2008-03-30

Greenpeace: Angriff per Gedankenbombe

--- Heute widmet sich die Welt am Sonntag via Gastbeitrag des Soziologen und PR-Beraters Martin Ludwig Hofmann der Umweltorganisation Greenpeace und wie sie es geschafft hat, ihre Kampagnen medial zu transportieren. Hofmann spricht von "Gedankenbomben", die die Umweltschützer werfen und so eine neue Form des Kampagnenmanagements geschaffen hätten. Als Beispiel führt er eine Aktion von Greenpeace im Nordpazifik an, die 1975 stattfand und sich gegen die Schlachtung von Walen richtete. Es ging darum, dass dramatische Beweisfoto zu schießen.
"„Ich drückte mehrfach den Auslöser, dann starrte ich auf Bob Hunter. Er schaute mir direkt in die Augen und hob seine geballte Faust.“ Mission erfüllt! Greenpeace hatte, was es so dringend brauchte: Emotionsgeladene Fotos, die als Beweisstücke in einem weltweiten Krieg dienten. Munition für „Mindbombs“, die in den Köpfen der Zeitungsleser und Fernsehzuschauer zünden sollten.
Der Begriff „Gedankenbombe“ stammt von Bob Hunter, dem visionären Kopf der frühen Greenpeace-Bewegung. Inspiriert von den medientheoretischen Schriften seines kanadischen Landsmanns Marshall McLuhan, plädierte Hunter schon früh für die Übernahme von Techniken und Taktiken moderner Werbung ins Feld der neuen sozialen Bewegungen. Wenn Konzerne für ihre Produkte erfolgreich Kampagnen entwickeln können, um in das Bewusstsein der Menschen vorzudringen – warum sollte das nicht auch der Öko-Bewegung gelingen?"

Das Foto war also im Kasten, nun musste es nur noch über die Medien transportiert werden.

"Hier kommen die „Mindbombs“ ins Spiel, einfache Bilder für komplexe Zusammenhänge, die durch Medien transportiert werden und in den Köpfen der Menschen emotionale Wirkung entfalten – sprich: explodieren. Das Ganze in das Korsett einer internationalen Kampagne gepackt, umrahmt von griffigen Slogans und später sogar eigenen Merchandising-Produkten. Man denke an die hunderttausendfach verkauften Aufkleber, Poster oder T-Shirts, auf denen auch hierzulande die Weissagung der Cree-Indianer unters Volk gebracht wurde: „Am Ende werdet Ihr merken, dass man Geld nicht essen kann“."

Spindoktoren und PR-Berater nutzen die Gedankenbomben heute auch gerne.

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2008-03-29

LiveLeak zensiert Anti-Islam-Film "Fitna"

--- Just LiveLeak, das nicht gerade für Sensibilität bekannte ehemalige Ogrish.com, hat das heftig umstrittene "Fitna"-Video von seinen Seiten genommen:
Nicht einmal einen Tag lang war der Anti-Islam-Film Fitna von Geert Wilders auf dem britischen Videoportal LiveLeak.com abzurufen, wo dieser ihn gepostet hatte, nachdem die Website seiner Freiheitspartei aufgrund der Nachfrage nach dem Film zusammen gebrochen war. Der weithin kritisierte Film, der mit kruden Mitteln versucht, den Koran als Grundlage einer faschistischen Ideologie darzustellen, die nach der Weltmacht strebt, hat zumindest nach außen hin nicht den von Wilders bezweckten Aufruhr provoziert. Wie anstelle des Videos bei LiveLeak mitgeteilt wird, habe man den Film aufgrund von nicht näher benannten Drohungen gegenüber den Mitarbeitern vom Netz genommen. Man habe keine andere Wahl gehabt, heißt es in dem Statement, das sei ein schlechter Tag für die Meinungsfreiheit. Allerdings ist der Film dutzendfach auf YouTube (wenn auch meist nur für Internetnutzer, die sich angemeldet haben) und auf vielen anderen Webseiten zugänglich. ... Wilders wird auch von unerwarteter Seite kritisiert. So fordert der dänische Karikaturist Kurt Westergaard, dass seine Mohammed-Karikatur mit der Zündschnur im Turban aus dem Film entfernt werden muss. Er sei von Wilders nicht um Erlaubnis gefragt worden. ... Bei der Auseinandersetzung um den Film wird von den islamophoben Parteigängern Wilders weniger der Inhalt des Films diskutiert, sondern meist nur die Behauptung der Meinungsfreiheit ins Feld geführt. Gelegen kommt da nun, dass LiveLeak das Video vom Netz genommen hat. Daran sehe man, welche Macht die Muslime bereits haben. Angefangen von UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon sehen viele in dem Film allerdings ... einen Aufruf zur Gewalt und eine Hasspropaganda.
Update: LiveLeak hat das Video wieder online gestellt.

Passend zum Thema: Trends in Cybercensorship. A talk with an editor of Access Denied: The Practice and Policy of Global Internet Filtering about the recent rise in Web censorship.

"Die andere Seite" ist derweil auch nicht untätig, wenn es um die Produktion von Propaganda-Videos geht: Dokumentationsfilm des "bayerischen Taliban": Lächelnd zum Selbstmordattentat. Es sind die letzten Minuten im Leben des Cüneyt Ciftci: Der junge Mann aus dem bayerischen Ansbach verabschiedet sich lächelnd von seinen afghanischen Begleitern. Wenig später zündet er seine Bombe.

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2008-03-20

Irak-Krieg: Abschießen und dann die Schaufel drauf

--- Zum fünften Jahrestag der Invasion des Iraks gibt es nicht nur zahlreiche Demonstrationen in den USA, sondern auch vor Ort eingesetzte Soldaten berichten unter dem Aufhänger "Winter Soldiers" (also keine "Sommersoldaten", die sich nur bei eitel Sonnenschein auf die Straße wagen) über die harten Einsätze und Befehle. Aufzeichnungen von Aktionen der Veteranen gibt es bei YouTube, eine Zusammenfassung in der Netzeitung:
«Wenn wir uns einer Stadt näherten, in der bereits viele von uns gefallen waren, dann galt praktisch: Feuer frei. Wir wurden angehalten, auf alles zu schießen, was sich bewegt», berichtet der ehemalige Irak-Soldat Jason Washburn. «Und wir führten die Befehle aus. Wir feuerten auf eine Frau, die mit einer großen Tasche auf uns zukam. Als sich der Staub gelegt hatte, sahen wir auf dem Boden verstreute Lebensmittel. Sie wollte uns etwas zu Essen bringen, dafür schossen wir sie nieder», erzählt der sichtlich erschütterte Mann. ... «Wenn Zivilisten anfangs versehentlich erschossen wurden, sollten Schaufeln oder Waffen auf den toten Körper gelegt werden, um behaupten zu können, es handle sich um Aufständische», berichtet Washburn weiter. «Bei meinem dritten Einsatz lautete der Befehl: Wir schießen auf Zivilisten, wenn sie Schaufeln und große Taschen bei sich tragen. Also führten wir Schaufeln und große Taschen gleich im Fahrzeug mit uns.» ... Ein anderer früherer Soldat, John Michael Turner, wirft seine Medaillen, mit denen er für seine Verdienste im Irakkrieg ausgezeichnet wurde, auf den Boden. «Am 18. April 2006 beging ich den ersten offiziellen Mord», erzählt Turner den Anwesenden bei der Veranstaltung in Washington. «Der Mann war unschuldig. Als er zu seinem Haus ging, tötete ich ihn - vor den Augen seines Vaters und seines Freundes. Beim ersten Schuss schrie er auf und sah mich an. Ich sagte zu meinem Freund: 'Das kann ich nicht zulassen' und schoss ein zweites Mal. Danach wurde ich beglückwünscht.»


Ansonsten zum Jahrestag: Der Bundesnachrichtendienst muss sich mit schweren Vorwürfen auseinandersetzen. Die Pullacher sollen ihre US-Kollegen im Vorfeld des Irakkriegs mit falschen Informationen versorgt haben.

Und bin Laden hat sich auch mal wieder per Tonband zu Wort gemeldet: Die Europäer hätten in ihrem «Unglauben übertrieben», und der Papst führe einen neuen Kreuzzug gegen den Islam. Das erklärte der Al-Qaeda-Führer Bin Laden in einer Tonaufzeichnung - und hat wegen der Mohammed-Karikaturen diesmal auch Dänemark im Visier.

RapP€€r Steinbrück hat zu viel Geld und rappt über den Vers I love cash". Symbolische Politik vom feinsten aus der Bundesrapkonferenz, groovt ziemlich mit dem Chorus im Hintergrund.

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2008-03-19

Zypries spinnt sich die Vorratsdatenspeicherung schön

--- Das Bundesverfassungsgericht hat mal wieder eine seiner "salomonischen" Entscheidungen gefällt -- und zwar zu der seit Jahren als Paradigmenwechsel im Datenschutz ausgemachten verdachtsunabhängigen Vorratsspeicherung von Telefon- und Internetdaten. Kein Wunder also, dass mal wieder alle Seiten den Beschluss über einen Eilantrag im Rahmen einer Verfassungsbeschwerde von über 30.000 Bürgern begrüßen. Allen voran natürlich Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD), die an den entsprechenden Brüsseler Vorgaben mitgestrickt und federführend für die darüber hinausgehende Umsetzung ins deutsche Recht verantwortlich war. Dass die Verbindungsdaten nicht nur für die Verfolgung "schwerer Straftaten" abgegriffen werden dürfen, wie es die EU-Richtlinie vorsieht, sondern auch etwa für "mittels Telekommunikation begangene" (z.B. Urheberrechtsverletzungen im Internet), hat Karlsruhe jetzt aber als erstes einmal vorübergehend kassiert. Zudem enthält ihre Ansage zahlreiche Hinweise darauf, dass die gigantische Datensammlung insgesamt zu weit gehen könnte. Aber das ist Sache der Hauptverhandlung. Schon allein die Tatsache, dass die roten Roben vorab klare Einschränkungen der Datenverwendung vorgenommen haben, ist ein eigentlich nicht zu überhörender Paukenschlag. In dem Beschluss ist konkret nachzulesen:
Die sechs Monate andauernde Möglichkeit des Zugriffs auf sämtliche durch eine Inanspruchnahme von Telekommunikationsdiensten entstandenen Verkehrsdaten bedeutet eine erhebliche Gefährdung des in Art. 10 Abs. 1 GG verankerten Persönlichkeitsschutzes. Dass ein umfassender Datenbestand ohne konkreten Anlass bevorratet wird, prägt auch das Gewicht der dadurch ermöglichten Verkehrsdatenabrufe. Von der Datenbevorratung ist annähernd jeder Bürger bei jeder Nutzung von Telekommunikationsanlagen betroffen, so dass eine Vielzahl von sensiblen Informationen über praktisch jedermann für staatliche Zugriffe verfügbar ist. ... Ein solcher Datenabruf ermöglicht es, weitreichende Erkenntnisse über das Kommunikationsverhalten und die sozialen Kontakte des Betroffenen zu erlangen, gegebenenfalls sogar begrenzte Rückschlüsse auf die Gesprächsinhalte zu ziehen. Zudem weist ein Verkehrsdatenabruf eine erhebliche Streubreite auf, da er neben der Zielperson des Auskunftsersuchens notwendigerweise deren Kommunikationspartner erfasst, also vielfach Personen, die in keiner Beziehung zu dem Tatvorwurf stehen und den Eingriff durch ihr Verhalten nicht veranlasst haben.
Zypries gibt sich trotzdem (noch) unverzagt: Das Gericht lässt die Speicherung von Telekommunikationsverkehrsdaten zu, es lässt auch weitgehend die Übermittlung der Daten durch die Telekommunikationsunternehmen an die Strafverfolgungsbehörden zu Strafverfolgungszwecken zu. Damit könne Deutschland nun weiter seinen "europarechtlichen Verpflichtungen" made in Germany et al. nachkommen. Aber falls der EuGH diese nicht aufhebt, wird Karlsruhe im eigentlichen Urteil ein noch deutlicheres "Machtwort" sprechen müssen. Mehr zum Thema u.a. bei heise, Golem + Süddeutsche.

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2008-03-18

US-Propaganda-Operationen gegen al-Qaida

--- Die New York Times berichtet, dass sich die US-Regierung gezielt auf einen Gegenfeldzug zur islamistischen Propaganda im Internet eingelassen hat:
Interviews with more than two dozen senior officials involved in the effort provided the outlines of previously unreported missions to mute Al Qaeda’s message, turn the jihadi movement’s own weaknesses against it and illuminate Al Qaeda’s errors whenever possible. A primary focus has become cyberspace, which is the global safe haven of terrorist networks. To counter efforts by terrorists to plot attacks, raise money and recruit new members on the Internet, the government has mounted a secret campaign to plant bogus e-mail messages and Web site postings, with the intent to sow confusion, dissent and distrust among militant organizations, officials confirm. ...

Terrorists hold little or no terrain, except on the Web. “Al Qaeda and other terrorists’ center of gravity lies in the information domain, and it is there that we must engage it,” said Dell L. Dailey, the State Department’s counterterrorism chief. Some of the government’s most secretive counterterrorism efforts involve disrupting terrorists’ cyberoperations. In Iraq, Afghanistan and Pakistan, specially trained teams have recovered computer hard drives used by terrorists and are turning the terrorists’ tools against them. “If you can learn something about whatever is on those hard drives, whatever that information might be, you could instill doubt on their part by just countermessaging whatever it is they said they wanted to do or planned to do,” said Brig. Gen. Mark O. Schissler, director of cyberoperations for the Air Force and a former deputy director of the antiterrorism office for the Joint Chiefs of Staff. Since terrorists feel safe using the Internet to spread ideology and gather recruits, General Schissler added, “you may be able to interfere with some of that, interrupt some of that.” “You can also post messages to the opposite of that,” he added. Other American efforts are aimed at discrediting Qaeda operations
Hat ja offenbar ne Weile gedauert, bis sich derlei Gegenmaßnahmen rumgesprochen haben. Auf jeden Fall besser als ständige Rufe nach mehr Überwachung aller im Netz, wie sie hierzulande en vogue sind.

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Fünf Jahre Irak-Krieg - auch im Netz

--- Es jährt sich mal wieder der Beginn des Irak-Krieges - und auch wenn es da wenig zu feiern gibt, erhöht sich zwangsweise mal wieder das Medieninteresse. AP etwa berichtet über den Krieg im Internet - allerdings mit sehr eingeschränktem Fokus auf die Milblogger:
The black-shrouded Web site opens with a soldier's silhouette and the pounding rhythm of Nine Inch Nails: ''Into the fire you can send us,'' the words go. ''From the fire we return.'' This is the Unlikely Soldier's blog, where a young infantryman known as The Usual Suspect rants and shares his experiences in what soldiers call The Sandbox. ''One year ago,'' when his unit first arrived in Iraq, ''we were nervous and excited and apprehensive. Ready to do this. Green as snot. I was all sorts of optimistic, thinking we were going to do great things and kick lots of ass, GI Joe hero type (expletive). That we could be cool with the people, and bring the hammer down on the baddies.'' Then, every soldier's nightmare: ''A low rumble shakes my Stryker (armored vehicle), and two of our guys are killed by an IED while they were dismounted. ''People emerged from their houses and cheered.'' This is the war in 2008 -- coming to a computer near you. Wars have often been defined by the new technologies that shaped them. The Civil War was the first photographed conflict in U.S. history, news of World War II was delivered by movie news reels, television made Vietnam the living room war and Desert Storm was the first war broadcast live by satellite. Historians will likely remember Operation Iraqi Freedom as iWar v1.0. The Web has done more than quicken reporting from the battlefield; it has made war interactive. Al-Qaida militants, conservative bloggers, peace activists, Iraqi civilians and the U.S. military all use the Internet to distribute their versions of the truth. They often engage in e-mail debates, but more often sink to slurs and threats when challenging an opposing point of view. ... Rear Adm. Gregory Smith, the top military spokesman in Iraq, insists that blogging soldiers need not worry, as long as they follow the same rules as embedded journalists and do not reveal information that could endanger operations or lives.
Keine Zensur, alles klaro, genauso wie für George "Mission längst accomplished" Bush und seinen Adlaten Dick Cheney, der gerade auf Promo-Tour vor Ort ist: it has been a difficult, challenging but nonetheless successful endeavor ... and it has been well worth the effort. Dabei hat inzwischen auch das Pentagon bestätigt, dass die vom Weißen Haus erfundenen Verknüpfungen zwischen Saddam Hussein und Al-Qaida Märchen waren. Interessant auch, wie große europäische TV-Sender Meinungsumfragen zur Zukunft des Irak auslegen: Der Eindruck entsteht, dass die BBC eine Periode von drei Jahren und die ARD sicherheitshalber nur von zwei Jahren herangezogen haben, um zu einem guten Ergebnis zu kommen. Da sage noch einer, die Medien würden alles nur schlecht reden wollen. Wenn man sich die Zahlen aus früheren Umfragen anschaut, dann haben 2005 noch 71 Prozent und 2004 70 Prozent gesagt, dass es ihnen persönlich sehr gut oder gut gehe. Immerhin sind das 15 Prozent mehr als im März 2007.

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Karlsruhe stärkt Pressefreiheit im Unterhaltungsbereich

--- Das Bundesverfassungsgericht hat die Pressefreiheit im Entertainment-Bereich mit einem aktuellen Urteil zur Bildberichterstattung über Prominente ein wenig gestärkt. Es geht mal wieder um Fotos von Caroline von Hannover/Monaco und dem Fürsten. Die Karlsruher Richter dazu allgemein und im Besonderen:
Auch die "bloße Unterhaltung" nimmt am Schutz der Pressefreiheit teil. Unterhaltung kann wichtige gesellschaftliche Funktionen erfüllen, so wenn sie Realitätsbilder vermittelt und Gesprächsgegenstände zur Verfügung stellt, an die sich Diskussionsprozesse anschließen können, die sich auf Lebenseinstellungen, Werthaltungen und Verhaltensmuster beziehen. Der Schutz der Pressefreiheit umfasst auch unterhaltende Beiträge über das Privat- und Alltagsleben prominenter Personen und ihres sozialen Umfelds, insbesondere der ihnen nahestehenden Personen. Es würde die Pressefreiheit in einer mit Art. 5 Abs. 1 GG unvereinbaren Weise einengen, bliebe die Lebensführung dieses Personenkreises einer Berichterstattung außerhalb der von ihnen ausgeübten Funktionen entzogen. Dabei dürfen nicht nur skandalöse, sittlich oder rechtlich zu beanstandende Verhaltensweisen, sondern auch die Normalität des Alltagslebens und in keiner Weise anstößige Handlungsweisen prominenter Personen der Öffentlichkeit vor Augen geführt werden, wenn dies der Meinungsbildung zu Fragen von allgemeinem Interesse dienen kann.

Von der Pressefreiheit ist die Befugnis der Massenmedien umfasst, selbst zu entscheiden, was sie für berichtenswert halten. Dabei haben sie den Persönlichkeitsschutz Betroffener zu berücksichtigen. Im Streitfall allerdings obliegt die maßgebliche Gewichtung des Informationsinteresses bei der Abwägung mit gegenläufigen Interessen der Betroffenen den Gerichten. Im Zuge der Gewichtung des Informationsinteresses haben diese allerdings von einer inhaltlichen Bewertung der Darstellung als wertvoll oder wertlos abzusehen und sind auf die Prüfung und Feststellung begrenzt, in welchem Ausmaß der Bericht einen Beitrag für den Prozess der öffentlichen Meinungsbildung zu leisten vermag. Für die Gewichtung des Persönlichkeitsschutzes wird neben den Umständen der Gewinnung der Abbildung etwa durch Ausnutzung von Heimlichkeit oder beharrliche Nachstellung auch bedeutsam, in welcher Situation der Betroffene erfasst und wie er dargestellt wird.

[So] ist die Pressefreiheit verletzt, indem der Verlegerin der Zeitschrift "7 Tage" die Beigabe einer visuellen Darstellung der Beschwerdeführerin zu einem Beitrag über die Vermietung einer Ferienvilla in Kenia verboten worden ist. Die Gerichte haben es unterlassen, den Informationsgehalt des Berichts näher zu würdigen, der in der Zeitschrift mit den Worten eingeleitet werden war "Auch die Reichen und Schönen sind sparsam. Viele vermieten ihre Villen an zahlende Gäste".
Das Urteil könnte aber in anderer Hinsicht auch Sprengkraft entfalten, denn es zieht der reinen Paparazzi-Fotoberichterstattung auch Grenzen beziehungsweise revidiert hier die bestehende Rechtsprechung nicht wirklich. Die Süddeutsche kommentiert (etwas im Kampfeifer): Das ist das Ende des Paparazissmus. Das ist das juristische Aus für den klebrigen Eifer, mit dem so manche Fotografen bunter Blätter echten und unechten Prominenten nachstellen. Das ist ein Verbot, Stars und Sternchen aufzulauern, um sie im Skilift, vor der Konditorei, beim Nasenbohren oder bei sonstigen privaten Unpässlichkeiten zu fotografieren und dann mit diesen Fotos Geld zu verdienen. Das Interdikt gilt für die Profi-Fotografen; es gilt auch für sogenannte Leserreporter, die angestiftet und bezahlt von Boulevard-Medien, mit ihren Foto-Handys die Privat- und Intimsphäre zerschießen. Und es gilt für alle Blätter und alle Medien, die solche Fotos für den Inbegriff der Pressefreiheit halten. Das Bundesverfassungsgericht sagt: Die blanke Neugier, der pure Voyeurismus rechtfertigt die Verletzung der Privatsphäre nicht, auch dann nicht, wenn er sich das Mäntelchen der Pressefreiheit umhängt. Dagegen ist nichts zu sagen. Im Gegenteil: Die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts kann dazu dienen, die Pressefreiheit zu stärken.

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Tui: Skandalöse Vorwürfe

--- Warum, so fragen sich vielleicht eingie, halten sich bestimmte Menschen an der Spitze, ganz gleich, welche Fehler sie begehen und ganz gleich, wie unflätig sie sich ihrem Arbeitgeber gegenüber benehmen. Bei Hartmut Mehdorn, Chef der Deutschen Bahn AG, kommt einem dieser Gedanke. Aber auch bei Tui-Chef Michael Frenzel. Beide sind Freunde von Alt-Bundeskanzler Gerhard Schröder, der heute mit seinen Kontakten anch Russland Geld verdient. Heute erklärt im SZ-Interview der amerikanische Investor Guy Wyser-Pratte woran es seiner Meinung nach liegt. Ihn stört die Deutschland AG, jenes Geflecht von Helfern und Hilfebedürftigen, von Abhängigkeiten und Gefälligkeiten, von Steigbügelhaltern und Abschottern. Er wirft Frenzel skandalöse Dinge vor, angefangen von Kumpanei bis hin zur Bestechung. Bitte genau lesen!

SZ: Was ist schiefgelaufen bei TUI?

Wyser-Pratte: Seit 13 Jahren gibt es bei TUI einen strategischen Zickzackkurs. Vieles, was Michael Frenzel verkaufte, hat sich später im Wert verdoppelt oder verdreifacht. Wenn er Firmen kaufte, tat er es auf dem Höhepunkt des Marktes und die Kurse fielen.

SZ: Sollte Frenzel gehen?

Wyser-Pratte: Wenn ein Unternehmenschef so lange ohne Erfolg ist, wird er anderswo ersetzt. Unglücklicherweise hat der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder ihn immer wieder gedeckt.

SZ: Schröder ist nicht mehr im Amt.

Wyser-Pratte: Aber er ist ein Freund von Frenzel und er hat den russischen Unternehmer Mordaschow dazu gebracht, sich an TUI zu beteiligen. Auch sein Aufsichtsrat schützt Frenzel. Das schaffte er, indem er Geschenke verteilt, freie Reisen und ähnliches.

SZ: Was sollte geändert werden?

Wyser-Pratte: Frenzel! Der müsste gehen. Aber das sage ich seit Monaten.



Übrigens: Mehdorns Aufsichtsratschef hieß lange Zeit Frenzel, inzwischen Werner Müller. Beide wurden von Schröder installiert Frenzel folgte auf Dieter Vogel, als der gegen die Mehdorn-Pläne zur Bahn-Privatisierung rebellierte.

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2008-03-17

Studie: Bürger-Journalisten haben noch wenig Einfluss

--- Glaubt man der neuen Studie The state of the American news media in 2008, ist es noch nicht so weit her mit der demokratisierenden Wirkung des Internet im Medienbetrieb. Eine Meldung von AP dazu in der Netzeitung:
Das Internet hat den Journalismus deutlich verändert - einer US-Studie zufolge aber auf eine Art, wie sie noch vor wenigen Jahren nicht zu erwarten war. Während lange Zeit eine Demokratisierung der Medien durch zahlreiche neue Stimmen, Geschichten und Perspektiven im Netz vorhergesagt wurde, scheint sich die Nachrichtenagenda tatsächlich eher zu verengen. Laut dem am Sonntag veröffentlichten jährlichen Zustandsbericht der Nachrichtenmedien, die das Projekt für Exzellenz im Journalismus erstellte, sammeln viele Webseiten lediglich Nachrichten, die an anderer Stelle produziert wurden. Zwei Themen - der Krieg im Irak und die US-Präsidentenwahl 2008 - beherrschten im vergangenen Jahr in den USA mehr als ein Viertel der Geschichten in Zeitungen, im Fernsehen und online. Abgesehen von Irak, Iran und Pakistan machten Geschichten über den Rest der Welt weniger als sechs Prozent der Nachrichten in den USA aus. Bemerkenswert sei auch, dass zwar die Zielgruppe für traditionelle Nachrichten in gleicher Stärke erhalten bleibe, die Zahl der Mitarbeiter bei den Nachrichtenorganisationen aber tendenziell schrumpfe, sagte Tom Rosenstiel, Direktor des Projekts. Die meisten Nachrichtenwebsites sind außerdem nicht mehr Endziel der User.
Beim Project for Excellence in Journalism vom Pew Research Center liest sich das Ganze in der Einleitung so: Looking closely, a clear case for democratization is harder to make. Even with so many new sources, more people now consume what old media newsrooms produce, particularly from print, than before. Online, for instance, the top 10 news Web sites, drawing mostly from old brands, are more of an oligarchy, commanding a larger share of audience, than in the legacy media. The verdict on citizen media for now suggests limitations. And research shows blogs and public affairs Web sites attract a smaller audience than expected and are produced by people with even more elite backgrounds than journalists. Certainly consumers have different expectations of the press and want a changed product. But more and more it appears the biggest problem facing traditional media has less to do with where people get information than how to pay for it — the emerging reality that advertising isn’t migrating online with the consumer. The crisis in journalism, in other words, may not strictly be loss of audience. It may, more fundamentally, be the decoupling of news and advertising. This more nuanced recognition is also putting into clearer relief what news people see as their basic challenge: somehow they must reinvent their profession and their business model at the same time they are cutting back on their reporting and resources. Blogger sind also noch nicht das Mega-Ding, für die traditionellen Medien sieht es aber auch nicht sonderlich gut aus. Vielleicht sind ja dann doch Twitter und Co. die Zukunft des Kurznachrichtenaustauschs.

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2008-03-13

Urteil gegen österreichische GIMF-Propagandisten

--- Der von Skurrilitäten nicht freie Prozess gegen die angeblichen Betreiber der deutschsprachigen GIMF-Plattform hat laut Telepolis einige Fragen offen gelassen:
Anfang September 2007 wurden in Österreich mehrere Personen festgenommen, die als Macher der "Globalen Islamischen Medienfront" (GIMF) terroristische Propaganda verbreitet haben sollen. Gestern wurde das angeklagte Paar Mohammed M. und Mona S. in allen Punkten schuldig gesprochen. Der Richter stufte die Angeklagten als "Überzeugungstäter" ein und begründete damit die ausgesprochenen unbedingten Haftstrafen. ...

Der Prozess wurde in wenigen Tagen abgehandelt. Dabei fiel Mohammed M. durch mehrere Wutanfälle und Ausführungen zum "Heiligen Krieg" auf. Das ganze sei ein Schauprozess, so der Angeklagte, der aus seiner Abneigung gegen die USA keinen Hehl macht. Er beteuerte aber, gegen die Tötung von Unschuldigen zu sein, auch hätte er nichts mit Terroranschlägen zu tun. Auch Mona S. plädierte auf "nicht schuldig" und argumentierte in einer schriftlichen Stellungnahme, dass ja auch Journalisten Botschaften von Terroristen übersetzen würden. Zudem betonte sie ihre Unschuld vor "Gott". Der Richter zitierte aus der Stellungnahme: "Gott gab jedem Menschen Verstand. Doch um sich ein richtiges Bild zu machen, muss der Mensch alle Versionen der Ereignisse kennen." Eine "andere Version" von "der US-Besatzung und dem Krieg im Irak" hätte sie mit ihrer "Nachrichtenagentur" weitergegeben, so die Argumentation der Angeklagten. Als der Richter der Angeklagten gegen Prozessende gewährte, trotz Vollverschleierung eine mündliche Stellungnahme abzugeben, waren ihre Worte kaum verständlich. ...

Wie auch immer die Sache weiterlaufen wird, es gibt zwei Aspekte, die vom konkreten Fall unabhängig weiter diskutiert werden sollten: Die europaweite Ausjudizierung, ob Vollverschleierung vor Gericht möglich sein soll oder nicht. ... Zum anderen steht noch die heikle Frage an, inwieweit das Ausspähen von Computerdaten tatsächlich rechtmäßig und mit der westlichen Auffassung vom Bürgerrecht auf Privatsphäre vereinbar ist. ... Wie sich diese Überwachung gestaltete, erklärte ein Ermittlungs-Beamter: Man habe etwa M.'s Internet-Telefonie abgehört und ein Programm auf seinem Computer installiert, das "alle 60 Sekunden einen Screenshot an die Überwacher übermittelte".
Wenigstens ist klar geworden, wie unerquicklich die heimliche Online-Durchsuchung bei den Ösis derzeit abläuft. Vom Schutz des Kernbereichs der privaten Lebensgestaltung kann bei solchen Brachialmethoden wohl kaum die Rede sein.

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