werden gegenwärtig von keiner Partei ernsthaft kommuniziert. Die einzige Hoffnung der Wähler ist, dass es doch zumindest irgendwie einen Tick anders wird in der nächsten Legislaturperiode. Aber bloß nicht zuviel Veränderung! Letztlich werden also so oder so die Frustrierten die Wahl entscheiden. ... Am besten wäre es daher für die Parteistrategen und Politikbegeisterte, den Wahlkrampf 2005 zu boykottieren und stattdessen mit Hochdruck an Wegen zu arbeiten, um die Möglichkeiten zur Beteiligung der Bürger an der Demokratie mit Petitionen und bundesweiten Volksabstimmungen zu stärken. ... Bis dahin bleibt dem Wähler wenig anderes übrig als das zwanghafte Treiben auf der politischen Bühne als Beitrag zum täglichen Medien-Entertainment abzuhaken oder sich an der Unzahl an Kandidatenweblogs und deren virtuellen Unterstützerheerscharen gütlich zu tun. Wenn die Blogs der Wahlkämpfer nur nicht immer so bierernst geschrieben wären und uns auch einmal über etwas anderes als das Wetter am Strand von Wanne-Eickel aufklären würden! Für die iPod-Generation gibt es zum Glück inzwischen zumindest die Stimmen von Generalsekretären gleich zum Mitnehmen, denn es müssen ja nicht immer nur U2 und Coldplay beim Joggen oder in der U-Bahn laufen. Das heilige Brot zu den Spielen serviert der Bischof aus Rom in diesen Tagen in Köln noch dazu.
Das Wahltagebuch wird aktuell auch in einem Artikel über Wahlbogs jenseits der Parteien von Spiegel Online nicht unerwähnt gelassen.

Und sonst: Unerwartete Wahlkampfhilfe für Schröder aus England: So etwas gab es seit Jahren nicht mehr: Der "Economist", das einflussreichste Wirtschaftsmagazin der Welt, bejubelt den Standort Deutschland. Den Aufschwung vermasseln, so mahnt das Blatt, könnten nur noch die deutschen Politiker. Den Original-Artikel gibts nur gegen Kohle bei Economist Online.

Wahlkampf Visuell: Virtuelle Sammlung von aktuellen Wahlkampfplakaten von Politik Visuell (Anscheinend haben demnach nur die CDU und die FDP gute Plakate)

Lug und Trug rund um Menezes-Erschießung: Londoner Polizeichef in Erklärungsnot. Ian Blair soll versucht haben, eine Untersuchung der tödlichen Schüsse in Londoner U-Bahn zu stoppen

Bushs Verstrickung in seiner eigenen Lügenwelt: Why Bush Believes His Lies Via Under Radar.

Unser geliebter Medienpapst -- ein verkappter Neokonservativer? Benedict XVI: The Neocon Pope, Dialog International. Das mit dem Filtern und der "Zensur" auf dem Weltjugendtag war zwar wohl nicht böse Absicht, ging aber voll nach hinten los.

Neues aus der Rubrik Cititzen Journalism: "What Mainstream Misses Is Most Read" so der schlagende Vorteil des Bürger-Journalismus laut Journalismus-Prof Clyde Bentley. Eine andere US-Akademikerin verkündet derweil "The Rise of the Citizen Editor". Citizen Journalism in Aktion gegen Microsofts Lobbying im Berliner Abgeordnetenhaus gibts bei Netzpolitik und die Zusammenfassung bei heise online. Und auch in Chile setzen Blogger verstärkt die politische Agenda.


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1 Comments:

At 11:54 vorm., Anonymous Günther Werner said...

In einem Kommentar bezeichnet Wolfgang Münchau (Financial Times Deutschland) Angela Merkel als "Genossin der Bosse", die aus Schröders Fehlern nichts gelernt hat. Zu lesen unter "Kommentare online". Ist die CDU also gar keine Alternative zur SPD?

 

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