2005-11-30

Deutschland im Terrorwahn

--- Kaum hat es Deutschland, äh, eine Deutsche im Irak getroffen, überschlagen sich die Medien regelrecht mit Interviews, Einschätzungen und Bedrohungsanalysen. Der neue Innenminister Schäuble etwa schürt gleich mal die Angst, sieht Deutschland von Anschlägen bedroht (aber welches Land ist das nicht?). Andere Nachrichten-Outlets haben den ein oder anderen "Terrorexperten" befragt, die sich ähnlich äußern:
"Deutschland ist nicht geschützt", sagte Guido Steinberg, Nahost-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik, FTD Online am Mittwoch. "Wir sind mit auf der Zielliste der Islamisten. Vielleicht nicht ganz vorne wie die USA, Großbritannien oder Italien. Aber direkt dahinter." ... "Deutschland steht als Mitglied des Kreuzfahrerbündnisses mit im Fokus", sagte der Terrorismus-Experte Kai Hirschmann.
Ganz neue Einsichten. Anderwo wird die unter tragischen Umständen befreite ehemalige italienische Geisel Giuliana Sgrena wiederentdeckt, etwa bei Spiegel Online mit krassen Schlagzeilen ("Es ist das blanke Entsetzen, die totale Angst") oder in der Zeit bzw. entsprechenden Agenturmeldungen, in denen sie zur Ausstrahlung des Entführer-Videos rät. Eine Hilfsorganisation hat auch einen Tipp angesichts der verschleppten Susanne Osthoff parat: "Dieser Entführungsfall darf nicht zum Rückzug führen". Neu-Kanzlerin Angela Merkel will sich derweil "nicht erpressen lassen". Der Bundesnachrichtendienst und das Außenministerium kümmern sich um den Fall, ist ansonsten zu hören. Bleibt nur zu hoffen, dass Osthoff bald freikommt, denn sonst wird es bald kaum mehr andere Themen hierzulande geben.

Noch aber schon: Schlechter Voreinstand für den designierten BND-Chef: Uhrlau: CIA-Flüge in Deutschland "Gerüchte". Der künftige BND-Chef Uhrlau zweifelt an Berichten über heimliche CIA-Flüge in Deutschland. Es gebe bislang keine Fakten, sagte er. Die US-Regierung in Person von US-Außenministerin Rice will zudem die Aufklärung über die Folterflüge des Aufklärungsdienste vorantreiben und zeigt Verständnis für die Sorgen der Europäer.

Das Weiße Haus übt sich derweil in Realsatire: Bush legt "Strategie für den Sieg" im Irak vor. Dazu gibt es auch ein PDF-Dokument im englischen Original. Anderswo gibt es derweil weitere heftige Kritik an der Entscheidung der Bush-Regierung, überhaupt den Irak-Krieg zu starten. Etwa vom US-Botschafter im Irak, Zalmay Khalilzad, oder vom Militärhistoriker Martin van Creveld.

Interessanterweise sind für den neuen Medienpreis "Goldener Prometheus" im Bereich Online-Journalismus fast nur Blogger nominiert, was immer das heißen soll. Nicht erfreut zeigen sich über ihre Nominierung die geschätzen Kollegen vom Bildblog (s.a.: "Bildblog" will nicht mit "BamS"-Chef Strunz. Das Medienmagazin "V.i.S.d.P." zeichnet demnächst die "Journalisten des Jahres" aus.) Ach herrjeh, da muss sich der Spindoktor wohl auch noch was überlegen, wie er seine Nominierung wieder los wird, wenn der Preis damit jetzt schon als politisch inkorrekt gilt.

Überhaupt geht der Trend anscheinend zum politisch korrekten und gar gesponnenen Blogging -- den Trittbrettfahrern sei Dank: Once upon a time, the wooden tongue was restricted to corporate reps, PR mouthpieces and government spinmeisters. But over the last couple of years, there's been a fashion for official websites to reformat as blogs. A corporate website might be consulted once or twice, but a blog invites readers to return for a daily dose of "rolling news" about the product, personality or politician being advertised.

Die Iran-Blogger mal wieder: Iraner bloggen gegen die Regierung. Tausende Iraner kritisieren inzwischen im Internet die eigene Regierung. Viele von ihnen leben im Iran - und müssen dort Zensur und Repressionen fürchten.

Rough Justice: Lynchmobs, Todesstrafe, Folter beim US-Militär: Der geschichtliche Zusammenhang. Das US-Militär foltert. Ob die Wahrheitsfindung dadurch gefördert wird? Noch mehr als die Folter selbst wundert aber die Selbstinszenierung der Folterer: lächelnd wie auf einem Familienfoto - die menschenverachtende Tortur als Riesengaudi im militärischen Urlaub.

"Schleichwerbung" der US-Armee im Irak: U.S. Military Covertly Pays to Run Stories in Iraqi Press. As part of an information offensive in Iraq, the U.S. military is secretly paying Iraqi newspapers to publish stories written by American troops in an effort to burnish the image of the U.S. mission in Iraq. The articles, written by U.S. military "information operations" troops, are translated into Arabic and placed in Baghdad newspapers with the help of a defense contractor, according to U.S. military officials and documents obtained by the Los Angeles Times. Many of the articles are presented in the Iraqi press as unbiased news accounts written and reported by independent journalists. The stories trumpet the work of U.S. and Iraqi troops, denounce insurgents and tout U.S.-led efforts to rebuild the country. "Aufständische" oder "Rebellen" soll's im Irak bzw. in der Medienberichterstattung über den Krieg laut Rumsfeld zudem gar nicht mehr geben, nur noch Terroristen.

Unsere Lieblings-Lobbyvereinigung mal wieder in der Kritik: Der Reform-Glanz schwindet. Die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft bekommt zunehmend Gegenwind: Bei der Präsentation ihres "Reformers des Jahres" kam jetzt unangemeldeter Besuch von den "Überflüssigen".

Merkels Steilvorlage mit den "kleinen Reformschritten": Westerwelle: "Große Koalition macht Politik der Trippelschritte".

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1 Comments:

At 9:26 nachm., Anonymous bloggnjus said...

Na ja diese ganz Story ist halt nicht glaubwürdig: Das Einzige Land der Welt, dass die Menschenrechte nicht anerkennt will den Irak vom "Diktator Saddam Hussein" befreien, bzew wahlweise von der Al-Qaida. Bis heute ist das "Mission Statement" ja doch irgendwie verworren. Wenn man ein paar Monate zurückdenkt, da hat sich der irakische Propagandaminister ja wenigstens noch Mühe gegeben seine "Lageberichte" irgendwie vernünftig aufzubauen, aber die USA: Fehlanzeige. Dabei hatten sie ja 1991 genug Möglichkeiten kompromittierendes Material auf Halde zu produzieren, das man dan im zweiten Irakkrieg eingesetzt hätte. Andersrum betrachtet kann man ja auch irgendwo froh sein, das es den USA bis heute noch nicht gelungen ist eine vernüntige Propaganda zu entwickeln, so hat man wenigstens eine reele Chance sich zumindest teilweise der Wahrheit zu nähern.

 

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