2006-04-10

Bye bye Berlusconi?!!

--- Die Spannung steigt: noch bis 15 Uhr können die Italienier über ihr neues Parlament und ihren neuen Ministerpräsidenten entscheiden. In der Woche zuvor war ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Amtsinhaber Silvio Berlusconi mit seinem Mitte-Rechts-Lager unter Führung der Forza Italia und dem Linksbündnis unter Romano Prodi erwartet worden. Der Wahlkampf war von dem Medienmogul Berlusconi in den letzten Wochen sehr polemisch geführt worden, da Prodi leicht führte in den Meinungsumfragen. Im filmischen Bereich hat man dem "Cavaliere" ja schon den Marsch zum Abschied geblasen, aber ganz wird er so oder so wohl nicht von der Politik (und den Medien) lassen. Und im Falle seiner Abwahl hat er schon angekündigt, eine großangelegte "Wahlfälschung" wittern zu wollen. Schon immer hatte Berlusconi ja dazu geneigt, seine eigenen Fehler in Verschwörungen der bösen Feinde gegen ihn umzuinterpretieren. Die "Todsünden" des Machtmenschen hat die Süddeutsche vor der Wahl in einem Kommentar noch einmal zusammengefasst:
Silvio Berlusconi als italienischer Regierungschef – das konnte nicht gut gehen. Denn der kleine Mann mit dem großen Ego hat die Politik nur als Werkzeug betrachtet, um sein Wirtschaftsimperium auszubauen und abzusichern. ... die Bilanz ist beschämend: Während Berlusconis Konzern erblühte, welkte Italien dahin. ... Das beginnt mit dem „Interessenkonflikt“, der tatsächlich ein Interessenskandal ist. Berlusconi als Herrscher über das Privatfernsehen schwang sich zum mächtigsten Mann im Staate auf, ohne von seinem Medienreich zu lassen. Die Folge war ein Kreislauf des Machtmissbrauchs. Berlusconis Sender pushten den Premier, und der Premier pushte seine Sender. So konnte keine pluralistische TV-Ordnung entstehen. ... Die zweite Sünde betrifft die dritte Gewalt. In jedem anderen westlichen Land wäre ein Mann, gegen den rund ein Dutzend Strafverfahren liefen, als Staatsmann unerträglich. In Italien aber hat Berlusconi die Justiz für unerträglich erklärt. Jahrein, jahraus beschimpfte er Richter und Staatsanwälte als „rote Roben“, Kommunisten, Umstürzler. Zugleich schlüpften Berlusconis Anwälte in die Rolle von Berlusconi-Abgeordneten, um Gesetze zu schmieden, die Berlusconi vor Strafverfolgung schützten. ... Die dritte Sünde ist eine außenpolitische: Berlusconi löste Italien aus dem Herzen Europas. So ließ der Premier kaum eine Gelegenheit aus, Stimmung zu machen gegen Brüssel, gegen Paris und Berlin, gegen Euro und Stabilitätspakt. ... Er stellt, Sünde Nummer fünf, die parlamentarische Demokratie insgesamt in Frage. Als ein durch Wahlen gesalbter Führer beruft er sich auf das Votum des Volkes und geriert sich als Komplize der Bürger gegen den eigenen Staat. ... Am schwersten aber wiegt, dass Berlusconi Italien gespalten hat. Er radikalisierte das großzügige, moderate Land und trieb die Bürger in politische Schützengräben.
Mehr zum Thema allerorten: Berlusconi verärgert Italiens Geschäftswelt. Mit großen Sprüchen hat Silvio Berlusconi bislang Erfolg in der italienischen Öffentlichkeit gehabt. Ausgerechnet kurz vor der Wahl sind aber selbst die Unternehmerverbände des Landes über seine Wortwahl erbost.

Google-Bombing vs. den Premier: Google verbindet Berlusconi mit "Scheitern". Wer im Internet nach "fallimento", dem italienischen Wort für "Scheitern" sucht, kommt zu Berlusconi. Anhänger des Regierungschefs wittern eine Intrige.

Berlusconi wittert landesweite Verschwörung. Silvio Berlusconi sieht sich vom Bösen umringt. Drei Tage vor der Parlamentswahl legte sich Italiens Premier mit dem größten Teil der italienischen Gesellschaft an. Gerichte, Presse, Geschäftswelt und Banken hätten sich gegen ihn verschworen.

"Berlusconi will die Herrschaft seines Clans auf ganz Italien ausbreiten". Paul Ginsborg, einer der profiliertesten Analytiker der italienischen Nachkriegsgeschichte, warnt im SPIEGEL-ONLINE-Interview vor einem weiteren Wahlsieg Berlusconis. Der Cavaliere werde sich sonst selbst in den Quirinalspalast bringen, den Sitz des Staatspräsidenten.

Gute englische Zusammenfassung: Elections in Italy: The End of the Silvio Show?

Herbst des Freibeuters. Die Ohnmacht des allmächtigen Alleinunterhalters, Wahlkämpfers und Cavaliere Silvio Berlusconi.

Und für Freunde einer vertieften Lektüre: Nach wie vor gibts mein Buch über das "Phänomen Berlusconi" frei zum Download (PDF) und einen Vortrag zum "System Berlusconi" mit aktuellen Ergänzungen vom Januar (PDF).

Update: Sieht danach auch, dass Berlusconi den Stuhl des Ministerpräsidenten räumen muss, denn Prodi liegt laut ersten Prognosen doch relativ deutlich vorn. Wer ein "italienisches Wunder" verspricht und es dann nicht bewirkt, kann sich eben trotz aller Medienmacht nicht ewig oben halten. Aber es könnte zu früh sein, vom "Ende einer Ära" zu sprechen, denn die selbsternannte Wiedergeburt Napoleons hatte es in letzter Zeit ja auch auf den Posten des Staatspräsidenten abgesehen.

Update2: Der Wahlkrimi scheint jetzt entschieden, Prodi hat wohl in beiden Häusern eine (hauchdünne) Mehrheit und sich zum Sieger erklärt.

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1 Comments:

At 9:25 nachm., Anonymous Anonym said...

was sagen sie eigentlich zu der faszinierende nkoinzidentz, dass gerade als sich berluscionis niederlage abzeichnet der meistgesuchte mafiaboss der letzten jahrzehnte gefasst wird??...

 

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