2008-01-31

Hessen-Abwahl: Nervöse Zone

--- Ja, was ist los in der Union, nachdem ihr Frontmann Roland Koch die Wahl in Hessen verloren hat und vermutlich bald schon nach Berlin wechseln wird, um dort sein Glück als Bundesminister zu versuchen? Da publizieren 17 Unionisten in einem Offenen Brief in der Zeit Kritik an der Jugend-Gewaltkampagne Kochs und dann? Nein, als Kritik an Koch sei das nicht zu verstehen, sagt der CDU-Chef von Berlin, Pflüger. Eine "Ergänzung" sei das, und die Medien wollten nur einen Keil zwischen den Autoren und Koch treiben.
So etwas treibt jedem Journalisten die Tränen in den Augen. Diesen Spin einer offenkundigen Information glaubt selbst der letzte rabenschwarze Journalist nicht mehr.

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2008-01-12

Aus Kriegssimulation im Golf wird fast Wirklichkeit

--- Der Zusammenstoss zwischen iranischen Schnellbooten und US-amerikanischen Zerstörern in der Straße von Hormus hatte ein interessantes Vorspiel, berichtet die New York Times:
There is a reason American military officers express grim concern over the tactics used by Iranian sailors last weekend: a classified, $250 million war game in which small, agile speedboats swarmed a naval convoy to inflict devastating damage on more powerful warships. In the days since the encounter with five Iranian patrol boats in the Strait of Hormuz, American officers have acknowledged that they have been studying anew the lessons from a startling simulation conducted in August 2002. In that war game, the Blue Team navy, representing the United States, lost 16 major warships — an aircraft carrier, cruisers and amphibious vessels — when they were sunk to the bottom of the Persian Gulf in an attack that included swarming tactics by enemy speedboats. “The sheer numbers involved overloaded their ability, both mentally and electronically, to handle the attack,” said Lt. Gen. Paul K. Van Riper, a retired Marine Corps officer who served in the war game as commander of a Red Team force representing an unnamed Persian Gulf military. “The whole thing was over in 5, maybe 10 minutes.”

If the attacks of Sept. 11, 2001, proved to the public how terrorists could transform hijacked airliners into hostage-filled cruise missiles, then the “Millennium Challenge 2002” war game with General Van Riper was a warning to the armed services as to how an adversary could apply similar, asymmetrical thinking to conflict at sea. General Van Riper said he complained at the time that important lessons of his simulated victory were not adequately acknowledged across the military. But other senior officers say the war game and subsequent analysis and exercises helped to focus attention on the threat posed by Iran’s small, fast boats, and helped to prepare commanders for last weekend’s encounter.

In the simulation, General Van Riper sent wave after wave of relatively inexpensive speedboats to charge at the costlier, more advanced fleet approaching the Persian Gulf. His force of small boats attacked with machine guns and rockets, reinforced with missiles launched from land and air. Some of the small boats were loaded with explosives to detonate alongside American warships in suicide attacks. That core tactic of swarming played out in real life last weekend, though on a much more limited scale and without any shots fired.
Und sonst: Die große Koalition sollte endlich einpacken: "Die Union kann mich mal!" Der Streit in der Großen Koalition eskaliert: SPD-Fraktionschef Struck provoziert im Konflikt um Jugendgewalt mit drastischen Worten - nachdem CDU und CSU ihn wegen eines Angriffs auf Koch als "infam, abstoßend, perfide" beschimpft hatten.

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2008-01-09

Hillary Clinton punktet nach öffentlichen Tränen

--- Das Zeigen von Emotionen scheint nicht nur Beziehungen manchmal zu retten, sondern auch Stimmen zu sichern in der Politik, jedenfalls konnte Hillary Clinton nach dem überraschenden Anfangserfolg von Barack Obama mit einer öffentlichen Gefühlsdarbietung und verweinten Augen nicht weniger unerwartet in New Hampshire bei der zweiten Vorwahl punkten. "Zurückgeheult ins Weiße Haus?", fragt die Welt daher frech online (Schlagzeile aber geklaut von der New-York-Times-Kolumnistin Maureen Dowd):
War es ihr tränenumflorter Blick, die brechende Stimme in einem Caféhaus am Morgen vor der Wahl, die Hillary Clinton retteten? Erbarmten sich die Frauen einer der Ihren, als sie einen Einblick gewährte, wie hart es ist, härter sein zu müssen als ein Mann, um Präsidentin zu werden? Man wird noch in Jahren darüber spekulieren, wie die Demoskopen in New Hampshire fast ohne Ausnahme so falsch liegen konnten und ob das Comeback Hillary Clintons der ersten offenen gezeigten Verletztheit in 35 Jahren geschuldet war. Oder doch der Fähigkeit, die Nöte, Hoffnungen und den Zorn der demokratischen Basis nach sieben Jahren Bush-Regierung besser zu erkennen als der Visionär Barack Obama mit seiner Botschaft von Heilung und neuem Aufbruch. Fest steht, dass ihr knapper Sieg der amerikanischen Demokratie einen Dienst erweist. Es gab keine Krönung, es gibt weder Underdogs noch Unvermeidlichkeit.
Neben den immer mal wieder falsch liegenden Demoskopen kommen nun natürlich die Amerika-Experten zu Wort. In der Netzeitung etwa Thomas Greven, der beide Favoriten bei den Demokraten nicht so ganz für die Mehrheit der Amerikaner für wählbar hält: Einige Amerikaner entwickeln für einen schwarzen Präsidenten sicherlich eine gewisse Begeisterung. Aber für das Gros der Amerikaner ist das eine schwierige Vorstellung. Offen wird das niemand zugeben, offener Rassismus ist nicht mehr opportun in den USA. Aber ein kulturelles Unbehagen ist da. Ich gehe davon aus, dass es angesichts des Erfolges von Obama eine Gegenbewegung geben wird. ...Eine konservative Frau wäre als Präsidentin für die Amerikaner leichter vorstellbar. Aber Clinton schleppt – wie schon gesagt - viel Ballast mit sich herum. Sie gilt in den USA als liberal, in Deutschland entspricht das einer links-liberalen Einstellung. Als Kandidatin wird sie offenen Widerstand provozieren und ihre Gegner stark mobilisieren. Beim Sieg John McCains bei den Republikanern sprechen viele Beobachter derweil gleich von einem Auferstehungswunder.

Und sonst: Infoschlacht um die iranische Schnellboot-Attacke im Persischen Golf: Erst bewies das Pentagon per Videoveröffentlichung die iranische Provokation im Persischen Golf - heute droht es der Regierung in Iran, sie müsse im Fall weiterer Konfrontationen auf See "Konsequenzen tragen". Provozierten iranische Boote US-Schiffe erneut, drohe ein Feuergefecht - und kein glimpflicher Ausgang wie bei dem Zwischenfall am Samstag. ... Die Szene stammt von Bord eines der US-Schiffe - dreieinhalb Minuten Filmmaterial, das die Darstellung des iranischen Außenministeriums widerlegt, es habe sich um einen "Routinezwischenfall" gehandelt. Ein Offizier der iranischen Revolutionsgarde hat laut Irans staatlichem TV-Sender "Press TV" geäußert, die USA hätten das Video gefälscht. ... Die entscheidenden 35 Sekunden O-Töne aus der Kommunikation zwischen Navy und einem der iranischen Boote hat das Pentagon veröffentlicht. Die Stimme eines Iraners sagt mit starkem Akzent auf Englisch: "Ich komme auf euch zu." Ruhig, aber bestimmt, erwidert ein US-Soldat: "Zwei Boote nähern sich unseren Kriegsschiffen. Ihre Identität ist nicht bekannt. Ihre Intentionen sind unklar." Man solle die Kommunikation aufnehmen. Dann pariert der iranische Soldat: "Ihr werdet in ein paar Minuten in die Luft fliegen" - als handelte es sich um einen militärischen Angriff oder ein Selbstmordattentat. Der US-amerikanische Soldat wiederholt diese Aussage. Dann endet die Pentagon-Aufnahme. Da kann man ja mal wieder glauben, wem man will.

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2008-01-04

Taugt Barack Obama als großer Hoffnungsträger?

--- Barack Obama hat sich in seiner Siegesrede nach dem überraschenden Triumph in Iowa bei den Vorwahlen als Hoffnungsträger stilisiert: Der dunkelhäutige Demokrat sprach von einem "entscheidenden historischer Moment. Wir sind eine Nation, wir sind ein Volk, die Zeit des Wandels ist gekommen." Er sei angetreten, um die "Politik der Teilung, der Ängstlichkeit und der Bitterkeit" in Washington zu beenden, zielte er nicht nur gegen die Bush-Regierung, sondern das gesamte Establishment. Ganz in diesem Sinne wandte er sich auch gegen "die Lobbyisten, die meinen, ihre Stimme sei lauter als die der Regierung und des Volkes". Ferner gelobte der 46-Jährige, "das Land von der Tyrannei des Öls ein für allemal zu befreien" und natürlich die "Truppen heimzubringen". Als internationale "Bedrohungen" nannte er unter anderem Terrorismus, Nuklearwaffen und Klimawandel. 9/11 müsse aber als Punkt der Einheit des Landes und der Welt betrachtet werden. "Menschen, die dieses Land lieben, können es ändern", ging es salbungsvoll bei der Selbstdarstellung als Inbegriff des - aber natürlich allen offen stehenden - American Dream weiter: "Meine Reise startete in den Straßen von Chicago." Es handle sich um eine Geschichte, "die sich nur in den USA abspielen konnte". Nun gehe es darum, "das Leben der Menschen ein wenig besser", den "Planeten etwas sicherer und sauberer zu machen." Am Anfang und Ende seiner Dank- und Kampfrede sprach Obama von einem historischen Augenblick, dem "Moment, in dem alles begann". Er gab ganz amerikanisch der Hoffnung Ausdruck: "Etwas Besseres weckt uns auf, wenn wir den Mut haben, dafür zu kämpfen." Die Geschichte werde "nicht für uns, sondern von uns geschrieben. Wir können die Welt so gestalten, wie wir sie wollen." Das Land verwandeln, "Stein bei Stein". Denn "gewöhnliche Leute können außergewöhnliche Dinge vollbringen". Und am Ende stand das pathetische Credo: "Wir sind bereit, wieder zu glauben." An was auch immer. Interessanterweise ist auch der unerwartete Iowa-Sieger der Republikaner, Mike Huckabee, gegen das Washingtoner Establishment gerichtet, und als Baptist ein guter Prediger. Die harte Rhetorik des Kriegs gegen den Terror der Bush-Ära scheint also so oder so in den USA aus der Mode gekommen zu sein.



Doch die beiden "Emporkömmlinge" werden es schwer haben:
Recent history hasn't been kind to insurgents who won early caucuses and primaries, with all of them faltering in later states. Obama and Huckabee now join Democrats Gary Hart (1984) and Paul Tsongas (1992), and Republicans George H.W. Bush (1980), Bob Dole (1988), Pat Buchanan (1996) and John McCain (2000), who each marshaled time-for-a-change anger to win a hotly contested race in Iowa or New Hampshire, only to fall to the favorite of their party's establishment. There are reasons to believe Obama and Huckabee are in better shape than any of those candidates, but the experiences of past insurgents suggest that Obama and Huckabee still have many challenges ahead of them. ... In the end, Clinton's emphasis on experience cast her as the candidate of Washington, a creature of her résumé. In New Hampshire, where Clinton has a stronger base of support than in Iowa, she will almost certainly make her point about Obama's vulnerabilities clearer. She'll also amp up her criticism of his "new politics" as a campaign slogan rather than a valid blueprint for change.
Ansonsten hier das Wahlergebnis aufgeschlüsselt nach Anteilen an allen 356.000 abgegebenen Stimmen, wonach 24,5% auf Obama, 20,5% auf John Edwards, 19,8% auf Hillary Clinton und nur 11,4% auf Huckabee entfielen. Gabor Steingart von Spiegel Online hält derweil an seinem Anti-Obama-Kurs fest: Wann immer er die Nebelwelt seiner wohlklingenden Wechselrhetorik verläßt, kommt ein Mann zum Vorschein, dessen Unsicherheit und Unerfahrenheit einem kühlen Beobachter unwillkürlich ins Auge sticht. Wired.com macht zudem Blogger, Jungwähler und Online-Kampagnen für den Ausgang der ersten Vorwahl verantwortlich, während Süddeutsche.de eine US-Blogschau unter dem Aufhänger "Wandel schlägt Erfahrung" liefert.

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2008-01-03

Propaganda muss nicht Newspeak sein

--- Lesenswerter Aufsatz von Nicholas Lemann über Sprache, Rhetorik, Information und Politik unter anderem am Beispiel des "Kriegs gegen den Terror": The Limits of Clear Language. Orwell worried about polluted language, but polluted information is more toxic:
There are really two distinct kinds of bad political writing: the overcomplicated, unclear kind, and propaganda. The first kind is dangerous because people in power can use it to fuzz up what they are doing and thus avoid accountability—think of a word like “rendition”—but it is usually not persuasive, because persuasion is not its intent. Propaganda, on the other hand, is often quite beautifully and clearly written. When it works, it works by virtue of being simple and memorable. What is dangerous about propaganda is that it is misleading. ...

Bush was responding to a successful terrorist attack by declaring war, not against the attackers themselves but against unspecified “enemies of freedom.” Thus, as in 1984, the United States was in a war without a definite beginning or end point, against whomever Bush wanted it to be against. Still, the speech wasn’t exactly Newspeak—its rhetoric was neither purposely obscure nor flat and simple to the point of meaninglessness. It was meant to have a genuine, persuasive emotional effect, and it did. ...

All politicians use slogans. Most significant legislation is given a meaning-obscuring name, for instance, the USA patriot Act and the No Child Left Behind Act. The way we respond to these uses of language is partly conditioned by our political preferences. Conservatives, who admire Orwell today no less than liberals do, find Franklin Roosevelt’s New Deal and Lyndon Johnson’s Great Society (pretty names for great expansions in the charter of the federal welfare state) to be Orwellian uses of language. Every recent president has seemed to his opposition to have used political spin at an unprecedented and alarming level, and every party out of power believes that if it can only use language more effectively (as opposed to more honestly), it will win again. ...

To my mind, an even more frightening political prospect than the corruption of language is the corruption of information. Language, especially in the age of the Internet, is accessible to everybody. ... Information, on the other hand, is much less generally accessible than words. When the process of determining whether the facts of a situation have been intentionally corrupted by people in power (whether, let’s say, Saddam Hussein had the ability to produce nuclear weapons, or whether a new drug has harmful side effects), there often is no corrective mechanism at hand, as there is in cases of the intentional corruption of language. Intellectual honesty about the gathering and use of facts and data is a riskier and more precious part of a free society than is intellectual honesty in language.
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Sarkozy auf den Spuren von Berlusconi + Blair

--- Der französische Präsident wird mit seinem gekonnten Medienspinning zum Dauergast beim Spindoktor. Dieses Mal betrachtet die FTD seinen Hang zum Boulevard und zur pompösen Selbstinszenierung, der schon manchem Politiker aber auch das Genick gebrochen hat:
Der Präsident auf Visite im Disneyland Paris an der Seite seiner neuen Geliebten Carla Bruni, der Präsident beim Anziehen, das Bett des Präsidenten mit seiner doppelten Kopfkissengarnitur, der Präsident beim Joggen, beim Feiern, beim Urlauben - Frankreich wird derzeit überschwemmt von einer ikonoklastischen Bilderflut, die Kultur- und Politikgeschichte schreibt. Au revoir Diskretion, bonjour Bling-Bling: In lustvoller Selbstdarstellung inszeniert Nicolas Sarkozy sein privates wie politisches Leben als eine Reality-Show, die das Land in Atem hält. Kaum eine Woche vergeht, ohne dass der Präsident einen neuen Mediencoup landet. Als Material taugt alles, was Sarkozy will, erlebt, tut. Trübt ein Flop wie der kommunikationspolitisch missratene Parisbesuch des libyschen Diktators Muammar al-Gaddafi das Image, wird die Öffentlichkeit flugs mit neuen Bildern beschäftigt und abgelenkt - siehe das Bett und die Bruni. Die Medienstrategie ist nach den Kriterien des Product-Placements meisterhaft ... Wer nach Vorbildern für Sarkozys Kommunikations- und Darstellungstechnik sucht, wird im Ausland fündig. Von Tony Blair hat der Präsident gelernt, die Medien einem nie abebbenden, selbst produzierten Strom von Ereignissen auszusetzen, der den Eindruck der Dynamik erzeugt und es Journalisten schwieriger macht, den Überblick über Vorhaben und ihre Umsetzung zu behalten. Der italienische Medienmagnat Silvio Berlusconi hat als Premier seines Landes demonstriert, dass eine Mehrheit der Wähler nichts dagegen hat, wenn der Regierungschef neben Politik das eigene Leben zum Gegenstand seiner Darstellung macht, und dass Luxuskonsum unproblematisch ist, sofern er mit volksnahem Habitus einhergeht. Warum soll sich ein Spitzenpolitiker das verweigern, was das Volk Fußballern und Popstars gönnt?
Und sonst: John Edwards - der von den Medien verdrängte Präsidentschaftkandidat der Demokraten: USA Today Squeezes Edwards Out of Race. Via PR Watch.

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