2006-08-29

Al-Qaida-Propaganda jetzt auch auf deutsch

--- Dass die Global Islamic Media Front eine Drehscheibe der al-Qaida-Propaganda und eine Schaltzentrale des "Terrorweb" ist, dürfte inzwischen hinlänglich bekannt sein. Wie Spiegel Online berichtet, gibt es jetzt aber auch einen bei Blogger.com gehosteten Ableger auf deutsch mit dem Titel "Globale Islamische Medien-Front", der unter anderem die bekannten Heroenvideos bereithält und Fragen aufwirft:
"Willst du die letzten Videos, Stellungnahmen und Nachrichten der Mudschahidin auf deutsch sehen?" Mindestens seit dem 10. Mai wird in deutschsprachigen islamistischen Internetforen mit solchen Worten Werbung für die "Globale islamische Medienfront" gemacht. Ein Klick auf den mitgeposteten Link, und das Versprechen wird wahr gemacht: Fast alle Nachrichten, die die irakische Filiale des Terrornetzwerks al-Qaida aussendet, lassen sich hier mit nur wenigen Tagen Verzögerung nachlesen - in deutscher Übersetzung. Die aktuellste Übersetzung ist auf den 22. August datiert: "Tötung von 2 Kreuzdienern und Verletzung von 2 weiteren, durch das Zum-Detonieren-Bringen eines Sprengsatzes bei ihrem Hummer-Fahrzeug im Saylo Gebiet, nahe Baqubah, aller Lob und Dank gebührt Allah", heißt es darin. Dass sie wirklich aus Originalquellen stammt, lässt sich nachprüfen: Auf einer auf arabischsprachige Bekennerschreiben aus dem Irak spezialisierten Website findet sich eine entsprechende Eintragung des "Ratgebergremiums der Mudschahidin" in der Tat, jenes Dachverbandes, den Sarkawi gründete und in dem die irakische al-Qaida aufging. Die Übersetzung ist sogar so gut wie wörtlich und stammt offensichtlich nicht von einem Computerprogramm. Insgesamt sind es Hunderte solcher Bekennernotizen, die hier untereinander aufgelistet werden, unterbrochen nur durch eingestreute Fotomontagen zur Verherrlichung des getöteten Irak-Chefs Abu Musab al-Sarkawi und anderer Qaida-Führer. Außerdem haben die Macher der Seite gleich dutzendweise Links hinterlegt, die zu Mitschnitten von Selbstmordattentaten und ähnlichem Material führen. ... Seit einiger Zeit lässt sich derweil beobachten, dass die GIMF immer mehr in die Hände von Sympathisanten al-Qaidas übergeht, die möglicherweise überhaupt keine direkte Beziehung zu den Terroristen mehr haben. "Die GIMF ist eine islamische Medienbasis im Internet. Sie ist die Botschafterin der Mudschahidin. Wenn die Amerikaner meinen, sie könnten das Internet als ihr Eigentum betrachten und es beherrschen, dann werden wir den Zauber gegen den Zauberer wenden. Die GIMF gehört niemandem. Sie ist das Eigentum aller Muslime", verkündete ihre arabische Führung vor fast genau einem Jahr. Mittlerweile zähle die GIMF eher zu den "Produzenten", die Terrormaterial "reformatieren und ummodeln, um es attraktiver zu machen", sagt der norwegische Experte Brynjar Lia in einem aktuellen Artikel im Sicherheits- und Geheimdienstmagazin "Jane's". Allerdings diene dies eben auch dem Gewinnen neuer Rekruten. ... "Wir werden uns die Seite nun sehr genau anschauen", kündigte "Google Deutschland"-Sprecher Keuchel ... an. "Man muss gucken, ob die Inhalte gegen unsere Nutzungsbedingungen und deutsches Recht verstoßen, damit wir sehen, ob wir eine Handhabe haben, die Seite zu löschen." Etliche Experten bezweifeln allerdings, dass ein Sperren von Pro-Dschihad-Seiten Erfolg verspricht - mittlerweile gibt es Tausende von ihnen, und für jede gelöschte entstehen zwei neue. "Man könnte vielleicht ein paar Leute erwischen", sagt etwa Thomas Hegghammer, ein anerkannter Experte für al-Qaidas Aktivitäten im Internet. "Aber man wird nie in der Lage sein, den gesamten Fluss radikaler islamischer Propaganda einzudämmen."
Der zu Google gehörende Hostprovider Blogger.com hat der Site gimf-nachrichten.blogspot.com inzwischen folgenden Hinweis vorgeschaltet: CONTENT WARNING: Some readers of this blog have contacted Google because they believe this blog's content is hateful. In general, Google does not review nor do we endorse the content of this or any blog. Auf jeden Fall kann sich mit dem Blog die Polizei die geforderten Experten zur Übersetzung arabischer islamistischer Hasspropaganda schon mal ein Stück weit wieder einsparen, um dem Treiben auch eine positive Seite abzugewinnen.

Und sonst: Die Lobbykrake und die Arbeit von Pressesprechern einmal anders aufbereitet: Volle Packung für Gesundheitsapostel: Die Filmsatire "Thank You For Smoking" präsentiert Mephisto als Lobbyisten der Tabakindustrie. Bei so viel Charme und Bosheit stockt nicht nur Rauchern der Atem.

Die Tücken des Bürger-Journalismus: Genosse mahnt Genossen ab zu Marcels Parteibuch und der Stress mit Haacke: Der Bevölkerung gewidmetes Kunstwerk darf nicht auf private Homepage. Auch zum Thema: Documentary Shines Light on Citizen Journalism. Citizen Journalism: from Pamphlet to Blog is a new 15-minute citizen-produced documentary that takes a quick, informative look at the the genesis and current state of citizen journalism.

Was macht ein gutes Bildungssystem aus? Bildungsmonitor der INSM in der Kritik.

Die polnischen Zwillinge: Neue Satire über Polens Präsidenten. Die "taz" bekommt Schützenhilfe aus Dänemark. Im Streit um die Satire über den polnischen Präsidenten Kaczyinski starteten zwei dänische Künstler eine Aufkleber-Kampagne.

Die Folgen des Anti-Terrorkreuzzugs: Iran profitiert von Anti-Terror-Kampf der USA. Der Anti-Terror-Kampf der USA hat einen unbeabsichtigten Nebeneffekt: Der Einfluss des Iran im Mittleren Osten wächst. Auch kann das Land den Westen im Atomstreit so weiter hinhalten.

Knallharte Nachrichtenselbstkontrolle: Geografisch gefilterte Nachrichten. Um einen Artikel mit Informationen von anonymen Informanten zum Erkenntnisstand der britischen Behörden ohne juristische Probleme veröffentlichen zu können, sperrte die New York Times den Zugriff auf diesen für britische Bürger und lieferte eine Printausgabe ohne den Artikel aus.

<a href="http://del.icio.us/esmaggbe/terror" rel="tag">terror</a>, <a href="http://del.icio.us/esmaggbe/qaida" rel="tag">qaida</a>, <a href="http://del.icio.us/esmaggbe/weblogs" rel="tag">weblogs</a>

2006-08-28

Statistik: Wahr und doch gefälscht

--- Im Feuillton der heutigen FAZ streiten sich der Bevölkerungswissenschaftler Herwig Birg sowie der Publizist Albrecht Müller über die Zukunft Deutschlands. Letztlich geht es nicht nur darum, die Zukunft zu interpretieren, sondern vor allem auch die dazu gehörige Datenbasis, Grundlage eines jeden guten Spindoktors. Dazu gab es einen munteren Schlagabtausch. Müller: "Wenn man berücksichtigt, daß die Arbeitsfähigen auch für die Jungen und die Kinder zu sorgen haben und daß diese sogenannte Jugendlast sinken wird, wenn man also die Gesamtbelastung berechnet, wie es beispielsweise Rupert Jänicke gemacht hat (F.A.Z. vom 15. März 2005), dann wird sichtbar, daß auf Jahrzehnte hinaus die Belastung der Arbeitsfähigen nur wenig steigt und von der wachsenden Arbeitsproduktivität locker aufgefangen werden kann. Also könnte man sich gelassen zurücklehnen und sich den echten Problemen unseres Landes zuwenden. Aber Ihnen ist es gelungen, aus dem zweitrangigen Thema Demographie ein Spitzenthema der öffentlichen Debatte zu machen. Das ist ein Meisterwerk an Agenda-setting. Kompliment!"
Birg muss da natürlich kontern: "Hat Herr Müller noch nie ein Buch von mir aufgeschlagen? Natürlich berechne ich nicht nur den Altenquotienten, also die Zahl der über Sechzigjährigen in Prozent der Zwanzig- bis Sechzigjährigen, sondern auch den Jugendquotienten, nämlich die Zahl der unter Zwanzigjährigen im Verhältnis zu den Zwanzig- bis Sechzigjährigen sowie die Summe als Gesamtbelastung." Dann sagt Müller später: "Zunächst noch zu den von Herrn Birg genannten Zahlen. Sie sind schlicht falsch.", und Birg kontert: "Wessen Zahlen stimmen, kann jeder anhand der veröffentlichten "10. Bevölkerungsvorausberechnung" des Statistischen Bundesamts überprüfen. Die Zahlen, von denen Sie sagen, sie seien falsch, stehen auf Seite 25."
So geht es fröhlich weiter und wird noch komplizierter, so dass der geneigte, während der Lektüre stetig älter werdende Mensch so recht nicht mehr folgen kann. In der aktuellen Wirtschaftswoche etwa erklärt der Ifo-Chefökonom Hans-Werner Sinn die Fertilitätsquote (die leigt bei 1,4 und sagt aus, wie viele Kinder eine Frau in Deutschland bekommt - da immer ein Mann dazu gehört, kommen also weniger Kinder auf die Welt als Paare später einmal sterben, so dass wir also bevölkerungstechnisch schrumpfen, womit wir wieder bei der Ausgangsdebatte sind). Entscheidend sei, so Sinn, dass es kaum noch Frauen im gebährfähigen Aler gebe, nicht, dass sie nicht gebärfreudig seien. Nun ja, fest steht wohl: Wir weden immer weniger.
Was bleibt ist die Erkenntnis: Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast. Verschaffe dir selbst den nötigen Überblick!

2006-08-18

Günter Grass: Verkommen zum Event

--- Was treibt nur einen Nobelpreisträger wie Günter Grass im Alter von fast 80 Jahren, sich derart in der Öffentlichkeit zum Event zu stilisieren oder stilisieren zu lassen. Erst "outet" er sich in der FAZ, in der Waffen-SS gewesen zu sein, wobei das natürlich alles nicht so schlimm war gemäß: ich war jung und wusste nicht, was ich tat. Dann empört sich der Empörungsliterat par excellence über die Empörer und deren Art und Weise hart mit ihm ins Gericht zu gehen (Was erwartet er nach so einer Äußerung an Reaktion? Jubel, respektvolle Huldigung?) ; rechtfertigt sich dann in fast schon bemitleidenswerter Art und Weise (natürlich mit regelmäßigen Verweisen auf sein jetzt erscheinende Autobiografie) beim dürftig fragenden Ulrich Wickert in dessen neuer Büchersendung (was dem natürlich eine traumhafte Startquote beschert haben dürfte, was womöglich die Fragen hat seichter werden lassen) - und bekommt morgen auch noch einen acht Seiten Abdruck seines Buches inklusive Grass-Zeichnungen in der FAZ. In der Zwischenzeit hat der Verlag seine Autobiografie vorab veröffentlicht, so dass die erste Auflage mit 130 000 Exemplaren verkauft ist und Grass bei Amazon die Hitparade stürmt. Da zeigt der Saubermann-Feuillton- und Kulturbetrieb seine wahre Fratze: Spinning im Kulturbetrieb sorgt seit Jahren für Selbstvermarktung. So also verdienen alle: die FAZ steigert morgen vermutlich ihre Auflage kräftig, Wickert kann behaupten, er mache eine tolle, neue Sendung, Grass und dessen Verlag verdienen wieder einmal prächtig.
Das alles muss einen nicht stören, allerdings ist es in diesem Fall weder inhaltlich noch von der Person her würdig, eher despektierlich. So verabschieden wir uns an dieser Stelle von Grass und suchen uns einen neuen, glaubhaften Moralisten.
Abstimmung im FORUM.

UPDATE: Inzwischen ist heraus gekommen, dass die FAZ schon seit April von der SS-Vergangenheit Grass´gewusst hat, mit ihm und seinem Verlag aber eine spätere Veröffentlichung vorgezogen hat, um die PR-Effekt für alle bestmöglich wirken zu lassen. Dazu schreibt die Berliner Zeitung heute: "Gewiss hat die FAZ nicht die gesamte Kampagne in all ihren Einzelheiten planen können. Die öffentlich-rechtliche ARD zum Beispiel Wochen im Voraus zur Verschiebung einer Sendung zu bewegen, das schaffen nicht einmal die Strippenzieher vom Main. Auch bestand die Gefahr, dass doch einer der verträumten Rezensenten das Buch nicht nur rechtzeitig gelesen, sondern auch im Wust der feingezwiebelten Scham-Schande-Schuld-Arabesken die inkriminierte "Stelle" in ihrer ganzen Bedeutung begriffen hätte. Ein wenig Glück gehörte also dazu.
Die FAZ und ihr gewiefter Herausgeber Frank Schirrmacher haben es aber geschafft, eine mindestens schon im April bekannte Sensation so lange geheim zu halten, bis ihre Enthüllung verlagstechnisch gelegen kam. Der Verlag hatte das Erscheinen des Buches auf September terminiert und konnte den Skandal für Werbezwecke gut gebrauchen. Und so haben die FAZ-Journalisten in Absprache mit dem Verlag die brisante Enthüllung aus Marketingaspekten einfach verschwiegen.
Dem Steidl Verlag und Günter Grass ist zu gratulieren, dass es gelungen ist, eine journalistische Institution wie die FAZ derart in den Dienst einer kommerziellen Sache zu stellen. Frank Schirrmacher wiederum kommt das Verdienst zu, den Kampagnenjournalismus, den man nur aus Schmuddelblättern wie der Bild-Zeitung kannte, in den gehobeneren Ständen salonfähig gemacht zu haben."

2006-08-17

Stimmungsmache: Verquickte Lobbyistenwelt

--- Muss man sich wundern, wenn der ehemalige Bundesinnenminister Otto Schily Aufsichtsrat beim bayerischen Sicherheitstechnologie-Anbieter Safe ID Solutions wird und dort in Aktien des Startups bezahlt wird, dass Hard- und Software für falschungssichere Pässe verkauft, für die sich Schily als Minister immer vehement eingesetzt hatte? Das alles berichtet heute die FTD.
Muss man sich wundern, dass von staatlichen Subventionen abhängige Unternehmen die RAG (Steinkohle) und die Deutsche Bahn AG plötzlich wunderbare Bilanzzahlen vorlegen - kurz bevor die Politik entscheiden soll, ob und wie diese Firmen an die Böres gebracht werden sollen? Die FTD nennt das "hübschen".
Und jetzt noch das neueste Gerücht der Verschwörungstheoretiker: Die vereitelten Anschläge von London waren gar keine. Tony Blair wollte nur aus dem Umfragetief, um doch noch länger Großbritannien regieren zu können, so dass alles nur inszeniert war. Schließlich hat es ja nach den Anschlagsplänen sogar ein 12-jähriger ohne Pass und ticket an Bord eines Ferienfliegers geschafft. (Für die Richtigkeit der Aussage übernehmen wir keine Gewähr.)

2006-08-15

Der Nahost-Krieg als Probelauf für einen Iran-Krieg?

--- Seymour Hersh hat im New Yorker mal wieder zugeschlagen, wo er über den Libanon-Krieg und Washingons Interesse an der von Israel geführten Auseinandersetzung schreibt:
The Bush Administration, however, was closely involved in the planning of Israel’s retaliatory attacks. President Bush and Vice-President Dick Cheney were convinced, current and former intelligence and diplomatic officials told me, that a successful Israeli Air Force bombing campaign against Hezbollah’s heavily fortified underground-missile and command-and-control complexes in Lebanon could ease Israel’s security concerns and also serve as a prelude to a potential American preëmptive attack to destroy Iran’s nuclear installations, some of which are also buried deep underground. ... According to a Middle East expert with knowledge of the current thinking of both the Israeli and the U.S. governments, Israel had devised a plan for attacking Hezbollah—and shared it with Bush Administration officials—well before the July 12th kidnappings. “It’s not that the Israelis had a trap that Hezbollah walked into,” he said, “but there was a strong feeling in the White House that sooner or later the Israelis were going to do it.” The Middle East expert said that the Administration had several reasons for supporting the Israeli bombing campaign. Within the State Department, it was seen as a way to strengthen the Lebanese government so that it could assert its authority over the south of the country, much of which is controlled by Hezbollah. He went on, “The White House was more focussed on stripping Hezbollah of its missiles, because, if there was to be a military option against Iran’s nuclear facilities, it had to get rid of the weapons that Hezbollah could use in a potential retaliation at Israel. Bush wanted both. Bush was going after Iran, as part of the Axis of Evil, and its nuclear sites, and he was interested in going after Hezbollah as part of his interest in democratization, with Lebanon as one of the crown jewels of Middle East democracy.”
Wie so mancher Artikel von Hersh hat auch diese Recherche des investigativen Journalisten ein breites Medienecho ausgelöst, hierzulande etwa in Telepolis oder in Spiegel Online.

Und sonst: Brisant nach dem ganzen Terror-Craze vergangene Woche: Bush Administration Cut Funding For Explosives Detection.

Die Entdecker der getürkten Reuters-Fotos aus dem Libanon sind auch nicht ganz koscher: Little Green Footballs, Staged War Photos, and the Story the Press Won't Tell.

Mehr Einblicke in die Machenschaften von Karl Rove: Karl Called.

Der Zensor bloggt: Der iranische Präsident Ahmadinedschad hat ein Weblog gestartet. Darin erzählt er von seiner Kindheit - und lästert über Amerika. Peinlich nur, dass das Blog mit Microsoft-Software erstellt wird: "meta content="Microsoft Visual Studio .NET 7.1" name="GENERATOR"". Laut den whois-daten verfügt der Amerika-Hasser bzw. sein Online-Statthalter zudem über einen Gmail-Account, tsts: president.irsite@gmail.com.

Terror-Scheinbekämpfung: Großbritanniens frustrierende Terrorfurcht. Der britische Alarmismus angesichts der jüngsten Vorgänge in London ist nachvollziehbar. Man kann jedoch kaum darauf vertrauen, dass die Regierung Blair sich wirklich um ein Ende der Terror-Bedrohung bemüht. Und noch 2 Nachträge zur Terror-Rhetorik der vergangenen Woche: Vor dem Hintergrund der vereitelten Anschläge in London sprach US-Präsident Bush vom Kampf gegen einen "islamischen Faschismus". Historiker sehen in dem Begriff eine fragwürdige Wortschöpfung. Und: Britische Sicherheitsbehörden rechnen laut einem Zeitungsbericht mit einer Serie "apokalyptischer" Angriffe von muslimischen Terrorgruppen.

Die Paparazzi der Kriegsberichterstattung: Die Flaute nach dem Schuss. Über die Hintergründe von Bildfälschungen im Journalismus.

Ganz unerwartete Ergebnisse: Verzerrtes Bild vom Krieg. "Eingebettete" Reporter haben das Bild des Irak-Kriegs in US-Medien maßgeblich bestimmt. Nach einer amerikanischen Studie kamen Berichte über das Frontleben der US-Soldaten erheblich häufiger auf die Titelseite als das Leid der Zivilbevölkerung.

<a href="http://del.icio.us/esmaggbe/iran" rel="tag">iran</a>, <a href="http://del.icio.us/esmaggbe/nahost" rel="tag">nahost</a>, <a href="http://del.icio.us/esmaggbe/bush" rel="tag">bush</a>

2006-08-10

Der Anti-Terrorkrieg blüht auf nach Londons Enthüllungen

--- Die Behauptung der britischen Regierung, Anschläge auf mehrere Passagierflugzeuge US-amerikanischer Fluglinien vereitelt zu haben, führt insgesamt zu einer massiven rhetorischen Aufrüstung im Anti-Terrorkrieg. Allen voran eilt dabei der britische Innenminister John Reid. Interessanterweise hatte er schon im Vorfeld der heutigen Enthüllungen über die angeblich geplanten Attentate zentnerschwere Andeutungen gemacht:
Yesterday, Reid (of Britain's ruling Labour Party) delivered a much-anticipated a speech at Demos, a London-based organization that describes itself as "the think tank for everyday democracy," with a "a major program of research on global security." Reid told his audience: "Our adversaries in international terrorism are completely unconstrained....They endeavor to drain our morale through the misuse of our freedoms by misrepresenting every mistake or over-reaction as if it is our primary or real purpose." (ePolitix.com) Reid warned "that Britain may have to give up some of its freedoms in the short term in order to protect them in the long term," and that "the government's terrorism legislation had proved necessary despite the opposition it has met from Parliament, the judiciary and the press." The Home Secretary put it plainly when he stated: "We are...attempting to fight a 21st-century struggle with a framework of thought, culture and international legality which was provided for the mid-20th century." So what about the human rights of ordinary citizens that might get crushed in their government's sincere effort - or zeal - to thwart evil-doers? Alluding to the World War II era and certain historical events of the last century, Reid noted that human-rights laws as we know them today had been shaped "to protect the individual from states with 'fascist inclinations,' whereas the challenge today [is] a threat to society from 'what might be called fascist individuals.'"
Da können wir uns ja mal wieder auf eine lange alt-neue Debatte über Sicherheit und Grundrechte gefasst machen. Heute legen die Anti-Terrorkrieger jedenfalls gewaltig nach:Speaking at Scotland Yard, Deputy Commissioner Paul Stephenson said the plot would have caused "mass murder on an unimaginable scale". ... Mr Reid said: "We are involved in a long, wide and deep struggle against very evil people." Another senior Met officer, Deputy Assistant Commissioner Peter Clarke, said "an unprecedented level of surveillance" led up to the arrests, and said the plot had a "global dimension". ... US Homeland Security Secretary Michael Chertoff said the conspiracy was sophisticated, well-advanced and well-planned and "suggestive of an al Qaeda plot". He introduced a ban on liquids being carried on to US planes, saying the plotters had been planning to use liquid explosives disguised as drinks along with electronic devices made to look like everyday items. Whitehall sources said the Prime Minister and President Bush had been in contact over the plot for some time. The White House has said the plot represented a "direct threat" to the United States. Mr Bush said it was a reminder of the threat posed by "Islamic fascists". Ein paar erste Infos zu den Geheimdienst- und Polizeiaktionen im Vorfeld sind inzwischen bekannt, Details zu den Anschlagsplanungen sucht man freilich noch vergeblich: Deputy Assistant Commissioner Peter Clarke said the probe had been underway for several months. He said: "The investigation has focused on intelligence which suggested that a plot was in existence to blow up transatlantic passenger aircraft in flight. "The intelligence suggested this was to be achieved by means of concealed explosive devices smuggled on to the aircraft in hand baggage. "The intelligence suggested that the devices were to be constructed in the UK and taken through British airports; the number, destination and timing of flights that might be attacked remain the subject of an investigation." Mr Clarke said this is a "very early stage" of a meticulous investigation that will "take us wherever the evidence leads". "We have been looking at meetings, movements, travel, spending and the aspirations of a large group of people. This has involved close co-operation not only between agencies and police forces in the UK but also internationally. "As is so often the case with these investigations, the alleged plot has global dimensions. "The investigation reached a critical point last night when the decision was taken to take urgent action in order to disrupt what we believed was being planned." Die beschworene dunkle Gefahr wird in nächster Zeit auf jeden Fall mitfliegen, die Verabschiedung weiterer Anti-Terrorpakete einfacher gelingen.

Und sonst: Gesperrte-Flüge-Blogger: Increased Security: Mobloggers Report from Airports.

Die neuen Nahostkämpfe - der bislang am meisten gebloggte Krieg? It looks as though the Israel-Lebanon are-we-calling-it-a-war-yet of 2006 is the first conflict to be blogged from day one.

Dem Mann mit dem grünen Helm inmitten der Trümmer im Libanon auf der Spur: A German TV news show segment on YouTube is racing around the blogosphere. Why? Because it is absolute proof that Hezbullah manipulates the media for their benefit. Watch it, and be horrified, as you see “Green Helmet Guy” direct the taking of pictures of the victims of Qana. The mainstream media insist they are far too savvy to fall for crude manipulation like this. And yet, proof keeps coming up that that is exactly what is happening: The media are falling utterly for all of the images coming out of Lebanon, and their critical thinking abilities aren’t even in gear.

Mehr von der Hisbollah-Propagandafront: Israelische Bomben, Hacker-Attacken - nichts konnte den TV-Sender der Hisbollah bisher stoppen. Tag und Nacht sendet al-Manar, der Leuchtturm, weiter radikale Botschaften von einer geheimen Station. Jede Sendeminute ist ein Erfolg für die Journalisten und ein Ärgernis für Israel. ... Martialisch zusammengeschnitten bereiten Hisbollah-Kämpfer in Videos Raketen-Attacken auf die Öllager von Haifa vor. Gleich danach flimmern Bilder von entstellten Kindern über den Bildschirm. Dazwischen marschiert die Hisbollah unter der gelben Fahne gegen Israel.

Ausverkauf: Blogs geraten ins Visier von PR-Profis. Jede Sekunde entstehen zwei neue Blogs. Doch in die Internet-Tagebücher schleicht sich immer mehr Marketing und PR ein.

Bühnenreif: Irak-Blog wird Theaterstück. Das Blog eines Mädchens aus dem Irak bewegt Menschen aus der ganzen Welt. In Edinburgh kommt das Web-Tagebuch jetzt auf die Bühne. Geht um Riverbends Baghdad Burning.

Medien-Dream-Team: Die Entdeckung der Bürger. Schreiben die Leser den Journalismus in die Klemme? Handy-zückende "Leser-Reporter" greifen Lokal- und Boulevardblättern unter die Arme, einstmals brave Leserforen mutieren zum crossmedialen Medium, bis zu "20 Millionen Redakteure" sollen eine komplette Leser-Zeitung gestalten, die Readers Edition: die mediale Traumkombination nach "Poldi" und "Schweini" heißt – "Bürger" und "Journalismus".

Lobby- und PR-Sumpf: Eine heute von der Hans-Böckler-Stiftung vorgestellte Studie zeigt den Zusammenhang von emotionalisierenden Kampagnen à la “Du bist Deutschland” und Initiativen wie der Arbeitgeber-”Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft” (INSM) und sagt für die Zukunft eine Zunahme solcher Art von wirtschaftlicher Einflussnahme voraus. Die Studie beschreibt eine veränderte Strategie der INSM, die nach der Bundestagswahl 2005 versucht, das neoliberale Image abzulegen. Inhaltlich allerdings habe sich die INSM nicht gewandelt, stellt Rudolf Speth, Politikwissenschaftler und Autor der Studie, fest. Wie auch von LobbyControl mehrfach kritisiert, wird die intransparente Arbeitsweise der INSM erwähnt. Für Außenstehende werde kaum deutlich, wer hinter einzelnen Kampagnen stehe.

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"Netroots" sind wieder da: Lamont schlägt Lieberman

--- Politik-Neuling siegt über altgedienten US-Senator da müssen doch die "Netroots" mal wieder im Spiel sein?:
Im US-Bundesstaat Connecticut konnte sich am Dienstag bei den Vorwahlen für den Senatsanwärter der Demokraten mit Ned Lamont überraschend ein politisch unbeleckter, stark auf das Internet setzender Multimillionär gegen den Amtsinhaber Joe Lieberman durchsetzen. Der gegenwärtige US-Senator, der es vor sechs Jahren an der Seite Al Gores beinahe zum Vizepräsidenten der USA gebracht hätte, unterlag dem Neueinsteiger mit 48 zu 52 Prozent der abgegebenen Stimmen. Die Wahlbeteiligung lag an dem heißen Sommertag bei 50 Prozent und damit deutlich höher als bei vergleichbaren Vorabstimmungen. Kommentatoren in den Online-Medien und der traditionellen Presse jenseits des Atlantiks sprechen nun allenthalben von einem Sieg der "Netroots", da Lamonts erst im März gestartete Kampagne gegen den alteingesessenen Profi ihre Wurzeln im Internet hatte und auf Blogger sowie Netzwerke von Online-Aktivisten setzte. Mit Howard Dean war 2004 schon einmal ein Demokrat durch seine "Netzwurzeln" groß geworden. Der Vermonter Internist musste sich aber in den Vorwahlen John F. Kerry geschlagen geben, der statt seiner – letztlich vergeblich – als Präsidentschaftsanwärter gegen den Republikaner George W. Bush antrat. Die Höhenflüge der netzgetriebenen Politik schienen damit vorerst beendet. Der im TV-Kabelgeschäft reich gewordene Lamont setzte nun aber auf ähnliche Hilfsmittel im Online-Wahlkampf wie Dean. Von Anfang an gab er die Parole aus, dass er nur mit mindestens 10.000 Unterstützungszusagen von Surfern antreten würde. Dann sammelte er über seine Website Spenden ein und verdoppelte die eingehenden Dollars kurzerhand aus eigener Tasche. Nicht fehlen durfte zudem ein offizielles Wahlkampf-Blog. Darüber hinaus konnte Lamont Schwergewichte der politischen US-Bloggerszene wie das Team um Markos Moulitsas Zúniga von Daily Kos oder die Macher von MyDD auf seine Seite bringen. Diese kannten im vergangenen Vierteljahr kaum ein anderes Thema als die Auseinandersetzung zwischen dem weißhaarigen Lieberman und seinem deutlich jüngeren Herausforderer. Ein zweites wichtiges Standbein Lamonts war das den Demokraten nahe stehende Netzwerk MoveOn.org ... Nachdem Blogger das Thema permanent bedient und hoch gekocht haben, spekulieren nun Online-Nachrichendienste wie CNet über einen Sieg der Netroots und das Magazin Time lässt sich über die Demontage des renommierten Senators durch die politischen Netzkräfte aus. Auch die New York Times widmet sich den "neuen Königsmachern der Demokraten" aus dem Internet. Ihr Aufhänger ist aber das plötzliche Verschwinden der offiziellen Wahlkampfwebseite Liebermanns im digitalen Nirwana seit gut zwei Tagen ... Der Überraschungserfolg Lamonts macht deutlich, dass eine geschickte Einbeziehung von Meinungsmachern aus der Netzgemeinde eine sinnvolle Verstärkung eines Wahlkampfs darstellt und die traditionellen Massenmedien damit auf das Thema anspringen.
Guter Kommentar zum Thema auch in der Huffington Post: Lamont's Campaign: How DC And The MSM Will FUBAR The Lessons.

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2006-08-08

CDU auf der Suche nach sich selbst

--- Was hatte sich die Union ins Fäustchen gelacht, als die SPD mit ihrem Vorsitzenden Mathias Platzeck ins Straucheln geriet. Jetzt hat es die Regierungspartei selbst erwischt. Das erste Regierungsjahr ist quasi vorbei, da wird - während die Spindoktoren erschöpft in die Ferien gefahren sind - geflucht und geschimpft, was alles im Wahlkampf aber auch in der ungeliebten Großen Koalition falsch gelaufen ist. Zwar versucht Ober-Spindoktor Pofalla mit Arbeitsmarktthemen noch einmal abzulenken (Kinder sollen doch für ihre arbeitslosen Eltern aufkommen), doch das reicht längst nicht mehr bei der Frustrationsstufe der eigenen Partei (während die SPD gernüsslich schweigt, nicht wirklich auf Pofalla reagiert und damit eine Debatte vermeidet). Also die Union: Die CSU vermisst das Konservative, der Wirtschaftsflügel sieht, wie die Mittelständler die Partei verlassen. So ist das in der Regierung: Die Gleichschaltung der Meinungen fällt schwer, gerade wenn zwei Volksparteien mit rechtem und linken Flügel Kompromisse schließen müssen.

*** BP arbeitet weiter daran, sein Image als Umweltunternehmen (ein Lob an die Imageberater) zu retten. Jetzt wurde das Leck geschlagene Ölfeld bei Prudhoe Bay in Alaska geschlossen, dass acht Prozent der US-Ölmenge fördert. Der Ölpreis schoss natürlich nach oben, doch das muss BP nicht stören. Die Ursache für das Leck seien Rostschäden heißt es. Ziemt sich eine durchgerostete Pipeline für ein Umweltunternehmen, oder wurde das Ölfeld jetzt nur geschlossen, weil die Medien über die Umweltverschmutzung berichtet hatten?
Diskussion im FORUM.

2006-08-07

Manipuliertes Foto aus Beirut bei Reuters

--- Little Green Footballs weist auf besonders dreiste Formen des Photoshoppens bei einem von Reuters veröffentlichten Bild aus Beirut, auf dem die sichtbaren Folgen eines israelischen Bombenangriffs deutlich aufgebauscht wurden:
This Reuters photograph shows blatant evidence of manipulation. Notice the repeating patterns in the smoke; this is almost certainly caused by using the Photoshop “clone” tool to add more smoke to the image. It’s so incredibly obvious, it reminds me of the faked CBS memos. Smoke simply does not contain repeating symmetrical patterns like this, and you can see the repetition in both plumes of smoke. There’s really no question about it. But it’s not only the plumes of smoke that were “enhanced.” There are also cloned buildings. The photographer who took this picture (probably also the person who doctored it), Adnan Hajj, is rather well-known to LGF readers. In fact, rather well-known to the entire world. He also took this infamous photograph from Qana of the guy in the green helmet, parading a dead body around for pictures, featured on the front pages of newspapers worldwide ... The possible original for this faked photo has been discovered. And it was taken on July 26, 2006, credited to the Associated Press, by Ben Curtis ... Reuters now says this is the original photo
Mehr dazu natürlich auch bei israelischen Nachrichtenagenturen: Reuters withdraws photograph of Beirut after Air Force attack after US blogs, photographers point out 'blatant evidence of manipulation.' Reuters' head of PR says in response, 'Reuters has suspended photographer until investigations are completed into changes made to photograph.' Photographer who sent altered image is same Reuters photographer behind many of images from Qana, which have also been subject of suspicions for being staged . Bericht auch in Telepolis: Die Wahrheit der digitalen Bilder.

Und sonst: CNN vergleicht Tote im Nahostkrieg mit den Nachwehen des Irak-Kriegs und kommt zum Ergebnis: fast Gleichstand.

Profs vs. Bush: Journalism Professors Pass an Official Resolution Protesting Bush's Anti-Press Policies

Al-Qaida expandiert angeblich: Das Terrornetzwerk Al Qaeda hat sich offenbar vergrößert. Qaeda-Vize Sawahiri teilte mit, eine ägyptische Islamistengruppe habe sich der Qaeda angeschlossen. Diese bestritt das jedoch.

<a href="http://del.icio.us/esmaggbe/propaganda" rel="tag">propaganda</a>, <a href="http://del.icio.us/esmaggbe/nahostkrieg" rel="tag">nahostkrieg</a>, <a href="http://del.icio.us/esmaggbe/nachrichtenagentur" rel="tag">nachrichtenagentur</a>

2006-08-05

Bürger-Paparazzi, I-Reporter und die Massenmedien

--- Ftd.de wirft einen kritischen Blick auf den Boom des Bürger-Journalismus und dessen Umarmung durch die etablierten Mainstream-Medien:
"Waren Sie ein Augenzeuge? Passiert vor Ihren Augen etwas? Zücken Sie Ihre Kamera und schicken sie einen I-Report an CNN'" So fordert der US-amerikanische Nachrichtensender seine Zuschauer auf der Website auf, Inhalte wie Fotos, Tonaufnahmen oder Videos zu liefern. "CNN Exchange" nennt sich die Erweiterung der "CNN-Community" und ist das jüngste Beispiel für eine Entwicklung, die im Internet begann und mittlerweile ihren Weg in viele klassische Medien wie Zeitung, Hörfunk oder Fernsehen findet. "CNN" hat erkannt, dass die passiven Zuschauer auch Inhalte in Form von Videos und Fotos liefern können, auch aus Krisenregionen der Welt. Die als "I-Report" gekennzeichneten Zuschauer-Einsendungen werden für das eigene Programm verwendet. Auf der Homepage wird in ein paar kurzen Absätzen beschrieben, wie man fotografiert, filmt und Töne aufzeichnet. Fotos werden auf der Homepage von "CNN" veröffentlicht, Filmaufnahmen werden, wenn sie den Ansprüchen des Senders entsprechen, auch gesendet. Bezahlt wird für die Leistung allerdings nicht. In den meisten Fällen muss der "Bürgerreporter" alle Verwertungsrechte an den jeweiligen Käufer abgeben. Die Nutzungsbedingungen von "CNN" sind da sehr deutlich. Genauso sieht es aus beim Sender "N24", der immerhin den Namen des Einsenders bei der Ausstrahlung nennt. Für das Material gibt es aber kein Geld, ebenso wie für Weiterverkauf oder -verwendung durch andere Medien. ... Die hehren Ziele des partizipativen Journalismus' bleiben bei dem Weg durch die Institutionen allerdings häufig auf der Strecke. Die "Bild"-Zeitung ruft ihre Leser dazu auf, per Foto-Handy oder Digitalkamera Bilder von Prominenten zu schießen, die sie irgendwo, am liebsten in einer peinlichen Situation, erwischen. Gerne nimmt "Bild" auch Fotos von Unfällen oder Katastrophen. Der Schnappschussjäger bekommt 500 Euro, "Bild" alle Rechte am Bild. Die Diskussion über Sinn und Unsinn dieser Art von Journalismus wird sehr kontrovers geführt. Welche Aufnahmen wie von wem wofür genutzt werden, liegt auch hier häufig in der Hand der großen Medien. Wenn Boulevardblätter Geld für Paparazzi-Fotos zahlen, werden sich vermutlich immer bereitwillige Schnappschuss-Fotografen melden. Wenn ein TV-Sender private Videoaufnahmen von Kriegsverbrechen zugespielt bekommt, muss er den Wahrheitsgehalt prüfen. Wenige diskutieren über die Manipulationsmöglichkeiten beispielsweise durch wissentlich manipuliertes Material. Befürworter sprechen von einer Kontrollfunktion über Politiker, Unternehmen und Lobbys, die die Öffentlichkeit stärker übernehmen könnte. Gäbe es Fotohandy-Beweise von Schmiergeldzahlungen an Regierungsmitglieder, die zufällig von einem Unbeteiligten beobachtet wurden, stärkte das die demokratische Kontrolle, argumentieren sie.
Mehr zum Thema: Die "Bild"-Zeitung darf mehrere Fotos ihrer "BILD-Leser-Reporter" nicht mehr verbreiten. Der frühere Außenminister Joschka Fischer und der Fußballspieler Lukas Podolski haben am Dienstag vor dem Landgericht Berlin entsprechende einstweilige Verfügungen erwirkt.

Und sonst: Tony Blair wird philosophisch: "Dies ist ein Krieg. Aber ein Krieg vollkommen unkonventioneller Art." - "Es ist ein globaler Kampf um globale Werte; es geht um Modernisierung, sowohl innerhalb als auch außerhalb des Islam." Dieser Kampf sei weniger mit Panzern zu gewinnen als mit Argumenten: "Zu Recht haben wir nach meiner Ansicht erkannt, dass man eine fanatische Ideologie nicht bekämpfen kann, indem man ihre Anführer einsperrt oder tötet; man muss ihre Ideen bekämpfen."

Al-Qaida will im Libanon mitspielen: Noch wird im Libanon geschossen, doch Ideologen der Qaida bereiten sich bereits auf die Nachkriegszeit vor. Ihr Ziel: das ausgeblutete Land mit Kämpfern infiltrieren. Entsprechende Pläne kursieren im Internet. Oder handelt es sich um gezielt lancierte Fälschungen?

Aus einem anderen unabgeschlossenen Krieg: Wer ist Steven D. Green: ein amerikanischer Soldat, dem der Irak-Krieg alle Hoffnung geraubt hat? Ein Killer, der eine irakische Familie auslöschte? "Ich habe einen Typen erschossen, der nicht anhalten wollte, als wir an einem Verkehrskontrollposten waren, und es war, als ob nichts passiert wäre", sagte er weiter. "Menschen zu töten ist hier wie eine Ameise zu zerquetschen. Ich meine, du tötest jemanden, und es fühlt sich an wie: Ok, lass uns eine Pizza essen gehen."

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2006-08-02

Vom Bürger-Journalismus zur Bürger-Propaganda

--- Dass die neuen Beteiligungsmöglichkeiten rund um den viel gehypten "Citizen Journalism" auch neue Formen der Propaganda ermöglichen, zeigt sich im gegenwärtigen Nahost-Krieg sehr gut:
Auf Videoplattformen im Internet treten arabische und israelische Propagandafilme gegeneinander an. Die einen setzen auf Emotionen und rücken zivile Opfer des Krieges in den Mittelpunkt, die anderen zeigen Luftaufnahmen der israelischen Luftwaffe. So etwas kennen die meisten nur aus Filmen: Eine friedliche Stadt, in der Sirenen laut heulen und verängstigte Menschen umherlaufen. Man spürt die Todesangst der Menschen. Die Amateuraufnahmen stammen aus Haifa und aus einer kleinen Siedlung irgendwo im Norden Israels. Der Krieg zwischen Israel und der Hisbollah - er beherrscht nicht nur die Nachrichtensendungen im Fernsehen. Auch auf Videoplattformen im Netz, allen voran YouTube, tauchen immer mehr Videos auf, die Leid, Tod und Zerstörung zum Thema haben. so häufen sich auf YouTube und auf Google Video professionell produzierte Filme, die brutale Fotos der Zerstörung zeigen und diese mit emotionaler Musik unterlegen. Viel mehr ist auch nicht nötig, um den Zuschauer zu erreichen - oder, um es drastischer zu sagen, zu schockieren. Denn was dort mitunter zu sehen ist, ist kaum zu ertragen. Gezeigt werden verstümmelte Leichen, Schwerverletzte, ängstliche Kinder, weinende Erwachsene. "Reality in Lebanon" heißt ein Film, der Fotos des Kriegsgrauens aneinanderreiht und mit Texteinblendungen kombiniert - dazu läuft traditionelle arabische Musik. ... Doch auch Israel nutzt die Internetvideos für die eigene Propaganda. Mehrere Filme zeigen Material, das offensichtlich von Drohnen der israelischen Luftwaffe stammt. In einem Video ist beispielsweise der Angriff auf Katjuscha-Abschussrampen aus der Luft zu sehen. Aufwendig produziert ist das Video "Die Hisbollah feuert Raketen aus Wohngebieten Kanas ab". Es soll womöglich die Angriffe auf die Stadt im Süden Libanons rechtfertigen, bei denen Dutzende Zivilisten umkamen und für die Israel im Ausland heftig kritisiert worden war.

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Propaganda-Krieg in Nahost

--- Der Krieg Israels gegen die Hisbollah ist auch ein Propaganda-Krieg, wie mehrere Medien momentan herausarbeiten. Spiegel Online etwa widmet sich zum einen der "Medienbetreuung" der Israelis vor Ort:
Der Anruf kommt pünktlich, morgens neun Uhr. "Hallo, hier ist das Government Press Office", flötet eine weibliche Stimme, "was haben Sie heute vor, brauchen sie noch eine Idee"? Danach sprudelt es: Gesprächspartner, eine Tour zu den von Raketen getroffenen Häusern Haifas - inklusive, mit Opfern zu sprechen. Ebenso kommt ein Experte mit, der die Raketen erklärt - "gern auch im O-Ton". Das Angebot ist noch nicht ausgeschöpft. "Das Highlight kommt noch", so die Dame vom Pressebüro der israelischen Regierung, kurz GPO. "Wir haben in Naharya ein Gespräch mit den Eltern eines entführten Soldaten", sagt sie. Die Eltern von Ehud Goldwasser, seit dem 12. Juli in der Hand der Hisbollah, stünden in einem Hotel bereit. Ein Dolmetscher? Nicht nötig. "Sie sprechen gutes Englisch, keine Sorge". ... Es ist nicht viel, was Schlomo Goldwasser zu sagen hat - die typischen Sätze, die Sicherheitsbehörden den Eltern von Gekidnappten einflüstern, wenn sie einen Aufruf durch die Medien senden wollen oder sollen. ... Propaganda gehört zum Krieg. Vor allem, wenn ein Staat seinen Waffengang als gerecht, als berechtigt erklären will. Der erste Irakkrieg, Afghanistan, noch etwas perfider vor dem zweiten US-Einmarsch im Irak, es war das gleiche Spiel. Ganze Abteilungen arbeiteten am emotional geprägten Bild, dass die Politik der Kriegslenker in den Medien stützen soll. Ein ganz normales Geschäft - PR für den Krieg eben. ... Die israelische Journalisten-Betreuung kommt trotzdem geradezu exzessiv daher. Kaum hat man sich bei der GPO akkreditiert, wird man mit e-mails und Telefonanfragen bombardiert. Muss man sich bei anderen Krisen gerade als Deutscher eher einschmeicheln, nach persönlichen Kontakten suchen, herrscht hier eine Art all-inclusive-Stimmung. Es wird nicht gelogen oder vertuscht - es wird gut betreut.
Zum zweiten gibt es in dem Online-Nachrichtenticker Einblicke in innovative Möglichkeiten der Handy-Nutzung im Krieg:
m andauernden Konflikt im Libanon wird eifrig per Handy kommuniziert: SMS und automatisierte Anrufe mit Tonbandansagen sind unter anderem Teil der psychologischen Kriegsführung. Die Berichte über den tödlichen Beschuss des UN-Beobachtungspostens im Süd-Libanon enthielten ein Detail, dass gewöhnlich nicht auftaucht, wenn es um kriegerische Auseinandersetzungen geht: Die Blauhelme riefen mehrmals bei einem israelischen Verbindungsoffizier an, um auf ihre prekäre Lage aufmerksam zu machen. ... So scheinen automatisierte Anrufe und SMS ein integraler Teil der "Psyops" (Psychological Operations) der israelischen Armee zu sein, denen sonst Websites wie "All 4 Lebanon" zuzurechnen sind: Laut der israelischen Zeitung "Maariv" werden dort Informationen gesammelt, die Israel helfen könnten, die Hisbollah zu bekämpfen. Nach Angaben der "BBC" erhielten unterdessen die Bewohner im Südlibanon vermeintlich aus Italien oder Kanada stammende Anrufe auf ihren Mobiltelefonen, bei denen eine Tonbandstimme im israelischen Auftrag dazu aufforderte, die Gegend zu verlassen, weil Gefechte bevorstünden. Dabei wird davon ausgegangen, dass die Hisbollah über die gleichen Mobilfunknetze mindestens bestimmte Teile ihrer Kommunikation abgewickelt hat. ... der britische "Guardian" berichtet von israelischer Propaganda per SMS: Demnach bekommen Handy-Nutzer im ganzen Libanon Nachrichten, in denen die Hisbollah und deren Führer Hassan Nasrallah für den Konflikt verantwortlich gemacht werden.
Telepolis berichtet derweil über die "Virtuelle Schlacht über das Image von Israel":
Das israelische Außenministerium hat Angestellte beauftragt, Webseiten und Internetforen zu beobachten, um Gruppen mit jüdischen Aktivisten in den USA und Europa Hinweise zu geben, wo sie Mitteilungen zur Unterstützung der israelischen Politik machen können. In einem Brief an pro-israelische Organisationen von Amir Gissin, dem Leiter der Öffentlichkeitsabteilung im Außenministerium, wurden diese auf "die Bedeutung des Internet als neues Kampfgebiet für das Image Israels" hingewiesen. Es sei jetzt notwendig, die Online-Aktivitäten besser zu machen und sie zu koordinieren. Empfohlen wird, das von einer israelischen Firma entwickelte "kostenlose, sichere und nützliche" Programm "Internet Megaphone" von der Website giyus.org herunterzuladen und zu installieren: "We need 100,000 Megaphone users to make a difference. So, please distribute this mail to all Israel's supporters." GIYUS (Give Israel Your United Support) wurde von der World Union of Jewish Students (WUJS) entwickelt und seit dem 19. Juli verbreitet, um der anti-israelischen Stimmung, die sich seit dem Krieg im Libanon verbreitet, entgegenzuwirken. Mittlerweile haben sich dem Projekt auch viele andere Organisationen angeschlossen. "Während Israel um seine Zukunft kämpft", so heißt auf der Webseite, "ist eine virtuelle Schlacht über das Image von Israel im Internet ausgebrochen." Der "Kampf um die öffentliche Meinung im Internet" sei der "härteste Kampf". Das Programm weist auf von einem Team von Studenten in Jerusalem ausgewählte Nachrichten in verschiedenen Sprachen im Web hin, auf die reagiert werden soll, aber auch auf Umfragen auf Webseiten, um dort die Meinung zugunsten von Israel zu beeinflussen.

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