2005-07-29

Terrorakquise im Netz: Radikale Cyber-Moschee

--- Spiegel Online widmet sich mal wieder dem Thema der Nachschub-Gewinnung für al-Qaida und wirft dabei auch einen Blick auf das Internet:
Entsprechend hat sich die Rekrutierungspraxis von al-Qaida für Terroranschläge im Westen offenbar teilweise gewandelt. Darauf deutet die Anschlagsserie von London hin. Nach vorsichtigen ersten Schlussfolgerungen internationaler Terrorexperten beruht sie auf zwei Elementen: Die Rekruten melden sich jetzt anscheinend verstärkt selbst bei al-Qaida & Co., das erspart den gesuchten Terroristen die mühsame und gefährliche Kontaktaufnahme. Und mit al-Qaida verbandelte Organisationen springen bei der Schulung und Organisation ein - das könnte die Pakistan-Connection im London-Fall erhellen. ... Tausende Webseiten von al-Qaida & Co. und deren Sympathisanten sind seit Jahren online. Mithilfe einer arabischen Tastatur ist es mit etwas Geschick möglich, sich auf Seiten vorzugoogeln, auf denen jede Facette des Dschihad erläutert wird, Märtyrer verherrlicht und Waffentypen aller Art erklärt werden. Al-Qaida-Propagandisten haben schon oft geschwärmt, dass Internet sie ein "neues, virtuelles Afghanistan". Jetzt scheint es auch verstärkt zur radikalen Cyber-Moschee zu werden - eine explosive Mischung. ... "Wer kann mir helfen, eine Kalaschnikov zu besorgen?" - Anfragen wie diese finden sich jeden Tag zu Hunderten in islamistischen Diskussionsforen, ebenso wie Bitten um die theologische Rechtfertigung des Terrors oder nach den neuesten Dschihad-Predigten der Untergrund-Imame. Sie werden oft genug beantwortet. Anleitungen für den Bau von kleinen Raketen des Qassam-Typs, den auch die palästinensische Hamas verwendet, sind frei erhältlich. Wer nach Zutatenlisten für Sprengstoff sucht, wir ebenfalls schnell fündig. In der Vergangenheit gab es immer wieder Fälle, wo Amateur-Zellen auf Grundlage dieser Rezepte vorgegangen sind, in den Niederlanden zum Beispiel im Umfeld des Van-Gogh-Mörders. In London wurde der Anschlag eines algerischen Asylbewerbers vereitelt, der nach einer aus dem Internet heruntergeladenen Anleitung Gift gemischt hatte. Die Behörden haben wenig rechtliche Handhabe gegen solche Seiten; und bevor sie eine Website schließen können, entstehen ohnehin drei neue. Mehrere Internet-Foren, bei denen internationale Geheimdienste davon ausgehen, dass deren Betreiber "mehr als nur al-Qaida-Sympathisanten" sind, bieten überdies Kanäle für "besondere Kommunikation" an. Was hier geschieht, ist kaum nachvollziehbar. Findet hier die Anbahnung von Kontakten zwischen willigem Nachwuchs und Terrorveteranen mit Erfahrung und Verbindungen statt?
Abhilfe weiß Spiegel Online natürlich auch nicht, denn sonst müsste man ja wohl nicht nur das Internet zu machen, sondern auch Kneipen und sonstige beliebte Kommunikationspunkte.

Und sonst: Terror-Abschwörer gibt es auch: IRA erklärt Ende des bewaffneten Kampfes. Siehe auch: Massiver Popularitätsverlust der Terrortruppe. Warum die nordirische Untergrundarmee IRA die Waffen abgibt, aber sich nicht auflösen will.

Karlsruher Lauschurteil: Datenschützer: Telekommunikationsüberwachung muss generell auf den Prüfstand. und natürlich Beckstein auf der anderen Seite mit einer Verbalattacke auf das Bundesverfassungsgericht.

Die Farbe Orange -- Wahlkampf der CDU unter schlechten Zeichen? Bis zum 18. September wird es bei den Christdemokraten jede Menge Orange zu sehen geben. Genau gesagt: Pantone 144 C. So heißt der CDU-Farb-Code, der bereits vor anderthalb Jahren in Hamburg als „Bundes-Corporate-Identity“ unter dem damaligen Generalsekretär Laurenz Meyer eingeführt wurde. ... Das Problem ist nur: „Nach Braun“, so eine Studie der Filmakademie Baden-Württemberg, „ist Orange die unbeliebteste Farbe der Deutschen.“ Es symbolisiere das Unsympathische, das Billige, das Modische, das Laute.

Merkels Golfkriegssyndrom: Angela Merkel unterstützte lange Zeit den Waffengang gegen Bagdad und schloss gar einen Bundeswehr-Einsatz nicht aus – heute will sie davon nichts mehr wissen.

2005-07-27

Rockt Indymedia nicht mehr?

--- Das "unabhängige Medienzentrum" Indymedia (IMC) gilt als Paradebeispiel für den viel beschworenen Bürgerjournalismus alias Citizen Journalism. Doch das ebenfalls auf seine Unabhängigkeit pochende Medienmagazin Alternet wirft jetzt die Frage auf, ob der Idee des eigenen Medienmachens zumindest auf der Indymedia-Plattform die Luft ausgeht:
Conceived initially to allow everybody to 'be the media,' Indymedia is plagued by everything from fascist messages to paralyzing ideology to good old fashioned laziness. ... The open publishing newswire, once filled with breaking stories and photographic evidence refuting government lies, now contains more spam than an old email account. On many sites, it's difficult to find original reporting among the right-wing diatribes and rants about chemtrails poisoning the atmosphere. Coverage of local protests often consists of little more than a few blurry photos of cops doing nothing in particular, without a single line of text explaining the context, the issues, or the goals of the protest. And forget about analysis or investigative reporting. They tend to be as rare on Indymedia as they are on Fox News. This isn't to suggest that I've avoided Indymedia as a journalist, or that I disagree with its mission--neither are true. I've worked with various IMCs over the years during big protests, mostly as a reporter, and mostly secondarily to the various actions I was involved with. ... On the anniversary of the Iraq invasion earlier this year, I was in Mexico, trying to get information about antiwar protests around the United States. I looked at IMC sites based in cities where I knew there were actions, and found nothing. Eventually, I found what I was looking for--on the BBC. The experience, unfortunately, is not uncommon. ... I know I'm not alone in my frustration with IMCs. "I haven't looked at Indymedia in over a year," says the editor of a nationally distributed radical magazine. "Indymedia? It's completely irrelevant," a talented documentary filmmaker tells me. "I let the IMC use my photos but I don't ever read it," says a freelance photojournalist. More and more, independent media makers (even those who occasionally publish on or are affiliated with an IMC) don't even bother looking for news on Indymedia. And for good reason: Indymedia news "coverage" is often lifted from corporate media websites, with occasional editorial remarks added. Some IMC sites limit this type of reporting to a specific section, and there it can lead to informative discussion and criticism. But most seem to rely on it to fill column space in the newswire.
Das deutsche Indymedia hat sich die Autorin zwar nicht angeschaut, aber auch da erfolgen die Updates momentan eher spärlich. Vielleicht liegt der proklamierte Niedergang daran, dass die potentiellen Indymedia-"Reporter" lieber gleich eigene Weblogs füllen?

Und sonst: Karlsruher Überwachungsurteil: Sieg für die Persönlichkeitsrechte. Als richtungsweisend für den Schutz der Persönlichkeitsrechte bewerten Vertreter von Parteien, Datenschützer, Verbände und Juristen die Entscheidung zur Nichtigkeit der vorbeugenden Telekommunikationsüberwachung im niedersächsischen Polizeigesetz.

Bushs schlechtes Händchen für Hightech: Bush's high-tech report card. Does the president get it? Silicon-Valley-Unternehmer sagen Nein.

Neuer US-Spin für den Krieg gegen den Terror: U.S. Officials Retool Slogan for Terror War. In recent speeches and news conferences, Defense Secretary Donald H. Rumsfeld and the nation's senior military officer have spoken of "a global struggle against violent extremism" rather than "the global war on terror," which had been the catchphrase of choice. Administration officials say that phrase may have outlived its usefulness, because it focused attention solely, and incorrectly, on the military campaign.

Bushs Propaganda für seinen Supreme-Court-Kandidaten: AdWatch: Progress for America on Roberts. Less than 24 hours after the president announced the conservative judge as his nominee to replace retiring Justice Sandra Day O'Connor, Progress for America - an interest group with ties to the White House - rolled out this positive TV ad about Roberts.

Und die Realität: Documents Show Roberts Influence In Reagan Era. Newly released documents show that John G. Roberts Jr. was a significant backstage player in the legal policy debates of the early Reagan administration, confidently debating older Justice Department officials and supplying them with arguments and information that they used to wage a bureaucratic struggle for the president's agenda.

Weite Kreise der Rove-Affäre: Prosecutor In CIA Leak Case Casting A Wide Net. The special prosecutor in the CIA leak probe has interviewed a wider range of administration officials than was previously known, part of an effort to determine whether anyone broke laws during a White House effort two years ago to discredit allegations that President Bush used faulty intelligence to justify the Iraq war, according to several officials familiar with the case.

"Over There" - endlich eine Irak-Krieg-Soap (inspiriert von Soldatenblogs): Ein Fernsehkrieg, der süchtig macht. Erstmals beschäftigt sich in den USA eine TV-Serie mit dem Irak-Krieg und dessen traumatischen Folgen. Das Schock-Drama "Over There", das heute in Amerika anläuft, stammt vom selben Team wie der Cop-Krimi "NYPD Blue" und sorgt schon jetzt für politische Furore.

Dschihad & Lebenshilfe online: Propaganda, aber auch neue Vielfalt: Zu den Kommunikationsstrategien von Islamisten im Internet.

Symbolischer Antiterrorerfolg in UK: Tube bomb suspect held by police. Suspected Tube bomber Yasin Hassan Omar is being questioned after a dawn raid in Birmingham.

"Al-Dschasira" für Lateinamerika: 'Chavez TV' beams into South America. Painful birth for new station in war of words with Washington

Willkommen im Wahlkampf

--- Langsam geht es los, die Parteien bereiten sich auf den Wahlkampf vor. Dabei wird es vor allem der SPD schwerfallen, für sich zu werben. Davon geht zumindest KNSK-Chef Detmar Karpinski aus. In der FTD erklärt der Werber heute, dass die SPD ihren "Markenkern" verloren hat. "Politische Werbung kann einen Trend oder abschwächen -umdrehen kann sie ihn nicht", sagt er. Wohl auch deshalb konzentriert sich die SPD auf den politischen Gegner, um das Image von Angela Merkel infrage zu stellen. "Merkelsteuer, das wird teuer", heißt es etwa in Anspielung auf die geplante Mehrwertsteuer-Erhöhung. An der Imagekampagne pro Merkel scheint sich dagegen der Bayerische Rundfunk zu beteiligen, wie der Spiegel Online berichtet. Danach sei in einem Beitrag ein Auftritt von Merkel bei den Bayreuther Festspielen nachbearbeitet worden. Als Merkel dem Volk zuwinkte, soll sich ein Schweißfleck unter der Achsel gezeigt haben - allerdings nur im Original. Der BR zog es dann vor, diesen wegzuretuschieren.
Zugleich hat der Springer-Verlag bekanntgegeben, keine Wahlwerbung der Linkspartei in seinen Publikationen zu drucken. So lange die PDS vom Verfassungsschutz beobachtet werde, gäbe es keine Anzeigen, heißt es.

2005-07-26

Anleitung zum Dschihad-Tourismus

--- Dass sich der Irak zur weitgehend unkontrollierten Brutstätte für den islamistischen Terror trotz oder gerade wegen des US-geführten Kriegs gegen den Terror entwickelt hat, ist kein Geheimnis mehr. Auch nicht, dass al-Qaida und Co. regelmäßig massive Propaganda für ihren "Heiligen Krieg" mit gesonderten, über das Internet verbreiteten Magazinen machen. Inzwischen gibt es aber regelrechte Dschihad-Führer, die den Weg ins gelobte Terrorland zwischen Euphrat und Tigris weisen, wie Spiegel Online herausgefunden hat:
Niemand soll glauben, dass die bevorstehende Reise, die vielleicht die letzte sein wird, ein Spaziergang ist: "Sie ist nicht mit Rosen ausgelegt", schreibt der Verfasser des Terror-Routenplaners deshalb gleich zu Beginn. "Es ist ein langer, schwieriger Weg." Wenig Hoffnung, viele Misserfolge - darauf müssten die Nachwuchs-Dschihadisten gefasst sein. Diese Warnungen sind einer Broschüre der ganz besonderen Art entnommen. "Dies ist der Weg in den Irak", heißt sie. ... m Untertitel steht: "An alle, die sich den Mudschahidin im Zweistromland anschließen wollen". Seit kurzem steht das 4-Seiten-Papier, verfasst unter dem Pseudonym "Der islamische Doktor", zum Lesen und Downloaden auf einer Internetseite bereit, die dem Terrornetzwerk al-Qaida nahe steht. Experten und Analysten haben bisher wenig Grund gefunden, es für unauthentisch zu halten. Es bestätigt vieles von dem, was über die Zuführungspraxis und Nachschubwege der irakischen Terroristen schon geahnt wurde. Die Online-Anleitung zum Weg in den Dschihad ist offenbar ein Puzzlestück in der Strategie der Terroristen, die den USA, ihren Alliierten und auch irakischen Zivilisten seit dem Fall Bagdads im Frühjahr 2004 das Leben zur Hölle machen. Tatsächlich wurden bereits dutzende Selbstmordattentäter aus dem arabischen Ausland identifiziert - die meisten aus Kuwait, Saudi-Arabien, Jordanien und Syrien. Möglicherweise geht die Zahl der kämpfenden Ausländer in die Tausende. Wie sie dorthin gekommen sind, trotz aller Versuche, dies zu unterbinden, erklärt zum Teil das Papier. So heißt es in dem Leitfaden ganz unverhohlen, man möge sich - nach der religiösen und körperlichen Vorbereitung - an die Werber und Schleuser wenden, die es "in vielen arabischen Ländern gibt" und die über "gute Beziehungen zu den Dschihad-Gruppen" im Irak verfügten. Gemeint sind damit Prediger und Vorbeter an radikalen Moscheen, im Terroristen-Sprech: "Muslime, die sich am Vorbild der Vorväter orientieren". Man solle nur darauf achten, "vorsichtig und im Verborgenen" auf die Schleuser zuzugehen. "Hunderte, ja Tausende" seien auf diesem Weg schon ins Zweistromland gelangt. Eine andere Möglichkeit der Kontaktaufnahme mit Vermittlern sei das Internet, heißt es weiter. "Ich sage Euch, Brüder, einige von ihnen sind in unseren Diskussionsforen zu finden!". Allerdings gehörten sie nicht "zu den Stars der Foren", sie hielten sich eher im Hintergrund, weil sie von den Behörden verfolgt und sehr beschäftigt seien. ... Zentraler Umschlagplatz ist dem Papier zufolge Syrien. "Reise über die Türkei ein", wird den Rekruten eingeschärft, vielleicht unter dem Vorwand einer medizinischen Behandlung oder getarnt als Händler. Schließlich rät der Verfasser noch, "sich Jeans anzuziehen und einen Walkman mitzunehmen", "mit irgendwelcher Musik" - gemeint ist wohl: Keine Dschihad-Gesänge!
Und sonst: Terror-Update: US-Regierung blockiert die gerichtlich angeordnete Herausgabe weiterer Abu Ghraib-Bilder. Während der Krieg gegen den Terror aus dem Ruder läuft, hält das Weiße Haus an der Welt der Lager und der willkürlichen Behandlung von Gefangenen fest, die den Terrorismus gestärkt und dem Image der USA geschadet haben, Telepolis.

Polizei identifiziert zwei Rucksackbomber. Ein Scotland-Yard-Sprecher hat die Namen von zwei der vier Attentäter vom Donnerstag bekannt gegeben. Er bestätigte außerdem, dass die Polizei in einem Londoner Park noch eine fünfte Bombe gefunden habe.

Symbolische Härte: Blair: Iraq no excuse for terror. Tony Blair has vowed not to "give an inch to terrorism" and said Iraq was no excuse for the London bombings.

Bin Ladens großes Drogenkomplott? Osama bin Laden tried to buy a massive amount of cocaine, spike it with poison and sell it in the United States hoping to kill thousands, according to reports. The plot failed when Colombian drug lords decided it would be bad for business if they got involved in the deal. Update: Mehr zu den Bin-Laden-Mythen inzwischen in Telepolis.

Auf Islamistensite gefunden: Video of Sharm el-Sheikh Bombings.

Wende in Nordkorea? N. Korea Pledges to Work Toward Denuclearization. As the six-nation talks open today in Beijing, an American official reiterates that the U.S. has no plans to attack the isolated country.

Wissenschaftliche Zusammenfassung zum Thema Information Warfare als Gefahr für das Internet von Stephan Blancke.

2005-07-24

Terror und Selbstmörder zehren an den Nerven

--- Die islamistischen Terroristen sind mit ihrer Strategie der Zermürbung der westlichen Demokratien momentan überaus erfolgreich. Allüberall werden neue Maßnahmen zur Simulation größerer Sicherheit vorgeschlagen, konkret vorbereitet sowie verabschiedet, statt eine aufrichtige Debatte darüber zu führen, ob wir den absoluten Überwachungsstaat wollen. Mit all seinen "Nebenerscheinungen" wie Rosa Listen für Homosexuelle in den Verbrecherdatenbanken der südlichen Bundesländer, die dort schon heute in "Freistaaten" angelegt werden. Denn letztlich könnte höchstens der Orwell-Staat eine gewisse erhöhte Sicherheit vor terroristischen (Selbstmord-)Attentaten bringen. Stattdessen wird noch immer mit dem Argument, die Freiheitsrechte müssten nun gegenüber der inneren Sicherheit "abgewogen" werden, hantiert, dass es einen Schutz gegenüber zu allem bereiten Extremisten bei gleichzeitiger Bewahrung bürgerlicher Freiheitsrechte gibt. Die Nerven liegen jedenfalls überall blank, Alternativen wie stoische Gelassenheit gegenüber dem Terror oder das knallharte Durchgreifen gegen "die Bösen" werden vorgebracht, was die innere Sicherheit eventuell noch durch die Durchsetzung der "äußeren Sicherheit" halbwegs gewährleisten könnte. Doch an der eigentlichen Big-Brother-Diskussion kommt man auch damit kaum vorbei. In Berlin scheint die Angst vor dem Terror jedenfalls langsam anzukommen, wie die Reaktionen auf den Doppeldecker-Absturz vor dem Reichstag zeigt. Beckstein und Co. sind da natürlich mit Luftabwehrraketen zur Stelle. In der Welt am Sonntag gibt es dagegen zumindest noch den Versuch eines balancierten Kommentars:
Wer Angst macht, hat Macht. Und wer Angst hat, ist machtlos. ... Als am Freitag, kurz nach 20 Uhr, ein roter Doppeldecker auf der Wiese zwischen Reichstag und Kanzleramt explodierte, hatten wir den 11. September, die Anschläge in Madrid, Moskau und London vor Augen. Wir hatten Angst vor dem Terrorismus in Deutschland. Später stellte sich heraus: Der Pilot lag nicht mit George Bush im Streit und auch nicht mit dessen "Achse des Guten" - sondern wahrscheinlich mit seiner Frau. ... Wir haben uns in den letzten Monaten in der Zuschauerrolle eingerichtet: Terror ist das, was im Fernsehen ist. Diese Haltung ist gefährlich. Es ist ein Trugschluß, daß Deutschland kein Terror-Ziel sein könnte, nur weil die Regierung Gerhard Schröders die Bundeswehr nicht in den Irak geschickt hat. Al- Qaida operiert auch in Hamburg, und der Suizid-Pilot von Berlin ist nicht nur von den Taten der Terroristen inspiriert worden, sondern hätte auch einer sein können. ... Die Angst der Bürger ermöglichte auch absurde Anti-Terrorgesetze. ... Doch Gesetze für die öffentliche Sicherheit sind nie optimal, wenn sie unter Angst beschlossen werden. Sie sollten nicht auf der Grundlage von Emotionen verabschiedet werden, sondern aus rationaler Abwägung zwischen Freiheitsrechten des einzelnen und der Sicherheit der Bevölkerung. ... Der Zwischenfall vor dem Reichstag ist kein Grund für Hysterie. Aber er zeigt, daß Deutschland für den Tag X schlecht gerüstet ist. Daß es notwendig ist, rational über Möglichkeiten der nationalen Sicherheit nachzudenken.
Nur das mit dem rational nachdenken scheint momentan schon gar nicht mehr möglich. In London ist die Angst jedenfalls noch viel größer, was sich an der Tragödie um die Erschießung eines Unschuldigen in der U-Bahn klar zeigt. Wie sich inzwischen herausgestellt hat, handelt es sich um einen Brasilianer, der absolut nicht mit Islamisten am Hut hatte. Von "Hinrichtung" ist da nun in brasilianischen Medien die Rede, was das gespannte Klima aber nur noch mehr aufheizt. Ein Glück nur, dass zumindest der britische Innenminister Charles Clarke die Ruhe weg hat: er will jetzt erst mal in den Urlaub fahren. Ägypten wird er ja vermutlich nicht gebucht haben.

Noch was anderes -- die Föderalismusdebatte: Wider die 16 Sonnenkönige. Der wichtigste Satz des Bundespräsidenten zur Neuwahl fiel fast beiläufig. Darin forderte Horst Köhler, endlich das Verhältnis von Bund und Ländern zu entwirren. Sollte die Reform scheitern, muß das Volk handeln. Ein polemischer Ruf nach der Guillotine, WAMS.

Weniger Geld für Parteienwerbung: Parteien sparen bei der Wahlkampfwerbung. Bundestagswahlkampf 2005 kostet 40 Millionen Euro weniger als der vorherige. ... Im Kommen ist auch weiterhin das Internet. "Insbesondere Weblogs sind en vogue. Außerdem schluckt das Netz wenig Geld", sagt Thomas Koch, Chef der Media-Agentur TKM Starcom.

Mehr Daten für den Wahlkampf oder: der gläserne Wähler: Parties Are Tracking Your Habits. Though both Democrats and Republicans collect personal information, the GOP's mastery of data is changing the very nature of campaigning.

Albtraum Irak: Defying U.S. Efforts, Guerrillas in Iraq Refocus and Strengthen. Despite months of assurances that their forces were on the wane, the guerrillas and terrorists battling the American-backed enterprise here appear to be growing more violent, more resilient and more sophisticated than ever, NYT.

Al-Qaida als großer Drahtzieher? Al Qaeda Leaders Seen in Control. Experts Say Radicals In London, Egypt May Have Followed Orders ... The officials and analysts also said the recent attacks indicate that the nerve center of the original al Qaeda network remains alive and well, WaPo.

2005-07-23

Islamistischer Terror am Roten Meer

--- Nach London jetzt schon wieder überaus blutige Attentate, dieses Mal erneut in Ägypten. Mehr als 80 Menschen hat die Bombenwelle im Touristen- und Badeort Scharm el Scheich in den Tot gerissen, die meisten davon sind anscheinend Ägypter. Trotzdem werden vor allem westliche Touristen den Ort und das Land vorläufig eher meiden. So mancher Kleinunternehmer schreibt die Gegend jedenfalls bereits ab, wie der ägyptische Blogger Big Pharao meldet. Das zeigt erneut, wie indifferenziert die Terroristen vorgehen, die wohl dem islamistischen Umfeld zuzurechnen sind. Ein dubioses Bekennerschreiben der "Abdullah al-Assam-Brigaden in der Levante und Ägypten", die sich nach einem geistigen Führer bin Ladens benannt haben, ist jedenfalls aufgetaucht, obwohl das allein wenig aussagt. "Al-Qaida im Morgenland" will es zudem selbst gewesen sein. Berichte von Betroffenen deuten auf gewaltige Explosionen hin:
Noch Stunden nach den Bombenexplosionen sind über dem Touristenzentrum Naama Bay im ägyptischen Badeort Scharm el Scheich Flammen und Rauchwolken zu sehen. Touristen irren durch die Straßen, Rettungskräfte suchen nach Opfern. Mit weißen Laken bedeckte Leichen werden abtransportiert, Krankenwagen bringen Verletzte in die Krankenhäuser. "Es sah so aus, als ob viele Leichen auf der Straße verstreut liegen", berichtet der britische Polizist Chris Reynolds, der in Scharm el Scheich Urlaub macht, dem Sender BBC. Er hielt sich zum Zeitpunkt der Anschläge in der Nähe eines Cafés am Marktplatz auf. Dort allein sollen 17 Menschen ums Leben gekommen sein. Ein weiterer Polizist aus London, Charlie Ives, berichtet von einer "Massenhysterie". "Wir haben versucht, die Leute zu beruhigen." Die Explosion sei so stark gewesen, "dass wir praktisch aus dem Café geschleudert wurden".
Und sonst: Die britische Polizei auf der Jagd nach den erneuten Bombern. Die gestrige Erschießung eines Ausländers hat sich derweil als Überreaktion erwiesen: der Mann hatte nichts mit den Attentaten zu tun. Die Polizei bedauert die "Tragödie".

Neues von der Rove-Affäre: CIA Leak Investigation Turns to Possible Perjury, Obstruction. The special prosecutor in the CIA leak investigation has shifted his focus from determining whether White House officials violated a law against exposing undercover agents to determining whether evidence exists to bring perjury or obstruction of justice charges, according to people briefed in recent days on the inquiry's status, LA Tiimes. Dazu auch in der Washington Post: Testimony By Rove and Libby Examined. Leak Prosecutor Seeks Discrepancies.

Zu Rove passt auch Hughes: Karen Hughes, returning to Washington to take charge of State Department efforts to improve the nation's tarnished image abroad, said at her confirmation hearing yesterday that she wants to enlist the private sector -- including the music, film and travel industries -- in a reinvigorated effort to help the Muslim world understand America. Hughes, who will hold the rank of ambassador and the title of undersecretary of state for public diplomacy and public affairs, told the Senate Foreign Relations Committee that the long-term "way to prevail in this struggle is through the power of our ideas." Vergleich auch dieses frühere Posting.

2005-07-22

Neuwahl: Alles bleibt beim Alten

--- Die nur noch vom Bundesverfassungsgericht zu stoppende Freigabe der Neuwahlen durch Bundespräsident Köhler aufgrund der bevorstehenden "gewaltigen Aufgaben" ist heute neben dem Terror das Hauptthema der deutschen Medien. Ein interessantes Interview dazu gibt es mit dem Soziologen Ulrich Beck -- muss sein neues zur Wahl stehendes Buch vermarkten -- in der Netzeitung. Auszüge:
Ich meine, dass die Alternativen, die die Parteien anbieten, um aus dem gegenwärtigen Schlamassel herauszukommen, auf diskussionswürdigen Annahmen beruhen. Erstens gehen fast alle davon aus, dass durch ein paar Maßnahmen die Vollbeschäftigungsgesellschaft wieder möglich wird. Zweitens nimmt man an, dass dies weitgehend durch einen nationalen Alleingang zu verwirklichen ist. Drittens soll das dank einer neoliberalen Medizin geschehen, die nun schon in den letzten vier, beziehungsweise sechs Jahren angewendet wurde. ... Auf all diese Fragen gibt es aber schon sehr interessante Antworten. Ich selbst habe darüber mit Gerhard Schröder diskutiert, kurz bevor er Kanzler wurde. Jetzt aber, wo es brennend wird, traut die Politik dem Wähler offenbar nicht zu, über Grundsatzfragen realistisch zu debattieren. ... Ich war damals Mitglied einer Zukunftskommission, die erstmals von Edmund Stoiber und Kurt Biedenkopf ins Leben gerufen wurde. Da wurde festgestellt, dass wir als zusätzliche Alternative zur Erwerbsarbeit die Bürgerarbeit brauchen. Bürgerarbeit heißt, dass die Menschen sich auf der Grundlage einer Basisfinanzierung für sinnvolle Projekte engagieren können. ... Eigentlich bräuchte Deutschland einmal eine Auszeit. Es kann diese rasende Geschwindigkeit, mit der nun relativ alternativlose Wahlen angeboten werden (man tauscht die Regierung durch die Opposition aus oder auch nicht) gar nicht gebrauchen. Das wird das Land nicht aus seinem Schlamassel befreien. Damit sich politisch etwas bewegt, müsste sich zunächst grundsätzlich etwas im Kopf bewegen. Die Alternativen, die eingeklagt werden müssen, mögen schmerzlich sein, sie eröffnen dann aber wirkliche Chancen für den Einzelnen. Erst wenn diese Debatte geführt wird, wird es Anhaltspunkte geben, welche Parteien sich dafür am ehesten öffnen. ... Wir gehen immer davon aus, dass nur eine Verbindung von Kapital und Staat hier eine angemessene Antwort formulieren könnte. Das ist die Vision des neoliberalen Staates, in dem die Politik sich eigentlich dauernd selbst entmächtigen muss. Und das auch noch sehr machtvoll tut, wie man jetzt gerade bei Schröder beobachten kann. Die Alternative wäre, dass sich Staaten stärker mit sozialen Bewegungen verbünden. Das würde eine zivilgesellschaftliche Wende der Politik bedeuten...
Es wird immer klarer, dass ein hektischer Wechsel zu Schwarz-Gelb wohl wenig ändern würde an der viel beschworenen Misere hierzulande -- ein einfaches "Weiter so" zu Rot-Grün kann es aber auch nicht sein. Die Linkspartei ertrinkt derweil in Populismus. Die Entscheidung am 18. September wird nicht einfach. Die -- gerade von einem Andrang von heise-Lesern ziemlich lahmgelegte -- Fraktion der Nichtwähler dürfte auch wieder stark vertreten sein.

Und sonst: Übersicht über zahlreiche neue "Old Media"-Blogs im Dienstraum. Dort ebenfalls: Reich werden mit Blogs und Google-Werbung (in den USA).

London-Anschlag: Zu viel Aceton, zu wenig Peroxid

--- Großes Rätselraten um die im Ansatz stecken gebliebenen neuen Anschläge in London: Anscheinend war eine weit gehende Wiederholung der Attentate vom 7. Juli geplant, anscheinend sogar mit dem gleichen Sprengstoff, der aber schon zu "alt" gewesen sein könnte:
Die Bomben waren in drei U-Bahnen und einem Doppeldeckerbus, versteckt in Rucksäcken, abgelegt worden. Allerdings war nach Berichten vom Abend nicht der Sprengstoff selbst detoniert, sondern nur die Zünder der Sprengsätze. Die britische Nachrichtenagentur Press Association berichtete seien vier „brauchbare“ Sprengsätze gefunden worden, die in Rucksäcken steckten. Drei der vier Sprengsätze seien offenbar genauso schwer und groß wie die Bomben, die am 7. Juli explodierten. Der vierte gefundene Sprengsatz war demnach kleiner. Die Polizei gehe von vier Attentätern aus, die möglicherweise auch sich selbst in die Luft hätten sprengen wollen. Sie seien noch auf der Flucht. Die BBC berichtete, dass die im Bus gefundene Bombe so stark nach Aceton gerochen hat, dass die Fachleute zunächst einen Chemiewaffenanschlag befürchteten. Der Geruch sei jedoch entstanden, weil die Sprengkörper falsch gezündet worden seien - mit zu viel Aceton und zu wenig Peroxid. Die Ermittlungen bei den erneuten Anschlägen beziehungsweise Anschlagsversuchen stünden möglicherweise vor einem „bedeutenden Durchbruch“, da an den Tatorten wichtige Spuren gesichert worden seien, sagte Scotland Yard-Chef Ian Blair. Auf den Rucksäcken könnten nun Fingerabdrücke und DNA-Spuren sichergestellt werden, hieß es. Ein Experte sprach von einem „kriminaltechnischen Eldorado“. Außerdem könne möglicherweise festgestellt werden, ob der verwendete, aber nicht explodierte Sprengstoff zur selben Quelle wie die Bomben vom 7. Juli gehört, hieß es am späten Abend. Gemutmaßt wurde, dass es sich um Sprengstoff aus derselben Tranche wie vor zwei Wochen handeln könnte, weil er innerhalb dieser Zeitspanne quasi „schlecht“ geworden und deshalb nicht explodiert sei.
Ein Ziel haben die Terroristen aber bereits erreicht: die Furcht vor weiteren Trittbrettfahrern ist verständlicherweise inzwischen groß in London, Das führt anscheinend auch zu ersten Übersprunghandlungen wie der Erschießung eines anscheinend asiatischen Mannes in der U-Bahn-Station Stockwell. Doch es gibt auch unbestätigte Berichte, wonach es sich um einen der vermutlichen Attentäter oder einen weiteren Nachahmer gehandelt haben könnte. Derweil haben sich die Abu Hafs al Masri Brigaden mal wieder rasch die Bombenattentate auf die Fahne geschrieben. Diese werden allgemein aber als Trittbrettfahrer der al-Qaida betrachtet, die allein um Medienaufmerksamkeit buhlen. Mehr zum Thema in Spiegel Online und Telepolis.

Update: Videoaufnahmen der gestrigen Attentäter sind jetzt freigegeben worden.

Und sonst: Hat der viel gerühmte "Citizen Journalismus" in London dieses Mal versagt? Eine Einschätzung dazu auch in der Washington Post Online.

Antiterror-Gesetze in den USA kurz vor Verlängerung: Renewed Patriot Act Gets Boost in House, Senate Panel. Within hours of a second attack on the London transit system, lawmakers in the House and Senate pushed ahead yesterday with starkly different bills to extend the controversial USA Patriot Act anti-terrorism law.

Nach dem New Yorker jetzt auch in der Welt: USA manipulierten angeblich Wahlen im Irak. Washington versuchte Magazin-Recherchen zufolge, Stimmabgabe für schiitische Parteien zu unterlaufen.

2005-07-21

Bushs Rammbock Rove wird weiter kritisch beäugt

--- Trotz des Ablenkungsmanövers mit der Gerichtshof-Nominierung bleibt die CIA-Rove-Affäre dies- wie jenseits des Atlantiks heftig in den Medien vertreten. Die Washington Post etwa weist dem Weißen Haus nach, dass der Name der enttarnten CIA-Agentin Plame in den dortigen Dossiers dezidiert als "geheim" markiert war, um Roves "Verrat" zu manifestieren:
A classified State Department memorandum central to a federal leak investigation contained information about CIA officer Valerie Plame in a paragraph marked "(S)" for secret, a clear indication that any Bush administration official who read it should have been aware the information was classified, according to current and former government officials. Plame -- who is referred to by her married name, Valerie Wilson, in the memo -- is mentioned in the second paragraph of the three-page document, which was written on June 10, 2003, by an analyst in the State Department's Bureau of Intelligence and Research (INR), according to a source who described the memo to The Washington Post.
Auch die Zeit widmet sich derweil ausführlich dem "Rammbock" Bushs:
Nie besaß ein Strippenzieher im Weißen Haus so viel Macht wie Rove. Sein Titel als Stellvertretender Stabschef verhüllt mehr, als er erklärt. Danach befragt, in welche innenpolitischen Fragen er sich nicht einmische, antwortet Rove: »In alle, die mit Baseball zu tun haben.« Und dieser Rove, Königsmacher und Großstratege, hat nun ein Problem, das, wenn überhaupt jemand, nur Bush lösen kann. Dem Präsidenten wird eine Loyalität abverlangt, die allein um einen politischen Preis zu haben sein wird. Rove ist plötzlich zur zentralen Figur einer Affäre avanciert, die seit zwei Jahren simmert. Wie so viele Probleme der Regierung Bush kreist auch dieses um den Irak-Krieg und dessen Vorgeschichte. Details sind weiterhin umstritten, so viel ist aber seit vergangener Woche klar: Karl Rove war jene Dreckschleuder im Weißen Haus, über deren Identität so lange gerätselt wurde. Er wollte einen Kritiker des Krieges ruhig stellen, indem er dessen Glaubwürdigkeit unterminierte. Dieser Mann, Botschafter Joseph Wilson, hatte das Weiße Haus öffentlich geziehen, es dramatisiere die Bedrohung durch Iraks Diktator. Rove schlug zurück, indem er den Kritiker wegen angeblich niederer Motive bei Reportern anschwärzte. Zudem verriet er Reportern, dass Wilsons Frau eine Undercover-Agentin der CIA sei. Ob Rove sich wegen Geheimnisverrats strafbar machte, versucht gerade ein Sonderermittler zu klären. Der politische Schaden ist freilich längst angerichtet. Zwei Jahre lang hatte das Weiße Haus den Verdacht als »völlig absurd« bezeichnet, Rove könne »das Leck« sein. Und der Präsident erhöhte den Einsatz noch, als er im Juni 2004 ankündigte, er werden denjenigen im Weißen Haus feuern, der die Agentin enttarnt habe. Wird Bush also zu seinem Wort stehen oder zu seinem Freund?
Mehr zum Thema auch in der FTD in einem Kommentar über den Verfall der Pressefreiheit sowie dem Bericht Bushs Gehirn unter Verdacht.

Und sonst: Neues von der Diplomaten-Folter-Affäre: Konsulatmitarbeiter in New York wird strafversetzt. Das Auswärtige Amt hat einen Diplomaten aus New York strafversetzt. Er soll die Menschenrechtslage in den USA mit der in Nordkorea und der ehemaligen Sowjetunion verglichen haben. Der Diplomat hat die Vorwürfe bestritten.

Terror-Trittbrettfahrer in London: London's Tube network has been plunged into chaos with stations cleared after minor blasts on two trains and a bus.

Und in Washington: President Calls on Congress To Extend Patriot Act Provisions. 16 Items, Some Controversial, Set to Expire at End of Year.

Die Zeit empfiehlt die Union: Groß ist nur der Name. Wird die Linkspartei zu stark, könnte eine Große Koalition kommen. Das wäre fatal.

Dem entgegen gesetzt ein Artikel in der Süddeutschen Zeitung, dessen Autor sich vehement für die "Letzte Ausfahrt Große Koalition" stark macht.

Fundamentalismus jenseits der Kultur: Wiedergeboren, um zu töten. Der terroristische Islamismus ist keine traditionelle, sondern eine höchst moderne Glaubensrichtung. Sie wurzelt in Europa.

Keine Überraschung bei Köhler: Bundespräsident löst Parlament auf und ermöglicht vorgezogene Neuwahl.

2005-07-20

Schily explodiert, schimpft auf den Iran

--- Otto Schily reagiert nach wie vor explosiv auf Kritik. Nachdem er jüngst erst den Bundesdatenschutzbeauftragten Peter Schaar wegen dessen Bedenken zu den Biometriepässen abkanzelte, legt er sich nun mit den Mullahs an:
Es sei eine "unglaubliche Unverschämtheit", wenn der Sprecher des iranischen Außenministeriums meine, "Herrn Schily anhalten zu müssen, er solle die demokratischen Grundsätze respektieren", sagte Otto Schilys Sprecher Rainer Lingenthal in Berlin. "Eine solche Stimme aus einem Land, in dem die Menschenrechte ständig verletzt werden, in dem Frauen nach dubiosen Urteilen ausgepeitscht werden, in dem Regimekritiker ohne Möglichkeit auf juristischen Beistand und auf gerichtlich sachgerechte Überprüfung monatelang in Einzelhaft genommen werden, ist an Unverfrorenheit kaum noch zu überbieten", sagte Lingenthal. Das iranische Außenministerium hatte folgende Aussage Schilys in einem SPIEGEL-Gespräch kritisiert: "Wenn wir jetzt hören, dass Iran und der Irak enger kooperieren wollen und in Teheran gleichzeitig ein Fundamentalist an die Macht kommt, bei dem nicht sicher ist, dass er absolute Distanz zum Terrorismus hält, sind das alles sehr besorgniserregende Perspektiven." Der Teheraner Außenamtssprecher Hamid-Resa Assefi nannte dies laut Tageszeitung "Dschomhuri Islami" "grundlos und lächerlich" und sprach von einer Beleidigung des iranischen Volkes, das am 24. Juni mit absoluter Mehrheit für den neuen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad gestimmt habe. Er "empfahl" Schily, "sich durchdachter zu äußern, vom Einfluss zionistischer Kreise loszureißen und die demokratischen Grundsätze zu respektieren".
Und sonst: Britische Kriegsverbrechen: Regiment 'regrets Iraqi's death'. A British Army regiment says it "bitterly regrets" the death of an Iraqi after three soldiers are charged with war crimes.

Londons Bürgermeister übt Irak-Krieg-Kritik: Mayor blames Middle East policy. Decades of British and American intervention in the oil-rich Middle East motivated the London bombers, Ken Livingstone has suggested.

Clarke gibt weiter Gas: Britischer Innenminister kündigt weltweite Datenbank gegen Terror an.

Die EU-Kommission auch: EU plant verschärfte Überwachung im Schengen-Raum.

Schöner bloggen: Blogs Taking Off in Cambodia. A Cambodian nonprofit worker traverses the country, teaching students to publish blogs. The project promotes democracy and spurs internet use in a land where few people have access to the web.

Die schon wieder: Ein ungerichteter Befehl, Anschläge auszuführen? Die Abu Hafs al-Masri-Brigaden, die allgemein als Trittbrettfahrfer gelten, haben den europäischen Ländern wieder einmal ein Ultimatum gestellt.

Ewig gestrig: Atta's father praises London bombs. The father of one of the hijackers who commandeered the first plane that crashed into the World Trade Center on September 11, 2001, praised the recent terror attacks in London and said many more would follow.

Supreme Court: Bush nominiert Erzkonservativen

--- Ein geschickter Schachzug: Um die Washingtoner Medien"meute" von der CIA-Rove-Affäre abzulenken, hat Bush gestern seinen offiziellen Kandidaten für die Neubesetzung des Supreme Court aus der Tasche gezaubert. Wie kaum anders zu erwarten, handelt es sich um einen Erzkonservativen: den Richter John G. Roberts. Bush selbst lacht sich -- wie auf den Fotos aus dem Weißen Haus zu sehen -- schon milde eins ins Fäustchen, denn mit dem smarten Ex-Anwalt will er die konservative Agenda seiner Regierungsära zementieren. Der Parteisoldat Roberts scheint da gut zu passen: Wie Wikipedia vermerkt, hat sich der 50-Jährige etwa gegen Abtreibung und gegen Regulierungen zum Umweltschutz stark gemacht. Die Demokraten mucken zwar auf, können ihn aber wohl kaum mehr verhindern. Aktuelle Nachrichtenartikel aus US-Zeitungen sind bei der Online-Enzyklopädie auch schon aufgelistet, daher hier noch ein paar Stellen aus Spiegel Online:
Mit Roberts hat sich Bush für einen alten Bekannten entschieden, mit dem er sich, wie er einmal sagte, "wohlfühlt": Roberts arbeitete als Top-Justitiar fürs Weiße Haus, als Bushs Vater Präsident war. ... So verwies die liberale Alliance for Justice sofort auf einen Report, den sie über Roberts erstellt hat. Darin wird der unter anderem für seine verbriefte "Feindseligkeit gegenüber den Rechten von Frauen und Minderheiten" kritisiert. "Er hat in Fällen der Religions- und Meinungsfreiheit Positionen bezogen", ergänzte People for the American Way, "die diese fundamentalen Rechte beeinträchtigt haben." ... Roberts ist, trotz seines sanften Auftretens, zumindest auf dem Papier genau das, was sich Bushs christlich-konservative Basis versprochen hatte, als sie nach dem November-Wahlsieg auf einen Rechtsruck der Gerichte pochte: Das "Wall Street Journal" pries Roberts gleich als "solide republikanisch". Er ist Parteimitglied. Er hat mindestens 4000 Dollar in Bushs Wahlkampfkasse gespendet. Er spielte als Staranwalt der Washingtoner Großkanzlei Hogan & Hartson hinter den Kulissen eine Schlüsselrolle in Bushs Kampf um die umstrittenen Florida-Stimmen im Wahlkampf 2000. Er hat nicht nur unter George Bush I. gedient, sondern auch unter Ronald Reagan; einer seiner engsten Kollegen damals hieß Kenneth Starr - später der berüchtigte Sonderermittler gegen Bill Clinton.
Und das sagt Bush über seinen neuen Liebling, der angeblich alle amerikanischen (konservativen) Werte so grandios in sich vereint:
In my meetings with Judge Roberts, I have been deeply impressed. He's a man of extraordinary accomplishment and ability. He has a good heart. He has the qualities Americans expect in a judge: experience, wisdom, fairness, and civility.
Mehr zum Thema in Telepolis. Gleich passend auch die sich bereits vorab bekannt gewordene und jetzt bestätigte Neubesetzung in Berlin: Bush vergibt Botschafterjob an Förderer. Viel mehr als "Guten Tag" und "Dankeschön" dürfte William Robert Timken noch nicht auf Deutsch sagen können. Und statt in der Kunst der Diplomatie kennt sich der Unternehmer aus Ohio vor allem mit Kugellagern und anderen Stahlprodukten aus. Seinen künftigen Job als Botschafter in Berlin hat der 67-Jährige also nicht seinen Qualifikationen zu verdanken, sondern seinem guten Draht zu George W. Bush.

Und sonst: Terror-Export: Kontaktmann der Tatverdächtigen von London in Pakistan verhaftet

Aufbau Ost: Union mit Ost-Wahlkampf gegen Linksbündnis. Merkel will im Osten Deutschlands mit einer speziellen Wahlkampfstrategie punkten.

Wahlkampfhelfer CIA: Did Washington try to manipulate Iraq’s election? fragt Seymor Hersh im New Yorker. Eingedeutscht in Telepolis.

2005-07-19

Bush-Sprecher: Auch wir wollen die Fakten wissen

--- Die Pressefragerunden im Weißen Haus mit Bush-Sprecher Scott McClellan verkommen im Umfeld der Rove-Affäre immer mehr zur Farce. Hier gibt es Ausschnitte aus der gestrigen Sitzung, die das Mauern McClellans weiter dokumentieren Es geht um den möglichen Geheimnisverrat von Karl Rove und/oder anderen Bush-Beratern:
Q Is leaking, in your judgment of his interpretation, a crime?

MR. McCLELLAN: I'll leave it at what the President said. Go ahead.

Q What is his problem? Two years, and he can't call Rove in and find out what the hell is going on? I mean, why is it so difficult to find out the facts? It costs thousands, millions of dollars, two years, it tied up how many lawyers? All he's got to do is call him in.

MR. McCLELLAN: You just heard from the President. He said he doesn't know all the facts. I don't know all the facts.

Q Why?

MR. McCLELLAN: We want to know what the facts are. Because --

Q Why doesn't he ask him?

MR. McCLELLAN: I'll tell you why, because there's an investigation that is continuing at this point, and the appropriate people to handle these issues are the ones who are overseeing that investigation. There is a special prosecutor that has been appointed. And it's important that we let all the facts come out. And then at that point, we'll be glad to talk about it, but we shouldn't be getting into --

Q You talked about it to reporters.

MR. McCLELLAN: We shouldn't be getting into prejudging the outcome. Go ahead.

Q Scott, we don't know all the facts, but we know some of the facts. For example, Matt Cooper says he did speak to Karl Rove and Lewis Libby about these issues. So given the fact that you have previously stood at that podium and said these men did not discuss Valerie Plame or a CIA agent's identity in any way, does the White House have a credibility problem?

MR. McCLELLAN: No. You just answered your own question. You said we don't know all the facts. And I would encourage everyone not to prejudge the outcome of the investigation.

Q But on the specifics -- on the specifics, you made statements that have proven to be untrue.

MR. McCLELLAN: Let me answer your question, because you asked a very specific question. The President has great faith in the American people and their judgment. The President is the one who directed the White House to cooperate fully in this investigation with those who are overseeing the investigation. And that's exactly what we have been doing. The President believes it's important to let the investigators do their work, and at that point, once they have come to a conclusion, then we will be more than happy to talk about it.
Man wundert sich ja schon, wieso die Presse die Termine mit dem "Nicht-Sprecher" überhaupt noch wahrnimmt und nicht einfach mal boykottiert.

Und sonst: Joschka Fischer diskreditiert Linkspartei-Vorreiter Oskar Lafontaine und wirft ihm vor, sich als "deutscher Haider" aufzuspielen. Selbst sind wir aber gar nicht populistisch drauf, Herr Fischer?

Nichts gerafft in London: Less than a month before the London bombings, Britain's top intelligence and law enforcement officials concluded that "at present there is not a group with both the current intent and the capability to attack the U.K.," according to a confidential terror threat assessment report, New York Times.

Bushs wenig stringente Atompolitik: U.S., India May Share Nuclear Technology. President Bush agrees to share civilian nuclear technology with India, reversing decades of U.S. policies designed to discourage countries from developing nuclear weapons, Washington Post.

Pulverfass: Geheimkrieg in Afghanistan. Fadenscheinige Rückzugsargumente, Unklarheit über mögliche Tote: Der Einsatz der KSK, Telepolis.

Terror wird verdammt: Fatwa gegen den Terror. Eineinhalb Wochen nach den Anschlägen in London hat die größte Organisation sunnitischer Muslime in Großbritannien den Terror als Sakrileg verurteilt: „Andere zu töten ist eine Sünde. Jeder, der Selbstmord begeht, kommt in die Hölle."

Große Worte bei leeren Kassen: Wirtschaftsweise sehen riesige Deckungslücken. Die Wahlversprechen aller Parteien sind nach Einschätzung von Experten weit überzogen. Allein im Programm der Union werden nach Berechnungen von Bert Rürup, dem Chef der Wirtschaftsweisen, mehr als neun Milliarden Euro mehr versprochen als im Staatshaushalt vorhanden sind.

Gotteskrieger im Web: Terror Forum Sows Seeds of Jihad. A popular pro-jihadist, London-registered message board -- Tajdeed.org.uk -- is under scrutiny as the fallout from the London terror attack continues, Wired News.

CIA-Rove-Affäre weiter im Scheinwerferlicht

--- Das US-Magazin Time hat diese Woche Bushs Oberspindoktor Karl Rove auf dem Titel und einen Bericht seines Reporters Matthew Cooper über seine Vernehmung zur CIA-Rove-Plame-Affäre. Cooper war dazu verdonnert worden, seine Quellen für einen Bericht zur Plame-Enttarnung preiszugeben. Rove spielte als Informant demnach eine wichtige Rolle. Mehr dazu in der Washington Post, weil Time nur Mini-Ausschnitte kostenlos online hat:
White House senior adviser Karl Rove, after telling Time reporter Matthew Cooper in 2003 that the wife of an administration critic worked for the CIA, closed the conversation by noting "I've already said too much," Cooper said yesterday in recounting his testimony before a federal grand jury. While that comment appeared to indicate the sensitive nature of the conversation, which is now under scrutiny by a special prosecutor investigating the leak of Valerie Plame's name, Rove said nothing about Plame being a covert operative, Cooper said. The conversation took place days after Plame's husband, former ambassador Joseph C. Wilson IV, accused the White House of twisting evidence on whether Iraq had been seeking weapons of mass destruction. ... former Clinton White House chief of staff John D. Podesta, pointing to earlier administration denials that Rove was involved in the leaking of Plame's role at the CIA, said that was "a lie" and that Rove's "credibility is in tatters on a very important national security matter." He said that Rove, President Bush's deputy chief of staff, should resign and that, if he doesn't, Bush should "be a man of his word" and fire Rove based on his pledge to dismiss any staff member found to be leaking information on the matter. Cooper was questioned by special prosecutor Patrick J. Fitzgerald on Wednesday, agreeing to testify after obtaining a personal waiver of confidentiality from Rove through their attorneys. New York Times reporter Judith Miller has been in jail in Alexandria for nearly two weeks for refusing to testify in the case. In the Time article, Cooper said Rove had cautioned him: "Don't get too far out on Wilson." He wrote that Rove told him that "Wilson's wife," who worked at the "agency" on "WMD issues," had arranged for Wilson to travel to Niger to investigate since-discredited allegations that Iraq was trying to obtain uranium for nuclear weapons.
Die ganze Geschichte stinkt längst zum Himmel und eines ist auf jeden Fall klar: Der Name Rove schadet inzwischen dem Image des Weißen Hauses. Kollateralschäden gibt es auch bereits, wie die Post in einem weiteren langen Artikel darlegt:
The ... case has already had an impact on at least one other newspaper. Doug Clifton, editor of the Cleveland Plain Dealer, wrote recently that he is sitting on "two stories of profound importance," but that both are based on leaked documents and publication "would almost certainly lead to a leak investigation and the ultimate choice: talk or go to jail."
Die LA Times beschäftigt sich derweil mit den Auswüchsen der Partei, in die Bush und Rove die Republikaner verwandelt haben, und ebenfalls mit den Cooper-Vernehmungen. In der deutschsprachigen Blogosphäre kümmert sich zudem auch die Mannschaft von Under Radar um die Rove-Affäre.

Und sonst: Die neue Linkspartei bietet den Entwurf für ihr Wahlprogramm nicht als PDF, sondern als PDS an (Freud lässt grüßen). Update: Die Linke.PDS hat wohl Domainprobleme bekommen: der Link auf www.linkspartei.de funktioniert jedenfalls nicht mehr (gehört Gregory Mohlberg aus dem schönen Rothenburg ob der Tauber), jetzt ist die Internetpräszenz unter sozialisten.de abzurufen (gehört dem PDS-Parteivorstand).

Die Governator-Raffmentalität jetzt auch im deutschen Blätterwald: Magazinaffäre beschädigt Schwarzenegger, FTD.

Fragen über Fragen zu den London-Attentaten: "Evil Ideology". Der mutmaßlichen Terrorgruppe fehlt der typische Hintergrund von Selbstmordattentätern, zudem hätten sie für die Anschläge ihr Leben gar nicht opfern müssen, Telepolis. Und ebenda: Bombe aus der Drogerie - oder vom Balkan? Die neuesten Theorien von Scotland Yard über die verwendeten Explosivstoffe sind höchst widersprüchlich.

2005-07-16

Der große Roll-Back gegen die Presse im Weißen Haus

--- Jay Rosen hat ein sehr gutes Posting über die Rove-Affäre, die Kunst des Schweigens statt des Spinnings im Weißen Haus und die Bestrebungen der Bush-Regierung zur Degradierung der "vierten Gewalt" online. Aufhänger ist der Versuch von Korrespondenten bei einer Pressekonferenz am Montag, Bushs "Sprecher" (bessere wäre "Schweiger") Scott McClellan in die Mangel zu nehmen:
The immediate cause for Monday’s events, where the press finally held McClellan in contempt of country, was an old-fashioned breakdown in official credibility. It happened when statements from the podium were rendered inoperative by Michael Isikoff’s report for Newsweek, posted Sunday, July 10. The press attacks when it feels openly lied to. (Emphasis on “openly.”) Also when it senses weakness, which of course means it’s safer to attack. Dana Milbak spoke for most of the reporters when he said to McClellan: “It is now clear that 21 months ago, you were up at this podium saying something that we now know to be demonstratively false.” (See also David Corn.) The press secretary and the White House didn’t try to contest it, choosing silence until the prosecutor is done. Lying to the press—though a serious thing—is something all Administrations do. In Washington leaking to damage people’s credibility or wreck their arguments is routine, a bi-partisan game with thousands of knowing participants. I rarely see it mentioned that Joseph Wilson (who is no truthtelling hero) began his crusade by trying to leak his criticisms of the Bush White House, When that didn’t work he went public in an op-ed piece for the New York Times. But business as usual is not going to explain what happened in the Valerie Plame case, or tell us why its revelations matter. For that we need to enlarge the frame. My bigger picture starts with George W. Bush, Karl Rove, Karen Hughes, Andrew Card, Dan Bartlett, John Ashcroft plus a handful of other strategists and team players in the Bush White House, who have set a new course in press relations. (And Scott McClellan knows his job is to stay on that course, no matter what.) The Bush team’s methods are unlike the handling of the news media under prior presidents because their premises are so different. This White House doesn’t settle for managing the news—what used to be called “feeding the beast”—because it has a larger aim: to roll back the press as a player within the executive branch, to make it less important in running the White House and governing the country, but also less of a wild card in fighting enemies of the state in the permanent war on terror.
Unbedingt weiterlesen, abspeichern, ausdrucken.

Und sonst: Gesetze gegen Geld. Mit Milliarden kämpfen Lobbygruppen in den USA um Medieneinfluß. Jüngster Fall: Der Sitz im Supreme Court, Die Welt.

Der Irak, der Terror und der Infowar der al-Qaida

--- Man muss inzwischen mit Blindheit geschlagen sein, um nicht anzuerkennen, dass der Irak-Krieg das Zweistromland zu einer gefährlichen Brutstätte für Terrorismus und insbesondere für al-Qaida-Anhänger gemacht und damit das Gegenteil dessen erreicht hat, was die Regierungen der USA und Großbritanniens sich von dem Feldzug versprochen haben. Nach den Londoner Anschlägen sind die Medien nun jedenfalls voll von Hinweisen auf diese Tatsache. So schreibt der Christian Science Monitor etwa:
According to US assessments, the turmoil in Iraq has replaced the still-simmering conflict in Afghanistan as the chief recruiter of international jihadis. Analysts say anger over the conflict is helping to spread the ideology of global jihad to young Muslims in Europe. "Whatever framework we use to talk about Iraq - take Afghanistan for instance - it's whatever happened there, but on steroids,'' says Toby Craig Jones, a political scientist and analyst of events in Saudi Arabia for the International Crisis Group, a Brussels-based think tank. "It seems to be proceeding much more quickly this time."
Und natürlich gerät mal wieder das Internet als Kommunikations- und Propagandamedium für die Islamisten ins Blickfeld:
"The world is just starting to understand the real influence of the Internet as an open university of jihad,'' says Reuven Paz, the head of the Project for the Research of Islamic Movements in Israel. "Like the attacks in Madrid, the bombings in London should be viewed as an export of the war in Iraq to Europe, based on local adherents of global jihad rather than on volunteers from the heart of the Arab world." ... Today, videos and messages of support for Islamist fighters spread much faster. Insurgent in "martyrdom operations" appear on websites within days of attacks in Iraq, and the latest calls to carry jihad to Western capitals from the likes of Ayman al-Zawahiri, Osama bin Laden's No. 2 and Al Qaeda's chief ideologue, spread around the globe within minutes.
Der Infowar-Spezialist Austin Bay betont dazu noch einmal die Rolle der Medien allgemein für den "Erfolg" der al-Qaida:
Terrorism as practiced by Al Qaeda -- and, for that matter Saddamist killers in Iraq -- is 21st century information warfare. Terrorists don't simply target London and Baghdad, they target the news media. Al Qaeda understands that our media craves the spectacular. But don't place all the blame on headline writers and TV producers. Like sex, violence sells, and Al Qaeda has suckered audiences by providing hideous violence. ... In the 21st century, intense media coverage magnifies the terrorists' capabilities. This suggests that winning the global war against Islamist terror ultimately means accomplishing two things: denying the terrorists' weapons of mass destruction and curbing what is currently Al Qaeda's greatest strategic capability: media magnification and occasional media enhancement of its bombing campaigns and political theatrics.
Aber bleiben wir beim Basis-Terrorherd Irak. Dazu ein paar Töne unseres Innenministers aus einem Spiegel-Interview, mit denen er sich jenseits des Atlantiks sicher nicht mehr viele Freunde bereiten wird:
Als eines der Hauptprobleme bei der Bekämpfung des Terrorismus nannte Schily den Irak: "Man müsste mit Blindheit geschlagen sein, um nicht zu sehen, was dort für eine Anziehungs- und Schubkraft für terroristische Kreise entstanden ist. Die Bilder von Abu Ghureib sind verheerend."
Der Sprengstoff für den jüngsten Anschlag in der Türkei soll ebenfalls aus dem Irak stammen, auch wenn hier anscheinend eher kurdische Kräfte als al-Qaida-Anhänger ihre Hände im Spiel haben. Update: Im Irak selbst hat es zudem mit dem Sprengen eines Tanklastwagens mit etwa 60 Toten gerade mal wieder eines der schlimmsten Attentate seit dem offiziellen Ende des Kriegs gegeben.

Und sonst: Du mich auch. Sex and Crime in Deutschland: Die Korruption hierzulande ist so spießig wie das Land. Leyendecker blickt auf die Milieus – und auf die Moral, Süddeutsche Zeitung.

Governator macht Rückzieher: Gov. Arnold Schwarzenegger said that he would cancel his multimillion-dollar consulting contract with a publisher of health and bodybuilding magazines, amid complaints of a conflict of interest, LA Times.

Der tägliche Rove und die weiteren Kreise: Shades of Cover. The CIA leak case has called attention to the mosaic of lies and props the intelligence community diligently uses to protect its operatives, LA Times.

Dazu auch: State Dept. Memo Gets Scrutiny in Leak Inquiry on C.I.A. Officer. Prosecutors in the C.I.A. leak case have shown intense interest in a 2003 State Department memorandum that explained how a former diplomat came to be dispatched on an intelligence-gathering mission and the role of his wife, a C.I.A. officer, in the trip, people who have been officially briefed on the case said.

WatchingAmerica.com: Extra, extra! Foreign press, translated. Website lets Americans see what the world's non-English publications say about US policy, Christian Science Monitor.

In den muslimischen Ländern sinkt das Ansehen Bin Ladens. Während die Muslime nach einer Umfrage einen größeren Einfluss des Islam in der Politik wünschen, sehen die Menschen in nicht-muslimischen Ländern in ihm die Ursache des Terrorismus, Telepolis.

2005-07-14

Kritik an der "Agenda Merkel" aus den eigenen Reihen

--- Mit ihrem Wahlprogramm hat sich Angela Merkel noch nicht allzu viele Freunde gemacht. Selbst die konservative Springer-Presse berichtet merklich distanziert über die mit "Agenda" wohl etwas hoch angesetzten Pläne der CDU/CSU zur Rettung Deutschlands:
Die von der CDU/CSU geplante Mehrwertsteuererhöhung nach einem Wahlsieg belastet das Verhältnis zum gewünschten Koalitionspartner FDP. Der stellvertretende FDP-Vorsitzende Rainer Brüderle sagte dem "Kölner Stadt-Anzeiger": "Die Union sollte einsehen: Höhere Steuern passen jetzt überhaupt nicht in die Landschaft." CDU-Generalsekretär Volker Kauder zeigte sich im selben Blatt "verwundert, daß die FDP sich weniger mit dem politischen Gegner auseinandersetzt als mit uns". Aus der ostdeutschen CDU kommt unterdessen Widerstand gegen die Aussage im Unions-Wahlprogramm, die Pendlerpauschale zu kürzen. Sachsen-Anhalts Regierungschef Wolfgang Böhmer (CDU) sagte der "Berliner Zeitung": "Wir haben die Sorge, daß viele Ost-Pendler aus den neuen Bundesländern wegziehen, wenn die Pendlerpauschale gekürzt wird. Darüber wird bei der Umsetzung in ein Gesetz noch einmal gesprochen werden müssen. Das muß durch den Bundesrat. Da werden wir die ostdeutschen Besonderheiten zur Sprache bringen." Die Union hatte in ihrem Programm angekündigt, die Pendlerpauschale auf 25 Cent je Kilometer kürzen und auf höchstens 50 Kilometer begrenzen zu wollen.
Mehrkosten für die Kommunen soll Merkels Programm zudem auch bringen. Angesichts der jetzt schon ausbrechenden Verteilungsk(r)ämpfe wird von dem Wahlprogramm also eh nicht viel übrig bleiben und letztlich alles mehr oder weniger beim alten bleiben, wenn nicht doch noch ein Ruck kommt. Passend zur symbolischen Politik unter Merkel und ihrem Friseur: Udo Walz ist in die Berliner CDU eingetreten.

Und sonst: Erste Fotos von den London-Bombern.

Die Rove-Affäre sorgt für Schlagzeilen in der internationalen Presse: Rove in the spotlight: A scandal over the unmasking of a CIA agent, which has already seen a journalist sent to jail for refusing to reveal her source, is now putting an uncomfortable spotlight on Karl Rove, George Bush’s chief political adviser, schreibt der Economist. Und Spiegel Online widmet sich dem "verräterischen" Spindoktor aus dem Weißen Haus auch mal wieder: Der Skandal um die Enttarnung der CIA-Agentin Valerie Wilson, der vorige Woche eine Reporterin in Beugehaft gebracht hat, reicht inzwischen bis nach ganz oben. Mehr dazu ferner in Telepolis.

"Unsachlich und untergriffig". Die ÖVP im steirischen Wahlkampf demonstriert, wie mit Websites, Leserbriefen und Postings die öffentliche Meinung gezielt beeinflusst werden soll, Telepolis.

Die SPD setzt ebenfalls voll auf das Internet im Wahlkampf und warnt vor der "falschen Wahl.de": Pöbeln gegen beleidigte Marktradikale, Spiegel Online.

Skandal um den Governator: Gov. to Be Paid $8 Million by Fitness Magazines. The publications rely heavily on advertising for dietary supplements. Schwarzenegger vetoed a bill that would have regulated their use, LA Times.

Neues von den Foltermeistern: Abu Ghraib Tactics Were First Used at Guantanamo. Interrogators at the U.S. detention facility at Guantanamo Bay, Cuba, forced a stubborn detainee to wear women's underwear on his head, confronted him with snarling military working dogs and attached a leash to his chains, according to a newly released military investigation, Washington Post.

2005-07-13

EU macht mobil im "Antiterrorkampf"

--- Unter dem Schock der Londoner Anschläge setzt sich die britische Präsidentschaft des EU-Rates massiv für weitere tiefe Einschnitte die Bürgerrechte stark. Jetzt müsse alles auf den Prüfstand, befindet der britische Innenminister Charles Clarke. Hauptsächlich geht es um die große Jagd nach den Telefon- und Internetdaten und damit um die schiere Rundumüberwachung des elektronischen Lebens der 450 Millionen EU-Bürger. Aber gleichzeitig geht es auch um den verbesserten Informationsaustausch zwischen Polizeibehörden und Geheimdiensten, die beschleunigte Einführung des Schengen- und Visa-Informationssystems, die vereinfachte Weitergabe von Flugpassagierdaten, die Ausarbeitung eines Beschlusses zur EU-weiten Einführung biometrischer Personalausweise sowie die Aufrüstung öffentlicher Plätze mit Videoüberwachung. Dabei hat die fast flächendeckende Kameradichte in London zumindest als Abschreckungsmittel der jetzt ausgemachten Selbstmordattentäter kläglich versagt. Die Vermisstenanzeige einer besorgten Mutter war es vielmehr, welche die Polizei auf die Spur der "homegrown terrorists" brachte. Dass anscheinend zumindest oberflächlich fest in der britischen Gesellschaft verwurzelte junge Menschen die blutigen Anschläge durchführten, ist ein echter Schocker für die Briten und den Rest der westlichen Welt. Dazu kommen Gerüchte, dass einer Bomber in Afghanistan "ausgebildet" beziehungsweise indoktriniert worden sein soll: das Experiment Afghanistan-Krieg müsste damit ebenfalls endültig als größtenteils gescheitert erklärt werden. Doch statt nach den Gründen für die Radikalisierung der islamischen Jugend und dem Haß auf den Westen zu suchen, opfern die EU-Innenminister lieber Freiheitsrechte und Privatsphäre auf dem Altar des "Antiterrorkampfes".

Und sonst: Noah Shachtman für das Magazin Wired als "eingebetteter Reporter" und Blogger in geheimer Mission im Irak.

Bald Presserechte für Blogger in den USA?

Blogging + Video = Vlogging. Got room for one more online media trend? Here come the vloggers, who have added video shorts to the user-created media mix. Part 1 of a three-part series, Wired News.

Die Rove-Affäre sorgt weiter für Schlagzeilen in den USA, etwa in der LA Times ("President Bush once said he would fire any White House staffer who had leaked the identity of undercover CIA operative Valerie Plame. But if that source turns out to be Karl Rove, the president's longtime political guru, a firing would be a devastating blow to the White House.") oder in der Washington Post.

The CBS Evening Blog. CBS News is turning its eye on itself, introducing a Weblog to comment on CBS newscasts, whether broadcast or online, New York Times.

2005-07-11

Terror in London und der "Citizen Journalismus"

--- Über Bloggerberichte zu den Londoner Anschlägen wurde schon viel geschrieben, während die FTD nun heute das Thema nun noch einmal unter dem viel beschworenen Aufhänger Citizen Journalismus neu aufrollt und dabei nicht mit "revolutionären" Elementen rund um die Mediengeschichte spart:
Die vier Anschläge auf Londoner U-Bahnzüge und einen Doppeldeckerbus haben nach Ansicht von Medienexperten eine "Zeitenwende" in der Berichterstattung eingeläutet. Niemals zuvor griffen Zeitungen und Fernsehsender so stark auf Filmsequenzen und Fotos zurück, die von Passanten, so genannten "Citizen Journalists", aufgenommen wurden. Ein Grund dafür ist, dass die Ermittler kurz nach den Explosionen den Zugang für Journalisten zu den Schauplätzen nahezu unmöglich machten und die meisten Schauplätze unter der Erde lagen. "Innerhalb von Minuten nach den ersten Explosionen wurden uns die ersten Bilder übermittelt. Nach einer Stunde waren es bereits 50 Aufnahmen", sagt die Nachrichtenchefin des Senders BBC, Helen Boaden, in einem Interview mit Mediaguardian.com. Bereits während der Tsunami-Katastrophe im Dezember im Indischen Ozean hatte der öffentlich-rechtliche Sender die Aufnahmen, die lokale Augenzeugen, Touristen und Katastrophenhelfer mit digitalen Fotoapparaten und Kamerahandys geschossen hatten, genutzt. Der Sender kennzeichnet das Material bei der Ausstrahlung entsprechend und sendet nur, was seinen ethischen Standards entspricht. Bezahlt wird im Gegensatz zum Sender Sky News, der 250 £ (mehr als 362 Euro) pro Film bietet, bei der BBC nichts. "Es ist ein wirklicher Schritt nach vorn, vor allem bei der Berichterstattung über ein Verbrechen, das die Öffentlichkeit betroffen hat", sagt Ben Rayner von ITV, dem größten Privatsender Großbritanniens, dem am vergangenen Donnerstag mehr als zehn Videoclips von Multimediahandys überspielt wurden. ... Am Sonntag entdeckte auch die Polizei den Wert der "City Journalists". Die Metropolitan Police, welche die Ermittlungen führt, forderte auf ihrer Webseite die Öffentlichkeit zur Einsendung weiterer Bilder auf.
Mehr zum Thema im Guardian: We are all Reporters now: 'We had 50 images within an hour'. Britain watched the story of the London bombings through mobile phone pictures and video clips, while America saw another 9/11. MediaGuardian reflects on a momentous day for journalism. Ob die ganze Bilderflut aus den Handy-Kameras wirklich hilfreich ist, geht im Hype um den "Bürger-Journalismus" nur etwas unter.

Und sonst: Das Wahlprogramm der Union liegt vor. Auszüge verbreiten heute die Nachrichtenagenturen. Ganz gute Einblicke liefert dieser Artikel in der Süddeutschen zur Agenda Merkel: In der Finanzpolitik geben Merkel und Stoiber Versprechungen ab, die sie nie und nimmer werden halten können. Genauer: Sie werden es nur halten können, wenn ihnen die Weltkonjunktur völlig überraschend zu Hilfe kommt und Deutschland einen exogenen Wachstumsschock beschert. Aber daran zu glauben wäre mehr als fahrlässig bei einem Ölpreis von über 60 Dollar. ... Hier fehlt ein zweistelliger Milliardenbetrag. Nirgendwo steht, wo der herkommen soll. Kritik kam postwendend bzw. schon vorab u.a. just vom möglichen Koalitionspartner FDP.

Bushs Ober-Spindoktor war mal wieder am Werk in der Intrige um die CIA-Agentin Plame und den damit zusammenhängenen Angriff auf die Pressefreiheit: Rove Told Reporter of Plame's Role But Didn't Name Her, Attorney Says. White House Deputy Chief of Staff Karl Rove spoke with at least one reporter about Valerie Plame's role at the CIA before she was identified as a covert agent in a newspaper column two years ago, but Rove's lawyer said yesterday that his client did not identify her by name, Washington Post.

Neues von der EMP-Waffenentwicklung: Beam It Right There, Scotty. It moves at the speed of light, it can penetrate walls. The U.S. military has firepower that uses electromagnetic energy to blind, stun or kill targets. Defense contractors are eager, but the weapons are not yet being deployed, Wired News.

Der Terror gibt neuem Anlauf zur Vorratsdatenspeicherung in der EU und damit zur weit gehend kompletten Überwachung der gesamten E-Kommunikation wieder Rückenwind: Clarke wants to track email and phone messages. Critics warn of huge task to sift through records, Guardian.

Die Grünen und die Ergebnisse ihres Wiki-Wahlprogramm-Experiments in Telepolis.

2005-07-10

War London zu terroristenfreundlich?

--- Vor allen in großen US-Zeitungen, aber auch vereinzelt hierzulande, gibt es heute leicht vorwurfsvolle Berichte, dass London zu "nett" zu Islamisten war und mit seiner Multikulti-Schiene nicht ganz richtig fuhr. Als Haven für islamistische Terroristen bezeichnet die Washington Post etwa die Metropole:
Abu Hamza Masri, for years a blood-curdling preacher at a North London mosque allegedly visited by shoe bomber Richard Reid and hijacker trainee Zacarias Moussaoui, listened silently Friday as his lawyer argued about his indictment last January on nine counts of incitement to murder for speeches that allegedly promoted mass violence against non-Muslims. In one speech cited in a British documentary film, Masri urged followers to get an infidel "and crush his head in your arms, so you can wring his throat. Forget wasting a bullet, cut them in half!" Masri's case is just one of several dozen that describe the venom, sprawling shape and deep history of al Qaeda and related extremist groups in London. Osama bin Laden opened a political and media office here as far back as 1994; it closed four years later when his local lieutenant, Khalid Fawwaz, was arrested for aiding al Qaeda's attack on two U.S. embassies in Africa. As bin Laden's ideology of making war on the West spread in the years before Sept. 11, 2001, London became "the Star Wars bar scene" for Islamic radicals, as former White House counterterrorism official Steven Simon called it, attracting a polyglot group of intellectuals, preachers, financiers, arms traders, technology specialists, forgers, travel organizers and foot soldiers. Today, al Qaeda and its offshoots retain broader connections to London than to any other city in Europe, according to evidence from terrorist prosecutions. Evidence shows at least a supporting connection to London groups or individuals in many of the al Qaeda-related attacks of the past seven years.
Ganz ähnlich die New York Times, die London als "Kreuzung des Terrors" bezeichnet:
Long before bombings ripped through London on Thursday, Britain had become a breeding ground for hate, fed by a militant version of Islam. For two years, extremists like Sheik Omar Bakri Mohammed, a 47-year-old Syrian-born cleric, have played to ever-larger crowds, calling for holy war against Britain and exhorting young Muslim men to join the insurgency in Iraq. In a newspaper interview in April 2004, he warned that "a very well-organized" London-based group, Al Qaeda Europe, was "on the verge of launching a big operation" here. In a sermon attended by more than 500 people in a central London meeting hall last December, Sheik Omar vowed that if Western governments did not change their policies, Muslims would give them "a 9/11, day after day after day." If London became a magnet for fiery preachers, it also became a destination for men willing to carry out their threats. For a decade, the city has been a crossroads for would-be terrorists who used it as a home base, where they could raise money, recruit members and draw inspiration from the militant messages.
Last but not least berichtet gleichzeitig die LA Times über die "Schläfer-Zellen" Londons:
though Britain has passed aggressive anti-terrorism measures in recent years, allies have been frustrated by the country's seeming inability to detain or extradite Islamic firebrands. Spanish officials, for example, have criticized Britain for its refusal to extradite an extremist cleric known as Abu Qatada, described by a Spanish judge as Al Qaeda's spiritual leader in Europe. As a result, Britain's counter-terrorism approach is described in somewhat contradictory terms. U.S. officials and experts praise the country's cooperation and capabilities, even while describing London as a haven for extremists. "It's the paradox of the United Kingdom," said Roger Cressey, a former White House counter-terrorism official in the Clinton and Bush administrations. In Britain, Cressey said, "you have some of the most sophisticated law enforcement and intelligence operations. At the same time, London is easily the most important jihadist hub in Western Europe."
Soviel Synchronizität erstaunt, irgendwo aus Washington werden die Zeitungen diese "Storyline" wohl serviert bekommen haben. In der Welt am Sonntag kritisiert derweil Gilles Kepel, Professor für Politische Studien am Institut d'Etudes Politiques in Paris, die britische Asylpolitik:
Außerdem ist die Lage in Großbritannien unsicherer, weil die Regierung vielen Wortführern islamistischer Gruppen Asyl gewährt hat. Die dachten, solange sich diese Leute, zumeist Araber, sich in England aufhalten und Redefreiheit genießen, würde die Insel sozusagen gegen Anschläge immunisiert.
In den USA steigt derweil Bushs Popularität -- die Sehnsucht nach dem starken Papi wächst mal wieder. Da haben die Terroristen ja wirklich wieder was angerichtet.

Und sonst: N. Korea Agrees To Rejoin Talks. Nuclear Arsenal On Table After Year-long Boycott, Washington Post.

Neues von der geplanten CIA-Unterwanderung durch Terroranhänger in der LA Times: Al Qaeda answers CIA's hiring call. As many as 40 possible terrorists may have attempted to infiltrate U.S. intelligence agencies in recent months, CIA expert Barry Royden reported at a national counterintelligence conference in March. If that news isn't sufficiently terrifying, consider this chilling paradox: Though the agencies caught the potential spies at the job application stage, post-Sept. 11 pressures to quickly boost staffing make it increasingly likely that a terrorist could sneak into the intelligence community's ranks.

Subway Bombs Were Tightly Synchronized. As distraught families protested the slow recovery and identification of bodies from Thursday's attacks, police revealed Saturday that the bombs used in the three doomed subway trains had been detonated within seconds of one another — a far more chilling level of synchronization than originally believed, LA Times.

2005-07-09

London-Attentat: Kurzschlüsse, Spekulationen, Forderungen

--- Die britische Regierung versuchte zunächst nach den Anschlägen am Donnerstag, eine Panik in der Bevölkerung mit einem Griff in die Kiste der psychologisch angehauchten Informationsoperationen zu verhindern:
Die Meldungen von einem Kurzschluss als Ursache der Explosionen in London war ein Trick der Behörden. Das melden britische Zeitungen. Die britischen Behörden wollten damit eine Massenpanik verhindern. Die ersten Auskünfte der Bahnpolizei, wonach sich die Explosionen in mehreren U-Bahnen auf einen «Kurzschluss» zurückführen ließen, gehörten zum Masterplan für den Fall eines großen Terroranschlags. «Als ich das Wort »Kurzschluss« hörte, wusste ich, das war ein PR-Trick», zitiert die Zeitung «The Guardian» eine Quelle bei der Londoner U-Bahn. «Die drei [betroffenen] Bahnhöfe sind an unterschiedliche Stromnetze angeschlossen.»
Gleichzeitig gehen die Medien eifrig der Frage nach, wen es als nächstes treffen könnte. Spiegel Online wirft dafür auch einen Blick in den ganzen Haufen an "Strategiepapieren" aus dem Umfeld von al-Qaida:
"Die Kunst des Krieges", "Die Enzyklopädie des Dschihad", "Wofür und gegen wen kämpfen wir?" - Die Reihe der von Qaida-Terroristen und -Strategen verfassten Bücher, Papiere und Pamphlete wird immer länger. Das Terrornetzwerk betrachtet sich selbst schon lange als eine lernende Organisation, die ihre Strategie nach dem jeweils erforderlichen und machbaren ausrichtet. ... Zwar spielt die Bundesrepublik in Qaida-Papieren nie eine Hauptrolle; aber sie gilt in islamistischen Kreisen als überaus israelfreundlich, was ein weiterer Anlass sein könnte, auf deutschem Boden Anschläge zu verüben. Bereits im Jahr 2001 hatte die so genannte "Tawhid"-Zelle, die mit dem heutigen Qaida-Statthalter im Irak, Abu Musab al-Sarkawi, verbunden war, offenbar Anschläge auf jüdische Ziele geplant. ... Nimmt man die Häufigkeit und Deutlichkeit von Aussagen in Qaida-Papieren zum Maßstab, stehen Italien und Polen - als vermeintlich wichtigste US-Alliierte gleich nach Großbritannien - dagegen eine Stufe höher auf der Rangliste potenzieller Ziele.
Aus der CDU/CSU trudeln ferner die unvermeidlichen Forderungen nach einer weiteren Verschärfung der gesetzlichen Antiterrormaßnahmen ein -- als ob selbst ein totaler Polizeistaat wirklich etwas gegen Anschläge wie in London ausrichten könnte. So tönt es vom innenpolitischen Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Hartmut Koschyk und dem Obmann der Union im Innenausschuss, Thomas Strobl:
Sicherheit ist ein Bürgerrecht. Die Bedrohungen unserer Zeit erfordern keinen ideologisierten Kampf gegen einen vermeintlichen Überwachungsstaat, sondern effektive Maßnahmen zur Terrorbekämpfung. Rot-Grün ist bei der Abwehr von Terrorismus und Extremismus stets zu kurz gesprungen. Die Union tritt hingegen für eine stetige Verbesserung der Sicherheitsarchitektur unseres Landes ein. Vorschläge der Union wie die Wiedereinführung einer Kronzeugenregelung, die Schaffung eines gemeinsamen Zentrums zur Terrorismusbekämpfung und Einrichtung einer gemeinsamen Datei der deutschen Sicherheitsbehörden zur Beobachtung und Bekämpfung des islamistischen Extremismus und Terrorismus (Anti-Terror-Datei) hat die Regierung Schröder nicht aufgegriffen. ... Effektive und aktuelle Terrorbekämpfung erfordert wegen der Möglichkeiten moderner Telekommunikationsmittel für Terroristen eine Speicherung von Telekommunikationsdaten für 6 Monate.
Als Gegenlektüre muss man da wohl mal wieder zu Leutheusser-Schnarrenberger greifen, denn ihr zufolge ist die Freiheit das größere Bürgerrecht. Man darf auf eine schwarz-gelbe Koalition gespannt sein, insbesondere auch nach diesem Beckstein-Interview und dessen Sicht auf Hunde und Schwänze.

Realistischer schätzt die Lage bezeichnenderweise Tony Blair ein:
Großbritanniens Premierminister Tony Blair hat gefordert, im Kampf gegen den Terrorismus auch dessen Ursachen zu bekämpfen. Dazu gehörten auch der Mangel an Demokratie und der anhaltende Konflikt im Nahen Osten, sagte Blair in einem Interview des britischen Rundfunksenders BBC. Den politischen Führern auf der Welt hätten die Anschläge vom Donnerstag in London klar gemacht, dass Probleme wie Armut angegangen werden müssten, sagte Blair. Die G-8-Staaten hätten sich in dieser Woche einiger der Fragen auf ihrem Treffen in Schottland angenommen. «Ich glaube, diese Art des Terrorismus hat sehr tiefe Wurzeln», sagte Blair. ... Alle «Überwachung der Welt» könne Menschen jedoch nicht daran hindern, in einen Bus zu steigen und unschuldige Menschen in die Luft zu sprengen, sagte der Premierminister. «Bei dieser Art von Terrorismus liegt die Lösung möglicherweise nicht nur bei den Sicherheitsmaßnahmen.»
In englischen Blogs wird derweil auf das Phänomen der neuen Flut an Fotos von Terroropfern durch Handy-Kameras hingewiesen. Mehr dazu im Guardian und in Telepolis. Als einer der Drahtzieher rückt zudem der Marokkaner Mohammed al-Gerbouzi ins Zentrum der Berichterstattung.

Und sonst: Schröder gegen die "Penner von gestern"

2005-07-07

London: "Gesegnete militärische Operation"

--- Nach dem 9.11. und dem 11.3. nun also der 7.7. -- mit der Zahlenmystik hatte es al-Qaida ja schon immer. Ein ausführliches Special zu den blutigen Anschlägen mit derzeit gezählten 37 Toten hat die BBC, ein Bericht davon widmet sich -- zwangsweise heutzutage? -- auch dem Blick der Londoner Blogger auf die Attentate auf U-Bahnstationen und einen Bus. Mehr zu den gebloggten Augenzeugenberichten bei Spiegel Online und heise online. Alles spricht derweil dafür, dass tatsächlich Terroristen aus dem Umkreis der al-Qaida erneut zugeschlagen haben und dass es keine absolute Sicherheit vor Anschlägen gibt:
If a connection is established, it would show that the group is alive and well despite being the main target of US-led global "war on terror" and the attentions of police and security forces throughout the world. ...One measure of the inconclusive campaign against al-Qaeda-linked groups has been that attacks have continued to occur on a fairly regular basis. The London attacks seem to echo closely in style and scale a series of recent bombings which have been blamed on the group (though it is not always possible to establish culpability beyond question and claims of responsibility cannot always been taken at face value). Bali, Istanbul, Madrid and Casablanca have all borne the same hallmarks - multiple bombings indiscriminately targeting civilians in heavily populated areas. ... It has for some time been almost a commonplace to say that Britain was "due" an al-Qaeda strike like that on Madrid. Britain's unflinching support for the Bush administration's foreign policies, particularly in Iraq and Afghanistan, make it an obvious target for al-Qaeda.
Ein "Bekennerschreiben" gibt es anscheinend auch:
Eine Gruppe namens "Geheimorganisation - al-Qaida in Europa" erklärte darin, die Tat sei eine Reaktion auf das britische Engagement in Afghanistan und im Irak. ... "Freut Euch, Gemeinschaft der Muslime", heißt darin, "die heldenhaften Mudschahidin haben heute einen Angriff in London durchgeführt. Ganz Großbritannien sei jetzt erschüttert und schockiert, "im Norden, im Süden, im Westen und im Osten". "Wir haben die britische Regierung und das britische Volk immer und immer wieder gewarnt", schreiben die Verfasser. "Wir haben unser Versprechen gehalten und eine gesegnete militärische Operation durchgeführt." Und am Ende drohten sie: "Wir warnen auch weiterhin", namentlich genannt: "Die Regierungen Dänemarks und Italiens und alle weiteren Kreuzfahrer-Regierungen". Sämtliche Staaten werden aufgefordert, ihre Truppen aus Afghanistan und dem Irak abzuziehen - weswegen sich solcherlei Drohungen latent immer auch gegen die Bundesrepublik richten
Aber es bleibt auch zumindest ein Trost:
Von New York über Madrid bis nach London ist wenigstens die Zahl der Opfer immer geringer geworden.
Mehr dazu in Telepolis: Hat der Krieg gegen den Terror versagt? nebst Angriff auf London. Ist ja aber auch wieder mal ein Timing: da wollen die G8-Industriebosse ein wenig Geld für Afrika locker machen -- und trotzdem wird es ihnen mit Bomben gedankt. Bob Geldofs nächstes Mega-Konzert-Spektakel müsste dann wohl gegen den Terrorismus ins Feld ziehen.

Und sonst: Judith Miller von der New York Times geht ins Gefängnis, um ihre Quellen nicht preiszugeben und ein Zeichen für die Pressefreiheit zu setzen: Before being taken into custody by three court officers, Ms. Miller said she could not in good conscience violate promises to her sources. "If journalists cannot be trusted to guarantee confidentiality," she told Judge Thomas F. Hogan, "then journalists cannot function and there cannot be a free press." Editorial der Times dazu gibts natürlich auch. Ein wenig zelebriert sich die grey old lady da ja auch, aber trotzdem Respekt für Miller, auch wenn ihre Prä-Irak-Berichterstattung nicht immer glorreich war. Mehr zum Fall in einem früheren Posting.

Und Neues aus dem irakischen Terrorstreifen: Oberphantom Sarkawi säbelte anscheinend mal wieder mit seinem großen Messer -- dieses Mal am Kopf eines ägyptischen Diplomaten. "Vollständiges Video" mit "Geständnissen" angekündigt (es soll ja immer noch Leute geben, die sich den Kram reinziehen).