2006-04-29

Islamistische Propaganda: al-Sarkawi zeigt Gesicht in Video

--- Die islamistische Propaganda war in der vergangenen Woche rund um den erneuten Anschlag auf der Sinai-Halbinsel in Ägypten wieder einmal schwer aktiv. Erstmals präsentierte sich im Reigen der Tonbänder und Videos auch der vor allem im Irak agierende Islamistenführer al-Sarkawi, der bisher immer sehr viele Mythen kreierte. Sein Video (über Ogrish.com etc. in Kurzfassung verfügbar) kann auf den ersten Blick aber sicher nicht als meistliche Propagandaleistung angesehn werden, zumindest überrascht es durch seine Unspektakularität. Spiegel Online hat eine recht ausführliche Analyse, wonach das Band trotzdem seine Wirkung entfaltet:
Das Video ist eine Sensation - und an Zynismus kaum zu überbieten. Terrorchef Sarkawi zeigt zum ersten Mal unverhüllt sein Gesicht vor einer Filmkamera. Er hat zugenommen, plaudert entspannt, kann sich frei bewegen. Die Unterstützer reagieren mit ekstatischer Begeisterung. Fünf Männer sitzen auf Teppichen auf dem Boden eines Hauses. "Im Namen Gottes", beginnt ein junger Mann, das Gesicht hinter einer schwarzen Mütze versteckt, seinen Vortrag: "Es ist uns gelungen, viele Soldaten zu töten." Die Moral der Kämpfer in der Provinz Anbar sei hoch. Auf einem Laptop führt er Videos vom Abschuss selbst gebauter Geschosse vor. Zu seiner Rechten sitzt ein etwas älterer Mann und hört aufmerksam zu. Es ist Abu Mussab al-Sarkawi, der Qaida-Statthalter im Irak. Nur der Bart unterscheidet sein Gesicht von den bekannten Fahndungsfotos. Die Szene stammt aus einem 34 Minuten langen Video, das gestern Abend auf islamistischen Websites zum Herunterladen verlinkt wurde. ... Der rote Faden der Ansprache ist eine Huldigung der "teuren Gemeinschaft der Muslime". Sarkawi preist die Mudschahidin im Irak dafür, dass sie den "Sturm der Kreuzfahrer aufgehalten" hätten. "Wir kämpfen im Irak, mit Blick auf Jerusalem", sagt er. Osama Bin Laden nennt er unzweideutig "unseren Emir". Dass der US-Präsident dessen jüngstes Angebot einer "Waffenruhe" abgelehnt habe, sei töricht: "Es wäre besser für ihn, er hätte es angenommen." Die US-Soldaten, erklärt Sarkawi, könnten im Irak nur noch schlafen, wenn "sie Schlaftabletten nehmen". Damit greift er ein zuletzt von Osama Bin Laden verwendetes Motiv der demoralisierten US-Armee auf. Die irakische Demokratie bezeichnet er als "Theater"; die Schiiten würden eine Tyrannei auf Kosten der Sunniten errichten. ... Sarkawi hat anscheinend einen Grad an Bewegungsfreiheit, dessen Zurschaustellung der US-Armee wenig gefallen dürfte. ... Hier präsentiert sich Sarkawi als ruhiger, überlegter Dschihad-Führer. Das war man von ihm bisher nicht gewohnt; normalerweise schreit er in seinen Reden am Rande des stimmlich Möglichen. Allerdings zeigt er zugleich, dass er nicht daran denkt, nur noch zu reden und nicht zu schießen. Ebenso gut denkbar ist freilich, dass Sarkawi nicht abseits stehen wollte, wenn der Rest der internationalen dschihadistischen Führungsspitze sich in kurzen Abständen meldet: erst ein Video von Osama Bin Laden, dann eine Rede von Aiman al-Sawahiri, schließlich die Anschläge auf der ägyptischen Sinai-Halbinsel - vielleicht hat die Eitelkeit ihn zu dem Film bewogen.
Zuvor hatte bin Laden ein neues Tonband geschickt, während gerade sein Vize al-Sawahiri mal wieder im Video zu bewundern ist. Auf jeden Fall keine guten News für die US-Regierung, zumal die Kosten für den Irak-Krieg mal wieder steigen: Projected Iraq War Costs Soar. Analysis finds price likely to reach $320 billion after expected passage of new spending bill.

Viel Arbeit jedenfalls für den neuen Sprecher von Bush, der vom "Regierungssender" Fox kommt: Tony Snow Takes Spokesman Post. Choice of conservative commentator for press secretary may signal a less-insular White House. Jeder ist besser als der Scottie, scheint die Meinung der Medien zu sein. Eine weitere Stimme im Chat der Washington Post: Nessen on Snow Appointment. Former White House Press Secretary under President Ford discusses McClellan replacement.

Und sonst: Mehr vom Antiterror-Krieg: U.S. Outlines New Plans For Fighting Terrorism. Considered Pentagon's top priority, three documents envision expanded Special Operations role outside war zones, according to officials.

Unrühmliche Rolle der Bundesregierung in Verschleppungsaffäre: »Freilassung verhindert«. Ein Geheimdossier illustriert die beschämende Rolle der Regierung im Fall des Bremer Guantánamo-Häftlings Murat Kurnaz. Mehr zum Thema bei Dialog International: 1578 Days in Guantánamo

Noch mehr Verschleppungsnachrichten rund um die CIA-Affäre: EU-Parlament geht von 1000 CIA-Flügen aus. Der Zwischenbericht des europäischen Sonderausschusses nennt ein enormes Ausmaß der illegalen CIA- Gefangenentransporte. Es soll mehr als 1000 Flüge in Europa gegeben haben. Zuvor waren auch in Brüssel weitere Verstrickungen deutscher Dienste in die Folter-Affäre bekannt geworden: Ex-Botschafter beschuldigt BND in Folteraffäre. Der frühere britische Botschafter in Usbekistan ist überzeugt, dass der deutsche Geheimdienst Informationen aus Folterverhören erhalten hat. Hier auch noch mehr: Anwalt: Deutschland wusste von CIA-Transport. Einem Anwalt zufolge hat die CIA über Deutschland sechs Bosnier nach Guantánamo gebracht. Er wirft der Bundesregierung vor, rechzeitig Bescheid gewusst, aber den Transport nicht verhindert zu haben.

Da war doch noch was? Comeback der Politikerblogs.

Ups: USB-Sticks mit Folteranleitung der US Armee. Der Handel mit Speichersticks, die geheime US- Militärdaten enthalten, geht weiter. Auf einem Markt in Afghanistan wurden jetzt Datenträger mit Folteranleitungen verkauft.

Was wird aus Berlusconis Medienimperium? Kommunisten: Berlusconi muss "abspecken". Die italienischen Kommunisten fordern, dass die Medienmacht Berlusconis eingeschränkt werden muss. Die Mitte-rechts-Koalition protestierte. Aber dagegen: Prodi lehnt Mediengesetz gegen Berlusconi ab. Bei den italienischen Wahlsiegern gibt es Zwist über die Medienpolitik. Der künftige Ministerpräsident Prodi hat Forderungen widersprochen, die Medienmacht des derzeitigen Amtsinhabers Berlusconi per Gesetz zu beschneiden.

Weitere Eskalation im Mittleren Osten gerade noch zu verhindern? Iran bietet Kompromiss im Atomstreit an. Der Iran will der Atomenergiebehörde IAEA einen neuen Plan zur Beilegung des Atomstreits vorlegen. Viel Hoffnung auf eine schnelle Lösung der Krise besteht nicht: Präsident Ahmadinedschad bekräftigte zugleich seine Unnachgiebigkeit.

EU-Propaganda-TV: Brüsseler Regierungsfernsehen: Wenn man mit Steuergeld ein paar Agenturen bezahlte, die davon schöne Videos drehten, in denen nicht immer gleich gemeckert wird, und wenn diese Filme dann vom Fernsehen gesendet würden, wären dann nicht alle viel glücklicher? Es mag absurd klingen, aber Tobias Schäfer arbeitet in so einer Agentur. Sie heißt Mostra und befindet sich in Brüssel. Ihr wichtigster Auftrag- und Geldgeber ist die Europäische Kommission. Die Filme, die hier entstehen, werden Fernsehsendern überall zur Verfügung gestellt - kostenlos.

Mehr von den Lobby-Kraken: Die Medienberichterstattung über die Arbeitgeber-Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) übernimmt weitgehend die INSM-Perspektive und macht deren strategische Funktion für die Arbeitgeberverbände unzureichend transparent. Das ist das Ergebnis einer wissenschaftlichen Untersuchung von Christian Nuernbergk (Universität Münster). Und aus den USA folgender Bericht: Republicans Involved In Lobbyist Sex Scandal At The Watergate Hotel?

Wir sind immer noch Papst: "Großmutter, warum hast Du so lange Zähne?" Ist Benedikt XVI. ein Wischiwaschi-Papst oder doch ein Wolf im Schafspelz?

<a href="http://del.icio.us/esmaggbe/propaganda" rel="tag">propaganda</a>, <a href="http://del.icio.us/esmaggbe/terror" rel="tag">terror</a>, <a href="http://del.icio.us/esmaggbe/qaida" rel="tag">qaida</a>