2007-08-11

"Schöner Töten" im Hightech-Krieg

--- Die Süddeutsche Zeitung berichtet von der Konferenz "Unmanned Systems 2007":
"Hi, ich heiße Mark, und wir stellen hier die Killerbiene vor." Der "Networking-Lunch" auf der Jahreskonferenz der Association for Unmanned Vehicle Systems in Washington ist in vollem Gange, und Mark Page schmiert sich Mayonnaise auf das Schinkensandwich, das Israel Aerospace Industries gesponsert hat. Die "Killer Bee" ist ein futuristisches Karbon-Flugzeug mit drei Metern Spannweite. "Sie fliegt Aufklärungseinsätze, kann Waffen tragen, und sie macht sehr, sehr viel Spaß. Wie fast alles hier." Page weist mit einer kleinen Handbewegung auf die riesige Halle des Konferenzzentrums. Hunderte Flugzeuge neigen sich Richtung Decke, Armeetrucks parken zwischen Zimmerpalmen, und immer wieder kündet aufgeregtes Surren vom Nahen eines Roboters, der über den Teppich rollt. "Na, kleiner Kerl?" Schon in Bosnien setzte das amerikanische Militär Roboter ein, um Bomben zu beseitigen. Rund um die Uhr schießen unbemannte Predators mit ihren Raketen auf Ziele im Irak, gesteuert von Soldaten, die in bequemen Büros in Las Vegas sitzen und nach der Arbeit mit ihren Kindern im Garten spielen. Nun sollen die immer autonomeren Waffen wirklich anpacken. Ab 2015, so sieht es das Konzept "Future Combat System" vor, soll das, was langweilig, schmutzig und gefährlich ist, so weit wie möglich von unbemannten Systemen erledigt werden. Patrouille fahren also, Sandsäcke schleppen - und schießen. Wie diese neuen "Ko-Kombattanten" aussehen und der Krieg, der mit ihnen geführt werden wird, das lässt sich nirgends besser erleben als hier. Noch vor wenigen Jahren war die Messe kaum mehr als ein Erfindertreff. Heute wälzen sich 4000 Teilnehmer an 290 Ständen vorbei. Die Kampfmaschinen heißen SWORD und DAGR, Crusher, Spector und Protector, Voyeur und GoldenEye, Black Knight und Shadow. Schon die Namen verraten, wie unverblümt die Industrie die ideelle Heimat ihrer Produkte in der Science-Fiction- und Superhelden-Mythologie ansiedelt. Obwohl es in der Halle von patriotischer Ikonographie und sonoren Bekenntnissen zum "War on Terror" nur so trieft, obwohl wenig von dem, was hier gezeigt ist, ohne 9/11, Bush und den Irakkrieg möglich scheint, weht die Faszination des Phantastischen durch die Halle und zeichnet ein kindliches Lächeln auf viele Gesichter. Die Eröffnungsshow findet drei Stunden entfernt auf dem Navy-Stützpunkt Webster Field in Maryland statt. "Es sieht so aus, als haben wir ein paar Terroristen, die in unser Land eindringen wollen", klärt der joviale Moderator Frank Kingston Smith die eben erst vom Parkplatz Gekommenen auf. Das dürre Szenario muss genügen, die Parade von an die 30 Flugsystemen und Robotern zu motivieren. "Ich kann ihnen sagen, ich bin heilfroh, dass Global Hawk sie schon entdeckt hat", donnert Smith. "Jetzt soll Fire Scout rausfinden, was sie vorhaben." Der unbemannte Hubschrauber schnurrt in den feuchten Dunst über der Chesapeake Bay, während die Zuschauer unter den Flügeln des X-47B UCAS von Northrop Grumman vor der stechenden Sonne Schutz suchen. Der anthrazitfarbene Vogel ist nicht mehr als eine gezackte Scheibe, ein düsteres, bildschönes Stück Design wie aus einem anderen Jahrtausend.

... Jerry Burdett, ein auf die 70 zugehender Ingenieur vom Unmanned-Vehicle-Programm der Marines, ist skeptischer: "Je größer die Distanz zwischen Soldat und Ziel, desto problematischer wird es. Es gibt Leute, die kalt werden. Man sieht das heute schon, und deshalb werden Menschen ohne Grund umgebracht. Ich hoffe, die Entwicklung geht nicht hin zu einem Krieg wie aus ‚Terminator‘. Aber ich fürchte, wir werden genau das erleben."

... Soweit würde David Anhalt von SAIC nicht gehen. "Peng" macht es, und ein blauer Werbesoftball jagt in die Menge, doch gefeuert hat nicht das Gewehr, das er grinsend in der Hand hält, sondern das des Roboters, der jede von Anhalts Bewegungen genau nachvollzieht. Ganze Roboterteams schießen genau dorthin, wohin der Soldat schießt. Folgt ein Roboter zwei Soldaten, errechnet er einen Mittelwert aus den Zielen beider. Und wer von beiden ist dann für den ungewollten Tod des Kindes verantwortlich? "Wir sind Technologen. Die rechtlichen Fragen muss später jemand anders klären."
Mehr zu der Konferenz (aus Polizeisicht) bei CNet News.

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5 Comments:

At 11:38 vorm., Anonymous kandelaber said...

hast Du jetzt den kompletten Artikel quasi unkommentiert zitiert?

 
At 11:51 vorm., Blogger sk said...

nein, wieso? ich habe die stellen aus dem text herausgenommen, die mir besonders interessant bzw. symptomatisch erscheinen.

zum x-ten mal dazuzuschreiben, dass techniker nach wie vor oft ohne jeglichen ethischen hintergrund ihre entwicklungen vorantreiben und sich über die folgen ihres handelns kaum gedanken machen bzw. diese wegwischen, scheint mir nicht mehr erforderlich. das ist ja nun spätestens seit der A-bombe allgemein bekannt. der text spricht hier klar für sich.

 
At 11:57 vorm., Anonymous kandelaber said...

ok, sah nur so aus, weil man da als Leser praktisch einen massiven Textblock vor sich hat.

 
At 12:13 vorm., Anonymous Anonym said...

Ich denke mir irgendwann werden die die Dinger schon brauchen um Europa wider aus der Zange zu helfen. Wenn das so weiter geht hier in Germanistan und Europia dann wird das wohl nicht lange dauern.

 
At 9:08 nachm., Anonymous marlowe said...

Warum tauchen eigentlich Berichte über solche Themen im schöngeistigen Teil der Zeitung auf, im Feuilleton? Da ist natürlich mehr Plazt für lange Artikel -- aber eine höhere Reichweite dürfte ein solcher Text auf Seite 3 erreichen.

 

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