2005-08-30

Die "böse Ideologie": nur ein neues Phantom?

--- Adam Curtis, der mit seiner kritischen Serie zum Anti-Terrorkrieg "The Power of Nightmares" im vergangenen Jahr für Aufsehen sorgte, setzt sich nun mit der Parole der britischen Regierung zum Kampf gegen die "böse Ideologie" auseinander:
The Power of Nightmares said bluntly that this was a fantasy. The real threat came not from a network, but from individuals and groups linked only by an idea. Our energies were going into fighting a phantom enemy. We were looking for a network that didn't exist when we should have been dealing with an idea that does. The evidence we have of what lies behind the London bombings confirms that this was the real nature of the threat. It is fascinating to see how suddenly all the terror "experts" have changed their tune. For three years they told us breathlessly about a terrifying global network. Now, suddenly, it has gone away and been replaced by "an evil ideology" that inspires young, angry Muslim males in our own society. It is good that we now all agree on the nature of the threat, but there remains a danger that the "idea" will be simplified, exaggerated and distorted just as the "network" was, and that in this mood of fear the government will bring in policies that will alienate young Muslims further and drive them towards dangerous extremism. ... There are worrying signs that journalists are confusing the murderous beliefs of a genuinely destructive minority with the political ideas of a much wider movement. By lumping Islamism into a frightening, violent, anti-western movement led by the "preachers of hate", they risk exaggerating and distorting the threat yet again. The real danger is that, by suppressing Islamism, we will make its ideas more attractive to already marginalised young men. In the process we may inadvertently drive them further towards the extreme militant wings of the movement, and prove yet again the old adage that the real threat to democracy from terrorism is not the action but the reaction.
Und sonst: Jetzt dürfen (oder müssen) also auch eine Handvoll Redakteure der Süddeutschen Zeitung bloggen. Jede gestandene Zeitung braucht dieser Tage anscheinend ein Weblog. Kräftig angegriffen werden sie gleich mal von Don Alphonso, aber noch wird tapfer, wenn auch etwas laut, zurückgeschossen.

Der Krieg der Republikaner gegen die Wissenschaft: Rezension des entsprechenden Buches bei Wired News: 'Swift Boating' Science . Chris Mooney skillfully uncovers the Bush era's institutionalization of spinning, distorting and ignoring science in The Republican War on Science.

SPD noch wählbar? Die Stunde null der SPD. Es ist die letzte Chance: Am Mittwoch wird der Kanzler versuchen, seine Genossen mitzureißen und neuen Kampfesmut zu wecken. Doch in der Partei glaubt kaum jemand an eine Wende - die SPD hat sich praktisch aufgegeben.

Irak vor neuen schweren Auseinandersetzungen aufgrund der neuen Verfassung: Iraq Battle Moving Toward Ballot Box. After battling over Iraq's draft constitution for months in the halls of government, Iraq's Shiites, Sunnis and Kurds prepared Monday to take their fight to the streets, mosques and airwaves ahead of a nationwide referendum on the document.

Der zensierte Krieg: The Photos Washington Doesn't Want You To See. The grim reality of Iraq rarely appears in the American press. A photo gallery reveals the war's horrible human toll.

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36 Jahre Mediendemokratie

--- Die Zeit wirft einen Blick zurück auf 36 Jahre Mediendemokratie und die Verstrickungen von Medien und Politik -- von Willy Brandt bis Gerhard Schröder. Lesenswertes Stück, wenn auch teilweise etwas manieriert und nicht sonderlich klar auf dem Punkt:
Ohne Nostalgie: Ein beschwingendes Gefühl von Autonomie und Hineinredenkönnen beherrschte noch in den siebziger Jahren das Gros der jungen Journalisten. Die vierte Gewalt, das sind wir! Überschätzte man im Überschwang, beim »mehr Demokratie wagen« schreibend dabei zu sein, seine Freiheit, seinen Einfluss? Die Bonner Korrespondenten hockten eng mit der Politik zusammen, sehr eng. So sehr man auf der Hut sein wollte, sich nicht einbinden zu lassen – dabei sein wollte man auch. Ein Schmiergeld namens Nähe überschrieb der Journalist Peter Zudeick eine Philippika gegen diese Enge, die es schwer machte, die Rollen zwischen Politikern und Journalisten trennscharf auseinander zu halten. ...



Das Fernsehen bricht herein: Die Wechselbeziehung zwischen Journalisten und Politik am Tatort nahm sich auch zu Helmut Schmidts Zeiten noch vergleichsweise unkompliziert aus, obgleich der häufig über die »Medienbarriere« klagte und auf das unordentliche Völkchen gern ein bisschen mehr pädagogischen Einfluss gehabt hätte. Laut schimpfte er darüber, dass das Fernsehen zu Oberflächlichkeit verführe, für seinen Berufsstand sei es gefährlich, weil es »sympathiesüchtig« mache. Schmidt prägte das Wort vom »Staatsschauspieler«, aber darin schwang mit, dass einer, der das durchschaut, auf dem Rücken des Tigers reiten könne. Aus Brandts »Randfiguren« wurde allmählich die »Meute«, auch »Wegelagerer«. Aber noch hatte das etwas Augenblinzelndes: Klaus Bölling, Kurt Becker, Rüdiger von Wechmar und eine Heerschar von Mitarbeitern verwendeten unendlich viel Zeit darauf, die Politik zu erklären und abzusichern, ohne dass man das Gefühl hatte, Spin-Doktoren aufzusitzen. War das Selbstbetrug? Nein, man hatte es noch mit Handwerkern der Macht zu tun, nicht mit Public-Relation-Fachleuten, und es standen noch Trennwände zwischen Politikern, Journalisten, Inszenierungsprofis und Demoskopen. ... Die legendäre Performance des jungen Kanzlers Schröder, der glaubte, mit der qualmenden Cohiba zwischen den Zähnen oder den Lifestyle-Anzügen ein Image zu verfestigen, von dem er dauerhaft profitiert – Paläolithikum! Angela Merkels Wechselfrisuren und Apricotkostümierungen wirken wie nette Zitate aus jenen Lehrjahren. Leichter hat Gerhard Schröder sich den Umgang mit den Medien gewiss vorgestellt. Medien sind »Chefsache«! Wenn es, wie er glaubte, primär auf »Bild, BamS und Glotze« ankommt, dann kümmert er sich eben persönlich darum. Schließlich, dass er »kann« mit den Medien, weiß man – und das hat er bewiesen. Nur hat sich etwas entkoppelt. Es steht Kanzlern gut an, sich in der Arena der postmodernen Mediendemokratie zu tummeln. Aber es versendet sich. Dem Raum fehlt der Resonanzboden.
Und sonst: Kaum zu glauben: Frauen in Frauendomäne PR benachteiligt: Ladykiller "Public Relations". Selbst in einem von Frauen dominierten Beruf sind Männer erfolgreicher.

Die FAZ porträtiert den roten Sheriff Otto Schily und den von ihm hervorgerufenen "Klimawandel" aus konservativer Sicht (sprich: beim Aufbau des Überwachungsstaates noch zu wenig erreicht).

Auch Katrina entgeht den Hurrikan-Bloggern natürlich nicht, hier eine Linkliste. Noch mehr Links beim Instapundit.

Letzter Teil der Wahlkampfserie mit dem Check der Programme der größeren Parteien bei heise/c't aktuell, dort auch Links zur kompletten Reihe.

Befragung: Weblogs als PR-Tool.

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Blogger bei SPD-Parteitag

Was Amerikaner mit ihren Convention-Bloggers vorgemacht haben, können Deutsche erst Recht: Die SPD lädt zu ihrem außerordentlichen Parteitag erstmals Blogger ein - alledings nur ausgewählte. Dazu heißt es offiziell:
"Die SPD lädt, als erste Partei in Deutschland, ausgewählte Blogger zum außerordentlichen Parteitag nach Berlin, um ihnen die Berichterstattung auf ihren Seiten zu ermöglichen. Der SPD-Parteivorstand ist bereits zur Europawahl 2004, als erste deutsche Partei mit einem eigenen Weblog gestartet und setzt in der Kampagne zur Bundestagswahl 2005 auf die Unterstützung einer breiten, SPD-nahen Blogsphäre. Mit www.roteblogs.de steht dafür eine eigene Plattform zur Verfügung. Auch wenn die Entwicklung in Deutschland noch am Beginn steht, wollen wir dazu beitragen, dieses neue Kommunikationsinstrument weiter zu fördern. Folgende Autoren werden den außerordentlichen Parteitag der SPD in ihren Blogs begleiten: Christian Hochhuth (www.wahlblog05.de), Johnny Haeusler (www.spreeblick.de), Nico Lumma (www.lumma.de), Thorsten Matolat (blog.nrwspd.de), Felix Schwenzel (www.wahlblog.de), Thomas Praus (www.roteblogs.de) Valentin Tomaschek (www.notizblogg.de/jusoshh/), Andreas Kesting (blog.websozis.de)."

Warum allerdings eine Zensur mittels gezielter Einladungen erfolgt, erschließt sich nicht. Platzgründe jedenfalls reichen als Begründung nicht aus: Die SPD zelebriert sich -- wie die Linkspartei samt dem "Luxus-Linken" Lafontaine am vergangenen Wochenende -- im Berliner Estrel, dessen Saal mehrere tausend Menschen fasst.

2005-08-29

Die Macht des Wahlduells

--- Die FAZ widmet sich heute den Rededuellen und deren Wirkung und Vorbereitung in den USA. Neben der Tatsache, dass Bush-Herausforderer John Kerry 2004 trotz dreier TV-Duellsiege am Ende doch nicht Präsident wurde, beschreibt Matthias Rüb vor allem, einen wichtigen Aspekt in punkto Pressefreiheit: "Anders als in Deutschland, wo die Redaktionen der öffentlich-rechtlichen und der privaten Fernsehsender selbst die Regie bei den Fernsehdebatten führen und auch die Moderatoren bestellen, übernimmt diese Aufgabe in den Vereinigten Staaten eine 1987 eigens gegründete unabhängige Kommission. Diese ließ sich bei der Vorbereitung der Debatten im vergangenen Jahr nicht von den Wahlkampfstäben der Kandidaten dazu überreden, daß die vier Moderatoren der einzelnen Debatten - respektierte Journalisten dreier privater Sender und des öffentlich-rechtlichen Fernsehkanals PBS - das Dokument ebenfalls unterzeichneten: Sie wollte die Kontrolle über das Verfahren bei den Fernsehduellen nicht an die Wahlkampfteams abtreten." Hierzulande reden die Wahlkampfteams erheblich mit, wenn es um die Gestaltung der Duelle geht. Gut zu wissen, dass deren Bedeutung in der reizüberfluteten Mediengesellschaft nicht mehr entscheidend sind, wenn auch bei dem diesjährigen, extrem kurzen Wahlkampf Medien mit einer hohen und vor allem schnellen Verbreitung wichtiger sind als bei anderen Wahlkämpfen. "Die Zweikämpfe in Amerika, die Debatten der Spitzenkandidaten der Parteien in Deutschland im Fernsehen sind gewiß wichtig in unserer Epoche der „Mediendemokratien” - aber so wichtig nun auch wieder nicht. Längst nämlich sind die Kandidaten, ihre Positionen und ihre Sentenzen, ihre Haartracht und ihre Kleidung, ihre Mimik und ihre Gestik fast schon bis zum Überdruß bekannt. So gut ist man mit Angie und mit Gerhard, mit George W. und mit John zumal aus dem Fernsehen vertraut, daß eine entscheidende Fernsehdebatte eben nichts mehr entscheidet."

2005-08-27

Pannen und Fehler bei der Terroraufklärung

--- Der Hamburger Innensenator und die Polizeiführung der Hansestadt müssen sich Kritik gefallen lassen an dem Großeinsatz der letzten Tage aufgrund eines letztlich wohl fehlgeleiteten Verdachts:
Die in Hamburg unter Terrorverdacht festgenommenen Tschetschenen sind von der Polizei freigelassen worden. Möglicherweise war ein schlechter Scherz Auslöser für eine Großfahndung nach den drei Männern. Der Staatsschutz schloss nach intensiven Befragungen und Ermittlungen aus, dass von den Männern die Gefahr eines terroristischen Anschlags ausgeht. Das teilte das Landeskriminalamt am Samstag mit. ... Hamburgs Innensenator Udo Nagel (parteilos) hält es für möglich, dass ein schlechter Scherz Auslöser für den Großeinsatz gewesen sein könnte. Möglicherweise habe es sich bei den von einem Zeugen mitgehörten Äußerungen der drei Tschetschenen um "Blödsinn" gehandelt, sagte Nagel ... Der Nahost-Experte Peter Scholl-Latour kritisierte den Einsatz. "Die Fahndung ist grotesk. Das schlimmste im Kampf gegen den Terror ist, wenn Behörden hysterisch reagieren", sagte er der "Bild"-Zeitung. Die Formulierungen der Tschetschenen seien nicht eindeutig gewesen. Sie hätten über alles Mögliche reden können, etwa über Krankheit. Die Fahnder hatten Donnerstagabend Fahndungsbilder der Männer veröffentlicht, die bei verdächtigen Äußerungen an einer Bushaltestelle belauscht worden waren. Bei dem Gespräch auf Arabisch soll nach Aussage des Ohrenzeugen der Satz vorgekommen sein: "Wir werden morgen als Helden vor Allah stehen."
Ein "Protokoll" der ersten Fahndungstage gibts beim Hamburger Abendblatt.

Noch deutlich Seltsameres ist dagegen von der "Aufklärung" der Attentate in Madrid zu vernehmen:
Es ist nicht verwunderlich, dass man in Spanien die Tageszeitung El Mundo versucht mundtot zu machen, die immer neue Details über die Anschläge in Madrid am 11. März 2004 offenbart. Nun hat die Zeitung veröffentlicht, dass die Polizei glaubt, einer ihrer Beamten habe beim Bombenbau direkt mitgewirkt. Zudem hatten die Sicherheitskräfte die Telefone von einem Teil der Attentäter noch am Tag der Anschläge angezapft. Doch ausgerechnet am Tag nach den Anschlägen wurde beantragt, währen der fieberhaften Ermittlungen, die Telefonüberwachung auszusetzen. Diese Daten stammen aus den Akten des Ermittlungsrichters, der sie unter Strafandrohung zurückhaben will. Für den 12. September wurde der El Mundo Direktor vor den Nationalen Gerichtshof zitiert. ... Wieso die Polizei die Abhörmaßnahmen ausgerechnet am Tag nach den Anschlägen einstellen wollte, gibt, neben den vielen Merkwürdigkeiten, Raum für düstere Vermutungen. Die gehen weit darüber hinaus, dass die damals regierende Volkspartei (PP) versuchte, der baskischen Untergrundorganisation ETA die Anschläge in die Schuhe zu schieben. Gegen besseres Wissen, wie das dürftige Ergebnis der parlamentarischen Untersuchungskommission zeigte (vgl. Verbindungen zwischen den Attentätern in London und Madrid?). Daran war vor allem die Verhinderungsstrategie der jetzt regierenden Sozialisten (PSOE) schuld. Die PSOE versucht offenbar zu verbergen, wie tief Parteimitglieder in die Anschläge verwickelt sind. Schließlich ist nicht nur einer der Geheimdienstler, der Kontakt in den Kreis der Attentäter hatte, führendes Mitglied der Partei, sondern auch einer der mutmaßlichen Drahtzieher.
Schon erstaunlich, dass man in den Mainstream-Medien hierzulande so gut wie Nichts über derlei haarsträubende Ungereimtheiten liest.

Und sonst: US-Armee-Führung gibt neue Guidelines für Milblogger heraus.

Debatten über "Luxus-Linke" statt Wahlprogramminhalte bei der Linkspartei: Lafontaine beschwört "vereinigte Linke".

Ausmisten in Abu Ghraib: Irak: US-Armee läßt tausend Gefangene frei. Freigelassene haben keine schweren Verbrechen begangen und der Gewalt abgeschworen.

Übertriebene Härte der Polizei im Einsatz gegen "Hooligans" in Berlin: Nach dem rigorosen Einsatz eines Sondereinsatzkommandos der Polizei in der Berliner Diskothek "Jeton" sind bis Freitag von 35 Betroffenen 63 Anzeigen erstattet worden.

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2005-08-26

"Agenda Setting Power" aus dem Netz

--- Derzeit überschlagen sich die Medien mal wieder mit Berichten rund um den Citizen Journalism. Die FTD hatte diese Woche etwa ein Stück zum Thema Öffentlichkeitsarbeit: Risiko vernetzter Kunde über die Herausforderungen durch Weblogs für den Rest der Welt:
Moderne Kommunikationskanäle wie Weblogs, Email und SMS werden genutzt, um in hoher Geschwindigkeit Mehrheiten zu organisieren, Nachrichten zu verbreiten und zu diskutieren. Gut verfolgen ließ sich das bei der Organisation der Revolution in der Ukraine oder den Protesten gegen den G8-Gipfel: Über SMS-Verteiler wurden Demonstranten informiert und erschienen plötzlich wie aus dem Nichts am verabredeten Ort. Forscher bezeichnen dieses Verhalten als "Schwarmintelligenz" - und schwärmen selbst von "einer völlig neuen Art des Denkens", wie der deutsche Kommunikationstheoretiker Norbert Bolz glaubt. Auch wenn weniger optimistisch gesinnte Zeitgenossen das Phänomen eher in der Rubrik "Herdentrieb" einordnen - die Auswirkungen sind real. "Die Massenmedien haben ihre "Agenda Setting Power" zum Teil an die digitale Community verloren", sagt Thomas Strätling, Geschäftsführer bei Ahrens & Bimboese, einer Agentur für Kommunikationsforschung und -beratung in Berlin. Mit weit reichenden Folgen für die Arbeit der Öffentlichkeitsarbeiter: "Das übliche Abschmettern mit Pressemitteilung und Gegendarstellung funktioniert in Krisensituationen nicht mehr", sagt Strätling. Wird ein Weblog abgemahnt, steht die Geschichte in kurzer Zeit auf einer anderen Seite, und oft sind die Urheber gar nicht erst ausfindig zu machen.
Ansonsten sind iKauder und Co. mittlerweile auch bei Telepolis angekommen, wo es in einem kurzen Artikel um Podcasts als Medium politischer Kommunikation geht. Den ganzen Hype werden wir wohl noch einige Zeit über uns ergehen lassen müssen, angeschürt etwa vom "BlogDay 2005".

Und sonst: Reaktionen auf das Wahlurteil vom Bundesverfassungsgericht und zur anbrechenden "Kanzlerdiktatur" zusammengefasst im heutigen Newsletter der Kampagne 05 und in Telepolis.

Cyberwar Revisited: Cybertroops Keep War Games Real. The Pentagon marshals thousands of computer-generated soldiers, tanks, ships and networked flight simulators to make large-scale training exercises more realistic than ever before.

Terroraufruhr in Hamburg: Fahnder nehmen drei Männer in Gewahrsam. Bei den 21- bis 25-jährigen Tschetschenen handelt es sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit um jene Personen, nach denen seit Donnerstag in einer Großfahndung gesucht worden war, wie der Leiter des Hamburger Landeskriminalamtes, Reinhard Chedor, am Freitag mitteilte. Insgesamt waren 255 Personen im Rahmen der Aktion überprüft worden. Die Polizei hatte Fahndungsbilder der Männer veröffentlicht, die bei verdächtigen Äußerungen an einer Bushaltestelle belauscht worden waren. Bei dem Gespräch auf arabisch soll nach Aussage des Ohrenzeugen der Satz vorgekommen sein: "Wir werden morgen als Helden vor Allah stehen."

Personendossiers nie gekannter Ausmaße: Kritik an Gesetzentwurf zur Anti-Terror-Datei. Sechs Bundesländer haben einen Entwurf für eine Anti-Terror-Datei erarbeitet. Er sieht laut Süddeutscher Zeitung eine Volltext-Datei vor und nicht die von anderen bevorzugte Index-Datei.

Glotz ist tot: Vordenker, Vielschreiber, Vielredner. So lauteten einige der nicht immer schmeichelhaften Titulierungen. Sich selbst bezeichnete Peter Glotz in den letzten Jahren häufig als „beschleunigten Menschen“, der sich bereit für die Aufgaben des „digitalen Kapitalismus“ macht.

Offene Fragen zum Beslan-Jahrestag: For Russians, Wounds Linger in School Siege. A year after the siege in Beslan, there is scarcely more clarity about what happened than there was immediately after the event.

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2005-08-25

Wahlkrampf geht in die heiße Phase

--- Das Bundesverfassungsgericht hat nun also entschieden, dass der Wahlkrampf nicht mehr gestoppt wird:
Der Zweite Senat des Bundesverfassungsgerichts hat die Organklage der Bundestagsabgeordneten Hoffmann und Schulz, die sich gegen die Anordnung des Bundespräsidenten vom 21. Juli 2005 über die Auflösung des 15. Deutschen Bundestages und über die Festsetzung der Wahl auf den 18. September 2005 gewandt hatten, als unbegründet zurückgewiesen. Die angegriffenen Entscheidungen des Bundespräsidenten seien mit dem Grundgesetz vereinbar. Ein dem Zweck des Art. 68 GG widersprechender Gebrauch der Vertrauensfrage, um zur Auflösung des Deutschen Bundestages und zu einer vorgezogenen Neuwahl zu gelangen, lasse sich nicht feststellen. Der Einschätzung des Bundeskanzlers, er könne bei den bestehenden Kräfteverhältnissen im Deutschen Bundestag künftig keine vom Vertrauen der Parlamentsmehrheit getragene Politik mehr verfolgen, sei keine andere Einschätzung eindeutig vorzuziehen.
Keine besonders mutige Entscheidung, aber nun gilt es eben, am 18.9. trotz aller Wahlmüdigkeit das Kreuzlein zu setzen. Eine Entscheidungshilfe gibt es am morgen bei heise online bzw. c't aktuell, wo der Spindoktor mitgeholfen hat, die Wahlprogramme unter speziellen Gesichtspunkten unter die Lupe zu nehmen:
Wir haben die Wahlprogramme der größeren Parteien nach sechs Stichpunkten untersucht und exzerpiert. Sie decken die Felder ab, in denen der Einsatz von Informationstechnologie heute die größten Wirkungen entfaltet. Unter Forschung und Spitzentechnologieförderung finden sich die Aussagen zur Forschung und besonders zur IT-Forschung, die mit dem Jahr 2006 als "Jahr der Informatik" einen eigenen Schwerpunkt hat. Unter den Verbraucherschutz fallen Aussagen zum E-Commerce, aber auch zur Einführung der RFID-Technologie. Der Punkt Geistiges Eigentum ist besonders knifflig. Unter ihn fällt das mögliche Recht auf Privatkopie ebenso wie die Frage der Softwarepatente, die von allen Parteien auf deutscher Ebene abgelehnt, in der europäischen Union aber teilweise zustimmend behandelt werden. Zum Stichwort Innere Sicherheit haben wir Aussagen gesammelt, die direkt die Privatsphäre der Bürger beeinflussen. Wir analysieren, ob die Parteien etwa im Namen der Terror- oder Kriminalitätsbekämpfung die Überwachung der Bürger verstärken wollen. Medien & Internet fragen danach, was neben dem allgemeinen Bekenntnis zur Wissensgesellschaft in diesem Bereich an Geboten und Verboten geplant ist. Unter Sonstiges finden sich Aussagen zu Themen, die schwer klassifiziert werden können, aber sehr wohl in den Rahmen passen, der von den anderen Kategorien abgesteckt wird.
Schröder kann derweil aber anscheinend nicht einmal von der Flut im Süden profitieren, nachdem ihn das Hochwasser an der Elbe vor drei Jahren ja noch mit nach oben spülte. Denn die Bayern brauchen keine nationale Solidaritätsfigur, haben ja auch schon ihren Stoiber. Und mit dem Ziehen der Iran-Karte hat der Kanzler auch noch nichts erreicht. Wiederholungen gefallen aber ja auch nicht, da müssten sich Schröder und die SPD schon noch mal was Neues einfallen lassen auf die Schnelle. Doch Münte ist auch schon mal symbolisch fast zu Boden geganten, schlechte Vorzeichen.

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2005-08-19

Schluss mit dem Wahlkrampf!

Der Spindoktor bloggt heute eifrig im Wahltagebuch über Meinungsumfragen vor der Wahl, mangelnde Alternativen und natürlich den Papst, also eigentlich über Gott und die Welt:
Angela Merkel und ihre Mannen genießen Narrenfreiheit im Spätsommer 2005. Unabhängig davon, in welche Fettnäpfchen sie treten und wie heftig sie patzen, am Wechselwillen der Wähler scheint sich wenig zu ändern. Die Auguren sind sich jedenfalls einig: Die Debatten über Angies Brutto-Netto-Schwachfug, ihr gähnend-langweiliger Ost-Wahlkampfauftakt in der Lutherstadt Wittenberg, Eddies Ost-Frustrierten-Gegröle oder Schönbohms Proll-Arie haben der Union bislang keine Stimmen gekostet. Anscheinend hat Stoiber gar einen Nerv getroffen bei seiner gut behüteten Klientel im tiefen Westen mit seinem Gepolter über das leider nicht mehr hinter der Mauer lebende Pack aus dem Osten. Doch selbst in der „Zone“ sehen Wahlforscher die Union momentan wieder als stärkste Kraft an. Meinungsumfragen vor Wahlen sind generell Spielverderber und nehmen die Spannung vor dem Urnengang weg. ... Fakt ist, dass keiner den von Schröder dem Volk aufoktroyierten Wahlkrampf wirklich mag. Gleichzeitig ist die Unzufriedenheit mit Rot-Grün groß, da viele Reformen und Vorhaben im Streit mit dem jeweiligen Koalitionspartner und der Opposition verwässert wurden und eine neue Berliner Linie nicht mehr erkennbar war. Die Wähler wollen ein neues Farbenspiel an die Macht bringen, wobei der endgültige Mix ihnen noch nicht eindeutig vor Augen steht. Hier gibt es noch leichten Gestaltungsspielraum, aber der Wahlkampf selbst scheint größtenteils gelaufen, bevor er nur richtig anfing. Das allgemeine inhaltsfreie Politikergesülze interessiert den Bürger nicht mehr, den Versprechen auf einen echten Richtungswechsel glaubt keiner. Große Visionen fehlen, werden gegenwärtig von keiner Partei ernsthaft kommuniziert. Die einzige Hoffnung der Wähler ist, dass es doch zumindest irgendwie einen Tick anders wird in der nächsten Legislaturperiode. Aber bloß nicht zuviel Veränderung! Letztlich werden also so oder so die Frustrierten die Wahl entscheiden. ... Am besten wäre es daher für die Parteistrategen und Politikbegeisterte, den Wahlkrampf 2005 zu boykottieren und stattdessen mit Hochdruck an Wegen zu arbeiten, um die Möglichkeiten zur Beteiligung der Bürger an der Demokratie mit Petitionen und bundesweiten Volksabstimmungen zu stärken. ... Bis dahin bleibt dem Wähler wenig anderes übrig als das zwanghafte Treiben auf der politischen Bühne als Beitrag zum täglichen Medien-Entertainment abzuhaken oder sich an der Unzahl an Kandidatenweblogs und deren virtuellen Unterstützerheerscharen gütlich zu tun. Wenn die Blogs der Wahlkämpfer nur nicht immer so bierernst geschrieben wären und uns auch einmal über etwas anderes als das Wetter am Strand von Wanne-Eickel aufklären würden! Für die iPod-Generation gibt es zum Glück inzwischen zumindest die Stimmen von Generalsekretären gleich zum Mitnehmen, denn es müssen ja nicht immer nur U2 und Coldplay beim Joggen oder in der U-Bahn laufen. Das heilige Brot zu den Spielen serviert der Bischof aus Rom in diesen Tagen in Köln noch dazu.
Das Wahltagebuch wird aktuell auch in einem Artikel über Wahlbogs jenseits der Parteien von Spiegel Online nicht unerwähnt gelassen.

Und sonst: Unerwartete Wahlkampfhilfe für Schröder aus England: So etwas gab es seit Jahren nicht mehr: Der "Economist", das einflussreichste Wirtschaftsmagazin der Welt, bejubelt den Standort Deutschland. Den Aufschwung vermasseln, so mahnt das Blatt, könnten nur noch die deutschen Politiker. Den Original-Artikel gibts nur gegen Kohle bei Economist Online.

Wahlkampf Visuell: Virtuelle Sammlung von aktuellen Wahlkampfplakaten von Politik Visuell (Anscheinend haben demnach nur die CDU und die FDP gute Plakate)

Lug und Trug rund um Menezes-Erschießung: Londoner Polizeichef in Erklärungsnot. Ian Blair soll versucht haben, eine Untersuchung der tödlichen Schüsse in Londoner U-Bahn zu stoppen

Bushs Verstrickung in seiner eigenen Lügenwelt: Why Bush Believes His Lies Via Under Radar.

Unser geliebter Medienpapst -- ein verkappter Neokonservativer? Benedict XVI: The Neocon Pope, Dialog International. Das mit dem Filtern und der "Zensur" auf dem Weltjugendtag war zwar wohl nicht böse Absicht, ging aber voll nach hinten los.

Neues aus der Rubrik Cititzen Journalism: "What Mainstream Misses Is Most Read" so der schlagende Vorteil des Bürger-Journalismus laut Journalismus-Prof Clyde Bentley. Eine andere US-Akademikerin verkündet derweil "The Rise of the Citizen Editor". Citizen Journalism in Aktion gegen Microsofts Lobbying im Berliner Abgeordnetenhaus gibts bei Netzpolitik und die Zusammenfassung bei heise online. Und auch in Chile setzen Blogger verstärkt die politische Agenda.


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2005-08-15

Bundestagswahl - warum?!

--- In dem politischen Wahlkampf-Geplänkel, das sich seit Wochen in den deutschen Medien abspielt, geht ein wenig der Blick aufs Wesentliche verloren: Warum müssen wir eigentlich - so es das Bundesverfassungsgericht will - am 18. September wählen? Vermutlich der TV-Duelle wegen. Seit heute zumindest dürfen wir uns auf ein weiteres freuen (nach Merkel-Schröder und den Parteispitzen unter sich): Der Herr der Bierzelte, CSU-Chef und Ostdeutschland-Beschmutzer, Edmund Stoiber, will gegen den Links-Populisten und Steigbügelhalter der PDS, Oskar Lafontaine, antreten. Nachdem Stoiber die Ostdeutschen als "Frustierte" abgekanzelt hat - die ihm aus seiner Sicht den Traum vom Job als Bundeskanzler 2002 zerstört haben sollen -, will er ihnen nun im Fernsehen zeigen, was für Thesen Lafontaine und die Linke.PDS vertreten und welche Folgen eine derartige Politik hätte. "Ich werde Lafontaine stellen", erklärt er heute dazu in der Bild. "Die Antwort des Saarländers kam postwendend. „Mit größtem Vergnügen“, so Lafontaine, nehme er die Herausforderung an." Jetzt müssen die beiden nur noch einen TV-Sender finden, der bereit ist, den Schlagabtausch zu senden. Aber das dürfte in unserer Medienwelt wohl das geringste Problem sein.

2005-08-14

USA geben irakischen Traum verloren

--- Das wird die Neokonservativen aber gar nicht freuen (s. Links in der Nachrichtenschau von gestern): Wie die Washington Post schreibt, hat sich die US-Regierung weitgehend von ihrem Traum verabschiedet, den Irak zu einer westlichen Vorzeigedemokratie umzumodeln:
The Bush administration is significantly lowering expectations of what can be achieved in Iraq, recognizing that the United States will have to settle for far less progress than originally envisioned during the transition due to end in four months, according to U.S. officials in Washington and Baghdad. The United States no longer expects to see a model new democracy, a self-supporting oil industry or a society in which the majority of people are free from serious security or economic challenges, U.S. officials say. "What we expected to achieve was never realistic given the timetable or what unfolded on the ground," said a senior official involved in policy since the 2003 invasion. "We are in a process of absorbing the factors of the situation we're in and shedding the unreality that dominated at the beginning." ... The ferocious debate over a new constitution has particularly driven home the gap between the original U.S. goals and the realities after almost 28 months. ... But whatever the outcome on specific disputes, the document on which Iraq's future is to be built will require laws to be compliant with Islam. Kurds and Shiites are expecting de facto long-term political privileges. And women's rights will not be as firmly entrenched as Washington has tried to insist, U.S. officials and Iraq analysts say. "We set out to establish a democracy, but we're slowly realizing we will have some form of Islamic republic," said another U.S. official familiar with policymaking from the beginning, who like some others interviewed would speak candidly only on the condition of anonymity. "That process is being repeated all over." ... Killings of members of the Iraqi security force have tripled since January. Iraq's ministry of health estimates that bombings and other attacks have killed 4,000 civilians in Baghdad since Prime Minister Ibrahim Jafari's interim government took office April 28. Last week was the fourth-worst week of the whole war for U.S. military deaths in combat, and August already is the worst month for deaths of members of the National Guard and Reserve. ... Washington now does not expect to fully defeat the insurgency before departing, but instead to diminish it, officials and analysts said. ... "The most thoroughly dashed expectation was the ability to build a robust self-sustaining economy. We're nowhere near that. State industries, electricity are all below what they were before we got there," said Wayne White, former head of the State Department's Iraq intelligence team who is now at the Middle East Institute. "The administration says Saddam ran down the country. But most damage was from looting [after the invasion], which took down state industries, large private manufacturing, the national electric" system.
Mehr als eine Verschlimmbesserung scheint bei dem Irak-Abenteuer Bushs also nicht mehr herauszukommen, wenn man optimistisch bleibt.

Und sonst: Nur immer neue Waffentechnik ist eben auch nicht das Wundermittel: Bitte noch kleiner! Die Darpa will eine Mini-Drohne entwickeln, die kleiner als 5 cm ist, aber sucht auch nach neuen (Wunder)Techniken für den Stadtkampf.

Bei Done with Mirrors werden die US-Propagandamethoden von heute mit Klassikern aus dem 2. Weltkrieg verglichen.

Es menschelt gar sehr bei Gerd im Wahlkampf: Daheim bei Schröders: Handy nein, Pantoffeln ja.

Neu- und Alt-Frustrierte unter sich -- das kann ja heiter werden beim etwas anderen Duell der Spitzen: Stoiber und Lafontaine vereinbaren Rede-Duell.

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2005-08-13

Der Grand Plan von al-Qaida

--- Al-Qaida will die Weltherrschaft mit der Errichtung eines islamistischen Kalifats an sich reißen. Dies hat sich zumindest beim jordanischen Journalist Fuad Hussein in Gesprächen mit Vordenkern des Terrornetzwerkes als Strategie der Gotteskrieger herauskristallisiert, schreibt Spiegel Online in einem Artikel über die "Agenda 2020" der Dschihad-Anhänger:
"Ich habe eine Reihe von Qaida-Ideologen interviewt, um herauszufinden, wie die Zukunft des offenen Krieges zwischen al-Qaida und Washington aussehen wird", schreibt der Jordanier im Vorwort. Was er dann auf den Seiten 202 bis 213 vorlegt, ist ein Szenario, das von der Verblendung der Terroristen ebenso zeugt wie von ihrer brutalen Kompromisslosigkeit. In sieben Phasen, geht daraus hervor, hofft das Terrornetzwerk ein islamisches Kalifat zu errichten, welches zu bekämpfen die westliche Welt dann zu schwach sein wird. ... Die Vorstellung, al-Qaida könnte in 15 Jahren ein die gesamte islamische Welt umfassendes Kalifat errichten, ist absurd. In dem 20-Jahre-Plan spielen religiös begründete Vorstellungen eine überragende Rolle; mit der Wirklichkeit haben insbesondere die Phasen 4 - 7 kaum noch etwas zu tun. Einfach vom Tisch wischen sollte man die Erkenntnisse Husseins aber auch nicht. Einige Schritte, die in der Agenda zusammengetragen wurden, sind plausibel. Dass Syrien in den Blickpunkt der Mudschahidin gerät, gilt unter einigen Experten als wahrscheinlich. "Schließt die Reihen, konzentriert euch auf die Rekrutierung, gründet Zellen!", heißt es etwa in einem Aufruf "an die Mudschahidin in Syrien", der Anfang August auf einer Internetseite verbreitet wurde. ... Die Vorstellung, al-Qaida würde sich gegenwärtig immer mehr zu einer Bewegung entwickeln und für junge, frustrierte Männer an Attraktivität gewinnen, ist ebenfalls nicht aus der Luft gegriffen. Das Netzwerk steckt viel Aufwand in seine Propaganda - offenbar, wie man nun mit etwas mehr Gewissheit vermuten darf, in der Absicht, seine Basis zu erweitern. Interessanterweise finden Großanschläge gegen den Westen in den Antworten an Fuad Hussein keine Erwähnung. Wegdenken darf man sie sich deswegen wohl kaum - sie gelten für al-Qaida aber anscheinend eher als Begleitung ihrer Aktivitäten auf dem Weg zur Errichtung des Kalifats. Anschläge wie in New York, Madrid und London wären demnach nicht der Grund, aus dem al-Qaida sich gebildet hat, sondern Mittel zum Zweck - Etappenziele auf dem Weg zur totalen Verunsicherung des Westens. Al-Qaida ist heute schwieriger einzuschätzen als je zuvor: Die Organisation ist in Filialen und lose angebundene Zellen zerfallen, verwandte Organisationen gehen in ihr auf, Menschen, die vorher mit al-Qaida kaum etwas zu tun hatten, führen in ihrem Namen Anschläge durch. Von der "Zentrale" ausgesandte Direktiven sind nicht mehr vorstellbar, weil die Führung um Osama Bin Laden vor allem mit Überleben beschäftigt ist. Zugleich wird die Trennung zwischen Kadern und Sympathisanten immer unschärfer. Es ist leicht, auf Desinformation hereinzufallen - auch auf diesem Gebiet tut sich al-Qaida hervor. Das von Hussein entworfene Szenario ist nicht über jeden Zweifel erhaben. Seine Studie sollte man deshalb als das lesen, was sie in Wahrheit ist: ein Versuch, sich in die Gedankenwelten der Qaida-Terroristen hineinzuversetzen und aus diesen Vorstellungen ein Puzzle zusammenzusetzen, das Auskunft darüber gibt, was das Terrornetzwerk will und auf dem Weg dahin für nötig hält.
Der "Kampf der Kulturen" wird wohl auf jeden Fall noch eine ganze Weile weitergehen und sich verschärfen. Trotzdem mehr als einfallslos, dass Schröder bei seinem x-ten Wahlkampfauftakt nur mal wieder Bush-Bashing betreibt und dabei allein Irak mit Iran austauscht. Für wie dumm hält der die Wähler denn? An dieser Stelle soll nicht unerwähnt bleiben, dass der Spindoktor zum "Mitarbeiter des Monats" des Medienphänomens und Bundteskanzlers Gerhardt Schröder gekürt wurde.

Hannah Arendt Revisited: Überwachung und totalitäre Propaganda: Ihr Ziel habe die totalitäre Propaganda nicht erreicht, sagt Arendt, "wenn sie überzeugt, sondern wenn sie organisiert: 'Sie ist die Kunst der Machtbildung ohne den Besitz der Machtmittel'". Wenn ein öffentlicher Diskurs wie der über Sicherheit zu einem bestimmten Zeitpunkt eine bestimmte Präsenz in den Medien erreicht hat, beginnt er sich selbst am Leben zu erhalten und an Macht zu gewinnen. Diese sich selbst erhaltende (autopoietische) Stufe der Produktion und Präsenz eines Diskurses richtet immer mehr Ereignisse und Aufmerksamkeiten auf die Sicherheitsperspektive aus. Gelingt das Anzapfen und Ausrichten der Aufmerksamkeiten, beginnt die der totalitären Propaganda inhärente "Kraft" zu wirken, von der Arendt sagt, dass sie die Menschen, die mit jedem neuen Unglücksschlag leichtgläubiger würden, "imaginär von der wirklichen Welt abzuschließen" beginne.

Passend dazu: Der Ober-Neokonservative William Kristol fordert im Weekly Standard, dass Bush seinen getreuen Rumsfeld in die Wüste schicken soll, weil der nicht mehr so richtig am "Krieg gegen den Terror" und an den Träumen vom Aufbau des westlichen Musterdemokratielandes Irak festhält.

Neue 9-11-Einblicke: Vast Archive Yields New View of 9/11. Faced with a court order and unyielding demands from the families of victims, the city of New York yesterday opened part of its archive of records from Sept. 11, releasing a digital avalanche of oral histories, dispatchers' tapes and phone logs so vast that they took up 23 compact discs.

2005-08-12

Angst vor dem Springer-Moloch und der schwarzen Republik

--- Die Zeit widmet ihr Dossier diese Woche der geplanten enormen Vergrößerung des Springer-Imperiums durch den vor einer guten Woche angekündigten Wunsch zur Übernahme von ProSiebenSat1. Dabei geht es viel um die Bild-Zeitung, die alten Kirch-Zeiten und Medienmacht allgemein:
Es ist ein Geschäft, das die Reichweite, die wirtschaftliche Basis und die publizistische Macht des Springer-Konzerns immens erweitern wird. Im vergangenen Jahr hat die größte private Senderfamilie, bestehend aus ProSieben, Sat.1, kabel eins, N24 und 9Live durchschnittlich 21,8 Prozent aller deutschen Zuschauer erreicht. Auf dem Werbemarkt ist dieses Publikum so wertvoll, dass die Sendergruppe bei den Werbeeinnahmen seit langem an der Spitze liegt, in den ersten sechs Monaten dieses Jahres fast 45 Prozent aller TV-Werbegelder abschöpfen konnte. Der Umsatz des TV-Unternehmens lag im vergangenen Jahr bei 1,8 Milliarden Euro, der Jahresüberschuss bei 133 Millionen. Ausgerechnet Springer! Der Name allein ist ein Reizwort seit mehr als 40 Jahren. ... Springer ist nicht Hugenberg, doch der neue Medienriese verbreitet Furcht und Unbehagen. Die wichtigen Fragen lauten: Wird Springer das neue Herrschaftsgebilde straff führen und im Sinne einer konservativen Politik einsetzen? Werden die Themen des »Leitmediums« Bild nach einer Übergangszeit an die Fernsehsender generalstabsmäßig weitergereicht? So, als seien alle Medien des Konzerns »eine Großfamilie«, wie die konservative Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vermutet, »wenn einer angegriffen wird, fühlen sich alle angegriffen«? »Diese Konzentration ist nicht gut für das Land«, sagt einer, der es wissen muss. Medienmanager Jürgen Richter kennt den Verlag von innen. Er führte den Springer-Konzern von 1994 bis 1998 als Vorstandschef, bis er das Haus im Streit verlassen musste. Über seine Nachfolger urteilt er: »Die wollen eine andere Republik, eine schwarze Republik. Deren Behauptung, das sei nicht der Fall, glaube ich nicht.« ... In der Demokratie geht alle Macht vom Volke aus, bei Bild vom so genannten Balken, jenen Tischen, an denen die leitenden Redakteure des Blattes jeden Tag die Welt erfinden und erklären. ... Kritiker wie Udo Röbel, Bild-Chefredakteur von 1998 bis Ende 2000, sieht eher wirtschaftliche Ambitionen als politisches Machtstreben bei Springer. Die Generation, die jetzt im Unternehmen das Sagen hat, nennt Röbel »die Winner-Generation«: um die 40 oder knapp darüber, zwar irgendwie konservativ, aber nicht ideologisch. Nicht um eine Mission gehe es Leuten wie Diekmann, sondern darum, »zu zeigen, wer die Kerle mit den dicksten Muskeln sind«. Außerdem glaube er nicht, »dass diese Leute Sendungsbewusstsein haben. Die wollen mitspielen, die sehen das als große Spielwiese. Döpfner gefällt sich als Global Player.«
Wie man es auch nimmt, als große Bedrohung der publizistischen Vielfalt oder als "reine" Wirtschaftsstory, in der Haut des Kartellamt-Chefs möchte ich momentan nicht stecken.

Ebenfalls in der Zeit - Berlusconi Revisited: Silvio und die Chinesen. Deutsche Verhältnisse in Italien: Das Land steckt in einer tiefen Krise. Ein Lagebericht aus dem Veneto.

Enttäuschung über Politiker-Blogs: Noch keine Bereicherung der Blogosphäre und Wenn Politiker bloggen gehen... Und trotzdem: Die grüne Spitze will nun doch auch noch bloggen, doch das Blog wird gleich mal gewartet.

Medienwirklichkeiten: Wikipedia-Gründer Jimmy Wales wehrt sich gegen die Verhunzung einer Äußerung von ihm zum angeblichen "Einfrieren von Artikeln" durch die Süddeutsche Zeitung und Reuters.

Transfers im Auge behalten: Vorsicht bei Zwischenlandung in den USA. Ausländer, die auf internationalen Flügen in den USA umsteigen müssen, haben praktisch keine Rechte und müssen mit Übergriffen bis hin zur (leichten) Folter rechnen.

Noch immer keine "Exit-Strategie" beim Irak-Abenteuer: In Iraq, No Clear Finish Line. The Bush administration has sent seemingly conflicting signals in recent days over the duration of the U.S. deployment to Iraq, openly discussing contingency plans to withdraw as many as 30,000 of 138,000 troops by spring, then cautioning against expectations of any early pullout.

Fehlt im Osten die Zivilgesellschaft? Das andere Deutschland. Das Problem: Edmund Stoiber hat es im Osten mit Menschen zu tun, die er politisch nicht einschätzen kann. Warum der Ostwähler dem Westen ein Rätsel bleibt.

2005-08-11

Stoiber vs. die dummen Ost-Frustrierten

--- Nach Merkels Brutto-Netto-Patzer und Schönbohms Proletarisierungsarie tritt -- es war kaum anders zu erwarten -- nun Edmund Stoiber in die Fettnäpfchen und macht sich Feinde im Osten. Auf einer Wahlveranstaltung hatte der bayerische Alleinherrscher vor dem Hintergrund des Umfragehochs der Linkspartei in Ostdeutschland gesagt: "Ich akzeptiere nicht, dass der Osten bestimmt, wer in Deutschland Kanzler wird. Die Frustrierten dürfen nicht über Deutschlands Zukunft bestimmen." Und legte noch nach: "Leider haben wir nicht überall so kluge Bevölkerungsteile wie in Bayern." Nun geht die übliche Spindoktorei los:
CSU-Generalsekretär Markus Söder versuchte in der Nacht zum Donnerstag, die Äußerungen Stoibers gerade zu rücken. Mit dem Wort "Frustrierte" habe Stoiber die Spitzenkandidaten der Linkspartei, Oskar Lafontaine und Gregor Gysi, bezeichnet und nicht die Menschen in Ostdeutschland. Die CSU akzeptiere nicht, dass ein ausgewiesener Gegner der deutschen Einheit wie Lafontaine und in seinem Schlepptau Gysi die Menschen in Ostdeutschland mobilisieren wollten, um über ein Linksbündnis zu bestimmen, wer Kanzler in Deutschland werde. Es sei absurd, daraus eine Beleidigung der Menschen in Ostdeutschland zu drechseln. Alles andere sei abwegig und eine bewusste Fehlinterpretation. Der Chef der Mittelstandsunion, Hans Michelbach (CSU), äußerte sich ähnlich. Stoiber sehe in den Ostdeutschen keine "Wähler zweiter Klasse", sagte Michelbach am Donnerstag im Deutschlandradio Kultur. ... In den Reihen von SPD und Grünen wurde Stoibers Äußerung dagegen als Affront gegen die Ostdeutschen gewertet, die nach jüngsten Umfragen die Linkspartei und nicht die Union zur stärksten Kraft wählen wollen. ... CDU-Generalsekretär Volker Kauder hatte am Vorabend im ZDF wortreich eine Stellungnahme zum Stoiber-Zitat vermieden.
Bei Merkel machen Kommentatoren dagegen eine "sprachliche Abrüstung" im Wahlkrampfkrieg aus.

Und sonst: Bushs Ranch im Belagerungszustand: "Ich will George sprechen". Cindy Sheehan, die im Irak-Krieg ihren Sohn verloren hat, ist das neue Symbol der US-Friedensbewegung.

Pakistan will anscheinend nicht mehr der Hinterhof bin Ladens sein: Osama Bin Laden hat angeblich Pläne, sein afghanisches Versteck aufzugeben und statt dessen im Irak Unterschlupf zu suchen. Das schreibt die pakistanische Zeitung "Daily Mail" und beruft sich auf den Bericht des israelischen Geheimdienst-Netzwerkes DEBKAfile. Die "kodierten elektronischen Signale", zitiert die Zeitung ihre israelische Quelle, "die in den letzten Tagen zwischen Al-Qaida-Elementen des Mittleren Ostens über geheime Internet-Seiten ausgetauscht wurden, enthalten alle die gleiche Botschaft: Der oberste Führer, Osama Bin Laden, hat sein Versteck in Afghanistan verlassen und ist auf dem Weg in den Irak".

Zur Verschärfung der Krise im Mittleren Osten: Interview mit Abrüstungs-Experte Meier: ''Das Irak-Szenario ist in Iran unrealistisch'' und Moskau mahnt Iran zu Zurückhaltung. Teheran setzt umstrittenes Nuklearprogramm fort. Siehe auch: IAEA will Iran-Resolution beschließen. Annan: Weiter verhandeln.

2005-08-10

Blogger vs. Firmen: "Omnipräsenter Feind"

--- Richard Levick, der im Namen seiner eigenen PR-Firma schon schwere Fälle wie Napster, die katholische Kirche oder die Neuauszählung bei den Wahlen in Florida "betreute", warnt im Legal PR Bulletin vor konzertierten Blogger-Attacken gegen Firmen. Ein "virtueller omnipräsenter Feind" enstehe im Internet, auf den man sich einstellen müsse (der Jamba-Fall läßt grüßen):
Blogs by themselves should not give rise to fear. But when well coordinated they may be an early warning sign of things to come. Your client has to track them carefully to understand what may be in store. ... It is only a matter of time before blogs become commonplace weapons allowing well-organized adversaries to both disseminate and preserve shrewder anti-corporate messages. One recent blog, for example, attacks a plan by FedEx to build a hub at the Piedmont Triad Airport in Guilford County, North Carolina. Guilford County is a sprawling community that cannot easily convene town meetings to debate development projects. The blog is a natural substitute, especially for these typically computer-literate citizens. There’s also a local newspaper, the News & Record, that everybody reads and that can be counted on to inform its audience of the blog’s existence. The FedEx experience is illustrative for a larger reason as well. NGOs have often been marginalized as radicals. But because blogs are pure stealth warfare, people who might never choose to ally themselves with activists are more susceptible to their messages. After all, they don’t see their faces or know their real names. The NGOs are but one possible adversary. Labor unions and plaintiffs’ counsel are others. ... Success breeds growth. As the blogs get more hits, they grow broader and deeper. A wealth of resources is soon added to the page, such as op-ed pieces selectively posted to convey thirdparty imprimatur. The blogs then begin to look and feel legitimate. For reporters, they become useful sources of information even though they aren’t exactly impartial sources of information. Tactically, blogs pose far greater threats than any other kind of online attack.
"Pure Stealth Warfare", so, so. Gegenmaßnahmen hält Levick natürlich auch ein paar bereit. Passend dazu auch die Meldung, dass immer mehr Firmen von sich aus die Initiative ergreifen und eigene PR-Blogger anstellen, die ihr Haus in das bestmögliche Licht rücken. Links via PR Watch.

Dort auch gefunden: Neues vom Citizen (Open Source) Journalism: Kent Bye's "Echo Chamber Project" is attempting a new type of citizen journalism: an "open source, investigative documentary about the how the television news media became an uncritical echo chamber to the Executive Branch leading up to the war in Iraq." By "open source," Bye means that he is sharing both the transcripts and footage from his documentary with anyone who wants to use it or remix it with other footage as they see fit. He is also trying to "develop more sophisticated techniques for citizen journalism," include new software tools that will enable other collaborative efforts.

Und sonst: Neues Experiment zum Online-Wahlkampf: Electofix ist ein Wiki fürs kollektive Fact Checking der Wahlkampfaussagen der Politiker im Rennen um den neuen Bundestag. Auch die "sonstige Berichterstattung in den Medien" und Wahlblogs sollen kommentiert werden. Die Idee stammt von Tim Bonnemann. Via do-wire.

Auch von do-wire: Politics Online sucht die "Top 10 Who Are Changing the World of Internet and Politics".

Offene al-Qaida-Unterstützung in der Türkei: "[El] Kaide" Magazine Published Openly in Turkey. Herausgeber ist die "Great East Islamic Raiders Front".

Das Downing Street Memo jetzt auch in Lettre: Geheimsache Irak-Krieg. Ein Memorandum enthüllt das falsche Spiel mit Uno und Öffentlichkeit.

2005-08-09

Das Web als Waffe -- neues vom Terror-Netz

--- Nachdem der erste Teil der sommerlichen Serie der Washington Post zum Terrorweb wenig Neues brachte und sich der zweite vor allem dem Informationskrieg der Al-Qaida-Anhänger in Großbritannien widmete, wird es im ">dritten Teil noch mal aktueller mit einigen bislang kaum publizierten Details über die Professionalisierung der Online-Propaganda der Islamisten. Ein paar Auszüge:
The jihadist bulletin boards were buzzing. Soon, promised the spokesman for al Qaeda in the Land of the Two Rivers, a new video would be posted with the latest in mayhem from Iraq's best-known insurgent group. On June 29, the new release hit the Internet. "All Religion Will Be for Allah" is 46 minutes of live-action war in Iraq, a slickly produced video with professional-quality graphics and the feel of a blood-and-guts annual report. In one chilling scene, the video cuts to a brigade of smiling young men. They are the only fighters shown unmasked, and the video explains why: They are a corps of suicide bombers-in-training. As notable as the video was the way Abu Musab Zarqawi's "information wing" distributed it to the world: a specially designed Web page, with dozens of links to the video, so users could choose which version to download. There were large-file editions that consumed 150 megabytes for viewers with high-speed Internet and a scaled-down four-megabyte version for those limited to dial-up access. Viewers could choose Windows Media or RealPlayer. They could even download "All Religion Will Be for Allah" to play on a cell phone. ... Never before has a guerrilla organization so successfully intertwined its real-time war on the ground with its electronic jihad, making Zarqawi's group practitioners of what experts say will be the future of insurgent warfare, where no act goes unrecorded and atrocities seem to be committed in order to be filmed and distributed nearly instantaneously online. Zarqawi has deployed a whole inventory of Internet operations beyond the shock video. He immortalizes his suicide bombers online, with video clips of the destruction they wreak and Web biographies that attest to their religious zeal. He taunts the U.S. military with an online news service of his exploits, releasing tactical details of operations multiple times a day. He publishes a monthly Internet magazine, Thurwat al-Sinam (literally "The Camel's Hump"), that offers religious justifications for jihad and military advice on how to conduct it. ... By April, the al-Ansar bulletin board had become too well known as Zarqawi's outlet. The forum closed without notice. Alternatives quickly appeared. For a while, "mirror" sites emerged featuring many of the same users, with the same logins and passwords. They, too, disappeared. The al-Masada forum briefly took up the banner. Then participants began to warn that it had been breached by Western intelligence -- and the jihadists abandoned it, as well. The upheaval has resulted in a much more decentralized system for disseminating the bulletins from Iraq, with new boards constantly cropping up. As soon as a posting from Zarqawi's group appears now, dozens of new links to it are copied to the other jihadist sites within minutes, making for an intricate game of Internet cat-and-mouse. And even if the forums or fixed Web sites are temporarily out of commission, other ways still exist -- such as mass e-mails sent out several times a day with the latest in Iraq guerrilla videos, communiques and commentary from Yahoo e-groups such as ansar-jehad. While Zarqawi's group has moved away in recent months from videotaped beheadings of foreigners, the shock value of the Berg beheading has created a race for more and more realistic video clips from Iraq. Filming an attack has become an integral part of the attack itself. In April, a cameraman followed alongside an armed insurgent, video rolling, as they ran to the scene of a helicopter they had just shot down north of Baghdad. The one member of the Bulgarian crew found still alive was ordered to stand up and start walking, then shot multiple times on film as the shooter yelled, "This is Allah's judgment." The three-minute video from the Islamic Army of Iraq came at a time when many of the bulletin board sites were down; SITE Institute's Rita Katz found the link through the ansar-jehad e-group. "It's the exact reason why we built the Internet, a bargain-basement, redundant system for distributing information," said Kohlmann. "We can't shut it down anymore." Indeed, just last week, a notice went out on the jihadist bulletin boards: The Ansar forum that had disappeared in April was back up and running.

Neuwahlen - Ja oder nein?

--- Das Bundesverfassungsgericht hat das letzte Wort: Derzeit verhandeln die obersten Bundesrichter, ob Schröders Schachzug nun von Erfolg gekrönt sein wird, die vergangenen zarten Wahlkampfwochen irgendeinen Sinn hatten oder das Wahlvolk noch ein Jahr warten muss. Die Klagen gegen die Neuwahlen führen der grüne Bundestagsabgeordnete Werner Schulz und die SPD-Abgeordnete Jelena Hoffmann. Die Begründungen ihrer Anwälte jedenfalls lesen sich recht plausibel. Die FAZ beschreibt dies eindrücklich und in epischer Länge. Leider findet sich der Artilel nur im Bezahl-Archiv.
Gewinner des angelaufenen Wahlkampfes gibt es trotz allem schon. Matthias Machnig und Michael Spreng, Strippenzieher des vergangenen Bundestagswahlkampfes (Machnig für Schröder und Spreng für Stoiber) analysieren inzwischen in einer eigenen TV-Show einmal die Woche den laufenden Wahlkampf, Pannen und Erfolge der Protagonisten. Der "Wahlkampfcheck" läuft jeden Montag im RTL-Nachtjournal und dienstags bei n-tv.

Und noch ein Wahlkampf-Blog

--- Heute wird in Karlsruhe über die Auflösung des Bundestags und die geplante Neuwahl verhandelt -- dabei ist der Wahlkampf längst in vollem Gange. Ein wenig absurd ist das alles schon. Jedenfalls hat gestern noch ein weiteres Wahlkampf-Blog das Licht der Cyberwelt entdeckt, und zwar das Wahltagebuch der Heinrich-Böll-Stiftung. Aus dem Editorial: Der politische Meinungsstreit ist zu wichtig, um ihn allein den Parteien zu überlassen. Man will einen Beitrag leisten zu der angesichts der deutschen Unsicherheiten erforderlichen "großen gesellschaftlichen Debatte". Tagesaktuell macht sich heute Claus Leggewie Gedanken über Karlsruhe und die Folgen:
Das können die nicht machen, ist die feste Überzeugung aller Parteistrategen, die mit Wahlkämpfen schon begannen, bevor der Bundespräsident seine Entscheidung bekannt gegeben hatte. Das schafft Fakten, die auch Karlsruhe nicht ignorieren darf - meint man in Berlin. Karlsruhe darf. Auch wenn drei Verfassungsorgane - Kanzler, Bundestag, Präsident - die Weichen anders gestellt haben und Gerhard Schröder, wie er im Fernsehen proklamiert, „immer nur einen Plan A hat“. Diese Arroganz haben die europäischen Regierungschefs an den Tag gelegt, als das Volk zu entscheiden hatte. Karlsruhe muss eventuell sogar Nein sagen. Der große Schwachpunkt ist weniger die offensichtliche Farce der Vertrauensfrage, die nur zwei Abgeordnete nach Karlsruhe getrieben hat, es ist Schröders „Dokumentation“ seiner Regierungsunfähigkeit. Schröders Plan B wird sein: Rücktritt.
Na, erst mal abwarten, wann die Verfassungsrichter denn nun was entscheiden. Der Spindoktor darf demnächst auch einen Eintrag in das Wahltagebuch vornehmen.

Und sonst: Terrorverdächtiger mit Karten deutscher Städte gefasst. Plante er einen Terrorangriff in Deutschland? Schily dagegen: Terrorabwehr funktioniert in Deutschland gut -- auch ohne jahrelange Speicherung von Telefon- und Internetdaten.

Aber dann: Nachlässige Geheimdienste: Four in 9/11 Plot Are Called Tied to Qaeda in '00 In 2000, a military intelligence unit identified Mohammed Atta and three other future Sept. 11 hijackers as likely members of a cell of Al Qaeda operating in the U.S.

Überforderte Bundespolizei: Ertrunken im Datenfluss. Beim FBI werden so viele Daten gesammelt, dass niemand mehr in der Lage ist, sie sinnvoll zu sichten. Geeignete Übersetzer fehlen - und neue Übersetzer einstellen ist schwierig: man muss ja auch sie ersteinmal ausreichend überprüfen.

Großbritannien rüstet sich für einen "Aufstand" der Islamisten wie im Irak und macht seine Autofahrer hübsch überwachbar mit RFID-Chips auf den Kfz-Kennzeichen (zwar erst ein Test, aber der wird von möglichen Nachahmern wie den USA etwa schon genau beobachtet).

Die Süddeutsche Zeitung entdeckt den Citizen Journalisms, Videoblogging und sonstige soziale Software: Stunde der Amateure. Schon etwas älter über Web- und Warblogs aus der SZ: Die fünfte Gewalt. Via Netzpolitik.

2005-08-08

Who the f... is Gerhardt Schröder?

--- Ein gewisser Gerhardt Schröder wundert sich auf seiner Website über die zahlreichen und regelmäßigen Erwähnungen, die ihm in den Medien zuteil werden. Artig bedankt er sich immer wieder für den Hinweis in dem Artikel auf mich, auch wenn der Inhalt wiederum nur bedingt mit mir zu tun hat, und ernennt die Autoren der Berichte -- beispielsweise aus Spiegel Online oder der Berliner Zeitung -- zu "Mitarbeitern der Woche". Denn natürlich schreibt sich der Wahlkämpfer und Noch-Bundeskanzler Gerhard Schröder, der in den Artikeln wohl gemeint sein soll, ohne "dt" im Vornamen. Der Macher der Site sammelt die Verschreiber jetzt auf einer gesonderten Übersichtsseite, versehen mit dem Hinweis: Ich bitte alle Artikelschreiber, wenn Sie meinen Namen schon richtiger Weise mit “dt” schreiben, auch Bundteskanzler korrekter Weise mit “dt” zu schreiben ! Damit werden unnötige Verwechselungen vermieden! Auf der Kontaktseite bedankt sich der "Gerdt" zudem bei dem Berliner Jens Schnauber für die Gestaltung des Webangebots.

Und sonst: Telepolis hat die Linkszeitung jetzt auch entdeckt.

Terror.web -- jetzt mal von der Washington Post groß beleuchtet (aber viel Neues enthält der Artikel nicht): Terrorists Turn to the Web as Base of Operations. In the snow-draped mountains near Jalalabad in November 2001, as the Taliban collapsed and al Qaeda lost its Afghan sanctuary, Osama bin Laden biographer Hamid Mir watched "every second al Qaeda member carrying a laptop computer along with a Kalashnikov" as they prepared to scatter into hiding.

Noch mehr Terrorweb: Rekrutierung für den Krieg?Bilder vom Krieg und Terror im Internet: iFilm hat die Rubrik "Warzone" eingerichtet, Beliebigkeit ist die Devise.

Schwergewichtige Lobby-Unterstützung für die Demokraten in den USA: Rich Liberals Vow to Fund Think Tanks. At least 80 wealthy liberals have pledged to contribute $1 million or more apiece to fund a network of think tanks and advocacy groups to compete with the potent conservative infrastructure built up over the past three decades. The money will be channeled through a new partnership called the Democracy Alliance. Update: Auch diese Story findet sich inzwischen in Telepolis.

Konfrontationskurs weiter im Mittleren Osten: Iran weist EU-Vorschlag zum Atomstreit zurück. Iran hat den von den Europäern vorgelegten Kompromissvorschlag im Streit um das Atomprogramm des Landes abgelehnt. Er sei "inakzeptabel" und entspreche nicht einmal den Mindesterwartungen Teherans, sagte ein Sprecher des Außenministeriums.

2005-08-06

Watchblog für Spiegel Online am Start

--- Die Macher von Blogs wie Medienrauschen oder IT & Witchcraft schauen den Redakteuren bei Spiegel Online ja schon seit längerem immer wieder auf die Finger. Doch jetzt gibt es den Versuch, ein eigenes Watchblog allein für die Netzwelt-Sparte des Online-Magazins auf die Beine zu stellen. Der Begründer des Blogs Der Netzwelt-Spiegel, Florian Cramer, denkt dabei an eine kollektive Fehlersuche und sucht noch Mitstreiter. Selbst hat er mit zwei Einträgen schon mal losgelegt, zu der seltsamen Windows-Vista-"Viren"-Story und zu einer Wikipedia-Story bei Spiegel Online. Zum Vergleich zieht Cramer regelmäßig den Heise-Newsticker heran. Ein Auszug:
SPIEGEL ONLINE schlägt Alarm im heutigen "Netzwelt"-Aufmacher: "Sicherheitslücke - Erster Windows-Vista-Virus aufgetaucht". Konkret geht es um Skripte für die neue Windows-Befehlszeilenumgebung MSH (zu der es einen informativen Wikipedia-Artikel gibt), die in kommenden Windows-Versionen die alte MSDOS-Kommandobox ersetzen soll. Zwar relativiert SPIEGEL ONLINE die eigene Schlagzeile im selben Artikel und meldet, dass es sich bei den fünf "Danom" genannten Viren lediglich um "so genannte Proof-of-Concept-Viren" handele, die "nur geringe Schäden" verursachten. Und womöglich werde die MSH-Umgebung in Windows Vista noch gar nicht enthalten sein. Die Schlagzeile wird aber nicht nur durch den Artikel, sondern auch durch die technischen Fakten konterkariert. Die Meldung von der "Sicherheitslücke" ist in diesem Fall schlicht falsch.
Ob Cramer mit dem Einfall an den Erfolg des Bild-Blogs anknüpfen kann (oder überhaupt will ;-?) Update: einen spezifischen Spiegel-Online-Artikel hat sich auch ein London-Blogger gerade mal vorgenommen.

Und sonst: Terrorabwehr vs. Grundgesetz. Wie viel Überwachung verträgt der freiheitliche Rechtsstaat?

Hat der Bürger-Journalismus schon wieder ausgedient? Dies vermutet zumindest der südafrikanische Medienprof Vince Maher. Anscheinend ist sein Essay Citizen Journalism Is Dead! aber so provokativ, dass es momentan gar nicht erreichbar ist. Mehr dazu bei Poynter Online. Dort wird aber auch gleich auf die Site OurMedia.org hingewiesen, die freien Speicherplatz unter anderem für Projekte im Bereich Bürger-Journalismus für Podcaster, Video-Blogger, Autoren, Fotografen etc. zur Verfügung stellt.

Neues von der CIA-Rove-Affäre: Der US-Kolumnist Robert Novak, ein Freund von Karl Rove, der die ganze Geschichte mit ins Rollen gebracht hatte, stürmte am Donnerstag aus einem Interview mit CNN davon. Er fühlte sich anscheinend in die Enge getrieben. Hintergründe bei PressThink.

Medienaktivisten revisited: Aufstieg und Grenzen der "Kommunikationsguerilla". Eine Ausstellung in Berlin über die "Semiotik des Widerstands"

Mehr Pentagon-Propaganda: Drehbücher schreiben im Dienst der Wissenschaft. Um Jugendliche für Naturwissenschaften zu begeistern, schult das Pentagon Wissenschaftler in der Kunst des Drehbuchschreibens.

Exponentielles Blogwachstum: Moore's Law Hits Blogosphere. The Real Explosion May Be Yet To Come.

Nur das Kartellamt kann das Springer-Imperium noch stoppen: Macht über Wort und Bild. Der bedenkliche Zugriff des Springer-Verlags auf das private Fernsehen: Hier wächst zusammen, was nicht zusammengehört, wenn die Meinungsvielfalt erhalten bleiben soll.

Bush vs. Datenschutz: A civil-liberties board ordered by the U.S. Congress last year has never met to discuss its job of protecting rights in the fight against terrorism, and critics say it is a toothless, underfunded shell with inadequate support from President Bush.

Die Richter wissen Bescheid: Montana Supreme Court justice warns Orwell's 1984 has arrived. Believe it or not, it's perfectly legal for police to rummage through your garbage for incriminating stuff on you -- even if they don't have a warrant or court approval.

2005-08-05

TV-Duell und kein Ende

--- Nun soll es doch noch ein zweites TV-Duell geben, allerdings ohne Merkel - und ohne Schröder. Vor allem wird es gar kein Duell sein, sondern ein Wettstreit unter Dreien. Wie ARD und ZDF berichten, soll es am 8. September ein solches Spektakel zwischen Guido Westerwelle (FDP), Joschka Fischer (Grüne) und Oskar Lafontaine (Die Linke.PDS) geben. Wenn sie auch nicht inhaltsreich sein sollte, so dürfte diese Runde doch hoch amüsant werden. Die Frage bleibt: Wer wird die Nummer Drei im Bundestag sein?

Al-Qaida droht mal wieder

--- Bin Ladens linke Hand, der Terrordoktor Ayman al-Zawahri, hat mal wieder ein Video an al-Dschasira geschickt, in dem er blutige Warnungen insbesondere in Richtung London und Washington, aber letztlich gegen alle Länder mit "Besatzungstruppen" in Afghanistan und Irak ausgestoßen:
"Blair's policies brought you destruction in central London and will bring you more destruction ... ," al-Zawahri, Osama bin Laden's deputy, said in a tape aired on Aljazeera. "What you have seen in New York, Washington and Afghanistan, are only the initial losses and if you (United States) continue the same hostile policies you will see what will make you forget those horrors," he said in reference to the 11 September 2001 attacks. He said bin Laden had offered a truce to Western countries asking them to pull out their armies from Iraq and Afghanistan in order to live in peace. "Our message to you is clear, strong, and final: There will be no salvation until you withdraw from our land, stop stealing our oil and resources, and end support for corrupt rulers," al-Zawahri added. Zawahri, who in the footage appeared to be standing outside with an assault rifle at his side, also warned the Americans of horrors worse than the war in Vietnam.
Agenturmeldungen auf deutsch gibt es natürlich auch dazu, Beim NEIN schließt man aus der Tatsache, dass Zawahri dieses Mal einen schwarzen statt wie in seinen bisherigen Ansprachen einem weißen Turban trägt, dass mit der Drohung nicht zu spaßen sei. Aber letztlich sind die ganzen Terrorvideos doch auch zu einem eingefahrenen Ritual geworden. Und nichts Genaues weiß man natürlich nicht.

Und sonst: "Wir sind im Krieg". US-Präsident Bush will am "Krieg gegen den Terror" festhalten, nachdem Berater für eine andere, weniger einseitig militärisch ausgerichtete Terminologie wie dem "Kampf gegen gewalttätigen Extremismus" plädiert hatten.

Merkels Blödsinn und das Schlafen der Medien: Sinkende Bruttolöhne und steigende Inkompetenz. Die CDU-Kanzlerkandidatin steckt im Formtief - Deutschlands Presse bei ihrer Wahlkampfberichterstattung offensichtlich auch.

Kommerzieller Bürger-Journalismus - geht das? Citizen scoops. A new online photo agency wants to sell your amateur snaps to the mainstream media (Im Guardian, via Dienstraum).

Interessante Veranstaltung zum We-Media-Hype in New York Anfang Oktober - aber knapp 700 Euro allein Teilnahmegebühr ohne Presseakkreditierungsmöglichkeit? Dat wird wohl nix.

Stillstand beim Governator: A hard slog. The governor is struggling to get his reform plan through.“FANTASTIC” remains the governor of California's favourite word. So is Arnold Schwarzenegger smoking something other than his customary cigar?

2005-08-04

Schönbohm redet sich um Kopf und Kragen

--- Nach dem Brutto-Netto-Wechselspiel der CDU bei einem inzwischen überall aufgekochten Fehler Angies (die anscheinend auf den Versprecherpfaden Stoibers wandelt) hat die Union nun einen weiteren großen Patzer im Wahlkampf. Ex-General Jörg Schönbohm redet sich angesichts der grauenhaften Kindsmorde in Brandenburg gerade um Kopf und Kragen. Erst sah er eine Ursache der Tat in der "Proletarisierung" des Ostens durch das SED-Regime und machte sich damit zur Zielscheibe bei politischen Gegnern wie Freunden. Jetzt rudert der brandenburgische CDU-Innenminister kräftig rhetorisch umher:
Im ZDF-Morgenmagazin sagte der CDU-Politiker, die DDR sei ein totalitäres System gewesen. Darin sei das Thema Wertevermittlung sehr kleingeschrieben gewesen, der Staat habe die Werte vorgegeben. Man sei in diesem Staat gut damit gefahren, „wenn man nicht zu sehr Anteil nahm am Nachbarn oder anderen Dingen“. Schönbohm forderte eine stärkere Konzentration auf die „Zivilgesellschaft“.
Das ist natürlich schon eine gravierende Kehrtwende: einer der größten Verfechter eines Überwachungsstaates nach Stasi-Muster fordert nun eine Stärkung der sich immer wieder gegen "Big Brother" zur Wehr setzenden Zivilgesellschaft. Das zumindest sollte man im Hinterkopf behalten. Einen von zahlreichen lesenswerten Kommentaren gibt es bei Zeit.de.

Und sonst: Selbstinszenierungskünstler: Wir werden ihn vermissen. Er hat Stil, und er hat seinen eigenen Stil. Gerhard Schröder ist, nach über 30 Jahren Politik und sieben Jahren Kanzlerschaft, ein Gesamtkunstwerk.

Irak-Widerstand gewinnt weiter an Schlagkraft: Insurgents Using Bigger, More Lethal Bombs, U.S. Officers Say. The explosion that killed 14 marines in Haditha yesterday was powerful enough to flip the 25-ton amphibious assault vehicle they were riding in, in keeping with an increasingly deadly trend, American military officers say.

Wende in Ohio? All Political Eyes Again Turn to Ohio. A Republican narrowly wins a congressional race in a heavily GOP district. Heartened Democrats say the result may signal a backlash.

US-Supreme-Court-Kandidat liberaler als gedacht? Oder ohne Rückgrat? Supreme Court nominee John G. Roberts Jr. worked behind the scenes for gay rights activists, and his legal expertise helped them persuade the Supreme Court to issue a landmark 1996 ruling protecting people from discrimination because of their sexual orientation.

Wired über Milblogs: The Blogs of War. On the 21st-century battlefield, the campfire glow comes from a laptop. It's a real-time window on life behind the lines - and suddenly the Pentagon is on the defensive.

2005-08-03

TV-Duell: Einmal reicht!

--- Der Kanzler gibt sich versöhnlich: In der Diskussion um die Frage, wie viele TV-Duelle es nun zwischen ihm und seiner Herausforderin geben soll, reicht ihm nun doch ein TV-Duell. "Wenn Frau Merkel weder Zeit noch Lust hat, sich zwei TV-Duellen zu stellen, dann soll es eines sein“, sagte Regierungssprecher Béla Anda am Mittwoch vor Beginn der abschließenden Gespräche zwischen denParteienvertretern und den wichtigsten Fernseh-Anstalten. Als Kompromiss zeichnet sich wohl ab, dass es ein Duell in Überlänge werden könnte. Ob das gut ist? So mancher Krimi endete schon als Flop, weil sich das Ende einfach nicht fand. Schörder dürfte es gleich sein: Er tingelt derzeit durch die Tageszeitungen und Fernsehsender, um seinen ganz persönlichen Wahlkampf zu absolvieren. Kommende Woche darf er eine dreiviertel Stunde allein seine Position in der Münchner Runde des Bayerischen Rundfunks darlegen. Wer braucht da noch eine Gegnerin?
UPDATE: Das einzige direkte Aufeinandertreffenzwischen Schröder und Merkel vor den TV-Kameras soll am 4. September um 20.30 Uhr stattfinden und 90 Minuten dauern. Da kann von Überlänge keine Rede sein. Für das Duell werden die Sender ARD, ZDF, RTL und Sat.1/Pro7 "gleichgeschaltet", um das Ereignis gleichzeitig zu übertragen. Moderiert wird es wegen der Parität von jeweils einem Moderator der jeweiligen Sendeanstalt. Mal sehen, ob sie zu Viert härter fragen als Christiansen allein.

Nach der Linkspartei die Linkszeitung

--- Ein neues Online-Magazin hat das Licht der Internetwelt erblickt: Die Linkszeitung. Inwiefern es dort wirklich mehr gibt als selektiv ausgewählte Agenturmeldungen und kurze Newshäppchen, lässt sich zwei Tage nach dem Start noch nicht so recht ausmachen. Ganz auf Linie der Linkspartei will man jedenfalls nicht liegen, wie Chefredakteur Werner Jourdan betont:
„Wir machen eine Online-Zeitung für jedermann“, sagt Werner Jourdan (50), frisch gebackener Chefredakteur der Linkszeitung. „Nur die etwas andere Perspektive, die Sicht von unten und die Parteinahme für die vermeintlich kleinen Leute, unterscheidet uns von anderen Nachrichtenmedien“, so der gelernte Zeitungs- und Hörfunkjournalist. Die Linkszeitung will ansonsten von Parteien und Politikern unabhängig bleiben. „Wir nehmen uns einfach die Pressefreiheit“, sagt Jourdan und verspricht seinen Lesern: „Wir werden gründlich recherchieren, frech schreiben und uns durch nichts und niemand kaufen lassen.“
Angestoßen wurde das Projekt von einer "Hand voll Journalisten und Webprogrammierer, die sich aus einem politischen Internet-Forum kannten." Der Blick ins Impressum zeigt keine besonders bekannten Namen. Via Dialog International.

Und sonst: Geschichte wird gemacht: Die Wiederentdeckung des Imperiums. Eine alte Herrschaftsstrategie erobert das 21. Jahrhundert. TP-Rezension vom neuen Münkler-Buch "Imperien. Die Logik der Weltherrschaft – vom alten Rom bis zu den Vereinigten Staaten".

Ab- und durchgeknallt: US-Journalist im Irak entführt und getötet. Bei seinen Recherchen in der südirakischen Stadt Basra ist ein US-Journalist entführt worden. Stunden später wurde seine Leiche gefunden.

Fatale Reaktionen: Gewalt gegen Muslime sprunghaft gestiegen. Seit den Londoner Anschlägen registriert die britische Polizei vermehrt Drohungen, körperliche Attacken oder Sachbeschädigungen.

Rot-Grüne Errungenschaften: Reformbaustelle Deutschland: Homos sind gleich, Heterosexuelle gleicher. Der Ruf nach Reformen ist allgegenwärtig. Aber was kam unter der rot-grünen Regierung in den vergangenen sieben Jahre zustande, und was muss noch angepackt werden?

Schöner lauschen: USA errichten Abhörstation in Algerien. Insgesamt 1000 US-"Militärberater" sollen in Nordafrika gegen Terroristen kämpfen

Ungereimtheiten bei der Aufklärung einer angeblichen Attentatvorbereitung in den USA: The Incident Near Tinker Air Force Base – My Conversation With The Eyewitness: “My Life Will Never Be The Same”

CDU mag keine Weblogs - oder doch?

--- CDU-Generalsekretär Volker Kauder hat heute mit seinem teAM den Online-Wahlkampf seiner Partei mit leeren Versprechen gestartet -- unter www.leere-versprechen.de war heute mittag zumindest die CDU-Site selbst zu erreichen. Inzwischen führt sie aber auf die richtigen Inhalte. Als hohl erkennen sollen die Wähler nämlich natürlich eigentlich die Ankündigungen von Rot-Grün. Besonders innovativ erscheinen die Netzbemühungen nicht, zumal die SPD ja bereits mit der falschen-Wahl.de vorgeprescht war. Dem Blogger-Hype im Wahlkampf (man verliert ja wirklich langsam die Übersicht, welcher Politiker sich da nicht inzwischen alles in der persönlicheren Wähleransprache mit eigenem Online-Journal versucht -- die Übersicht bei Kampagne 05 ist da recht hilfreich) wollen sich die Christdemokraten laut Marketingchef Stefan Hennewig jedenfalls entziehen:
Er glaube nicht, dass die Vorführpolitiker anderer Parteien tatsächlich ihr Wahlkampftagebuch selbst schreiben. "Daran kranken die gefakten Weblogs ein wenig", konstatiert der Politmarketing-Experte. Man dürfe die Wähler auch nicht hinter Licht führen, pflichtete ihm Kauder bei: "Solide, anständig und korrekt muss es im Online-Wahlkampf zugehen."
Update: Nur seltsam, dass die CDU/CSU-Fraktion gleichzeitig eine anscheinend von Politikerscreen und Blog.de lancierte PM herausgibt und darin schreibt: Weblogs erhalten eine größere Bedeutung in der politischen Online-Kommunikation ... Abgeordnete der Unionsfraktion beteiligen sich an zahlreichen politischen Blogs. Das mit der Koordination im Wahlkampfgetöse lernen wir wohl noch. Mehr zum Thema im Pottblog und bei lautgeben. Und peinlich das stümperhafte Spindoktoring rund um ein Merkel-Zitat auf der relaunchten Site.

Und sonst: Wieder Probleme mit dem Mullahs: EU droht Iran mit Abbruch der Atomgespräche. Bundeskanzler Gerhard Schröder hat die Lage im Atomstreit mit dem Iran als bedrohlich bezeichnet und die Regierung in Teheran zum Einlenken gedrängt. Passend dazu auch in der WaPo: Iran Is Judged 10 Years From Nuclear Bomb. U.S. Intelligence Review Contrasts With Administration Statements.

Insulin für bin Laden: Christian G. aus Duisburg -- Osamas deutscher General.

2005-08-02

Schröder ohne Merkel - Das TV-Duell

--- Wenn es derzeit etwas in Sachen Wahlkampf gibt, was die Medien zu Berichten verleitet, dann ist es das TV-Duell. Bundeskanzler Gerhard Schröder und Kanzlerkandidatin Angela Merkel duellieren sich derzeit öffentlich zu der Frage, ob sie ein TV-Duell wollen, oder zwei ... Im Zweifel komme er auch alleine, gab Schröder Anfang der Woche zu verstehen, als Merkel sich nur auf ein Duell festlegen wollte. Die Motive Schröders sind dabei verständlich: Am Sonntag abend durfte er angenehm bei "Christiansen" plaudern (5,2 Millionen schauten zu) und sich als Medienprofi geschickt in Szene setzen. "Schröder, den Mann, den sie Medienkanzler nannten, bot eine Performance, von der jeder Außendienstmitarbeiter etwas lernen kann", resümiert die Süddeutsche. "Schrödersolo - Der Kanzler hält Hof bei Christiansen", titelt die FAZ.
Wen interessieren schon die Fragen, wenn man seine Botschaften transportieren will und sich, Schröder, als Programm präsentiert und lieber kein Wort über die treulose Fraktion oder die rebellierende Parteilinke verliert? Das Handelsblatt schreibt heute: "Der erste große Fernsehauftritt des Bundeskanzlers im Wahlkampf lässt erahnen, weshalb den Beratern der Unions-Herausforderin Angela Merkel so sehr vor den TV-Duellen graust. Die Kandidatin hat sich kurz zuvor in einem Fernsehinterview wieder einmal verhaspelt, als sie versprach, durch die Reduzierung der Lohnnebenkosten würden „für alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer die Bruttolöhne um ein Prozent sinken“, was diesen Spielraum für die private Altersvorsorge verschaffe. Als am Ende des Gesprächs ihre Anspannung weicht, sackt Merkel in sich zusammen. Schröder hingegen steht am Schluss der Sendung auf, tritt einen Schritt in Richtung Publikum und ballt mit perfekt inszeniertem Medienlächeln die beiden Hände zum Siegeszeichen."
Schröder reagiert entsprechend gelassen, wenn die Sprache auf das TV-Duell kommt. „Mein ernsthafter Vorschlag wäre: Wenn Frau Merkel keine Zeit hat, soll sie doch Herrn Stoiber zum zweiten Duell schicken“, sagte Schröder in einem Interview mit der Passauer Neuen Presse. Denn er weiß: Im Fernsehen kann er nur punkten. "Es ist eine verkehrte Welt, der man nur entflieht, wenn man den Fernseher einschaltet und dem Kanzler zuhört. Bei Hören und sehen kann einem da glatt der Blick aufs Wesentliche der Lage vergehen und darauf, wie es überhaupt gekommen ist, dass wir am 18. September Wahlen haben. Unser Tip: Jeden Tag bis zum 18. September eine Stunde Schröder im Fernsehen, und die SPD schafft die absolute Mehrheit", schreibt die FAZ.

2005-08-01

US-Bundesrichter outet sich als Blogverfechter

--- Der US-Bundesrichter Richard Posner wirft in der New York Times einen Blick auf das viel beschworene Spannungsverhältnis zwischen klassischen Medien und Weblogs:
conventional news media are embattled. Attacked by both left and right in book after book, rocked by scandals, challenged by upstart bloggers, they have become a focus of controversy and concern. Their audience is in decline, their credibility with the public in shreds. ... What really sticks in the craw of conventional journalists is that although individual blogs have no warrant of accuracy, the blogosphere as a whole has a better error-correction machinery than the conventional media do. The rapidity with which vast masses of information are pooled and sifted leaves the conventional media in the dust. Not only are there millions of blogs, and thousands of bloggers who specialize, but, what is more, readers post comments that augment the blogs, and the information in those comments, as in the blogs themselves, zips around blogland at the speed of electronic transmission. This means that corrections in blogs are also disseminated virtually instantaneously, whereas when a member of the mainstream media catches a mistake, it may take weeks to communicate a retraction to the public. ... The charge by mainstream journalists that blogging lacks checks and balances is obtuse. The blogosphere has more checks and balances than the conventional media; only they are different. The model is Friedrich Hayek's classic analysis of how the economic market pools enormous quantities of information efficiently despite its decentralized character, its lack of a master coordinator or regulator, and the very limited knowledge possessed by each of its participants. In effect, the blogosphere is a collective enterprise - not 12 million separate enterprises, but one enterprise with 12 million reporters, feature writers and editorialists, yet with almost no costs. It's as if The Associated Press or Reuters had millions of reporters, many of them experts, all working with no salary for free newspapers that carried no advertising.
Posner betreibt selbst ein Blog zusammen mit dem Ökonomen Gary Becker.

Und sonst: Der "Schickals-Wahlkampf" hat begonnen, sowohl bei der Union als auch bei der sich um ihre linke Flanke sorgende SPD, aber irgendwie interessiert es angesichts der wenigen echten Alternativen keinen so richtig. Dafür streitet man gehörig über die Zahl der TV-Duelle, wo Angie nicht so recht mitspielen will.

Nein, natürlich nicht: "Wir wollten nicht töten". Mutmaßlicher Attentäter von London bestreitet Verbindung mit al-Qaida - Britische Polizei befürchtet dritte Terrorwelle.

Das Terror-Internet: Das virtuelle Afghanistan der Terroristen. Der britische Geheimdienst soll nun vermehrt gegen Websites vorgehen, um sie vom Netz zu nehmen.

Die Saudis und ihre Connections: Die Blumen der Mudschahedin III. Die Nachfolger von König Fahd.

Bushs Agenda: Demokraten empört über Bushs Entscheidung für Bolton. Verbitterung unter den US-Demokraten: Präsident George W. Bush hat den Senat umgangen und seinen Wunschkandidaten John Bolton per Dekret zum neuen Uno-Botschafter ernannt. Bolton gilt als Hardliner und Gegner der Vereinten Nationen.

Geklaute US-Wahl: Von Mark Crispin Miller wird im Herbst das Buch "Fooled Again -- How the Right Stole the 2004 Election" (Ohio, the election, and America's servile press) erscheinen. Hintergrund dazu im "demokratischen Untergrund", via Under Radar. Miller hat unter anderem auch an einem Propagandaklassiker von Edward L. Bernays mitgewerkelt.

Schöner Bloggen: Jay Rosen berichtet vom Treffen der weiblichen Blogger in Kalifornien, der Konferenz BlogHer '05.

Schöner Ausreisen trotz Videoüberwachung: Osmans merkwürdige Reise nach Rom. Die problemlose Ausreise eines Rucksackbombers aus Großbritannien wirft Fragen auf. Trotz einer der größten Anti-Terror-Fahndungen der Nachkriegszeit war es dem inzwischen festgenommenen Hussein Osman geglückt, im Eurostar das Land zu verlassen. War es eine Ermittlungspanne oder ein Trick der Fahnder?

Braucht es eine asymmetrische Kriegsführung gegen den Islamisten-Terror? "Manchmal haben wir nur die Wahl zwischen Desaster und Katastrophe". "Wie kann man überleben, wenn man sich an Regeln hält, die der Feind nicht akzeptiert", fragt der niederländische Schriftsteller Leon de Winter. Er wirft den Europäern Naivität im Umgang mit islamistischen Terroristen vor und erklärt, dass ihnen mit dem Rechtsstaat nicht beizukommen ist.

Deutscher Wahlkampf erreicht die USA: New York Times Joins the Attacks on the Linkspartei, Dialog International.

Bloggen verboten: US-Soldat wegen seines Blogs bestraft. Ein im Irak stationierter Soldat der Nationalgarde, der sich als Liberaler outete und den Einsatz im Irak kritisierte, erhielt eine Geld- und Bewährungsstrafe.