2010-02-16

Lehrstuhl für Spinning ausgeschrieben

--- Spinning lässt sich jetzt auf deutsch mit "Reformkommunikation" übersetzen, wenn es nach einer aktuellen Stellenausschreibung geht der privaten Zeppelin University geht. Mehr bei Telepolis. Anregungen für den Vorstoß finden sich demnach mal wieder bei der Bertelsmann-Stiftung und der an sich schon recht spinnigen Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft:
Wird es am Bodensee bald die erste Professur für Propaganda nach 1945 in der Bundesrepublik geben? ... Reformkommunikation, das ist, was das wissenschaftliche Ordnungsgefüge anbelangt, ungefähr so, als wenn man innerhalb der Veterinärmedizin noch eine Professur für das Schweineschlachten ansiedelt. Und das, was bei der "Reformkommunikation" geschlachtet werden soll, ist der mündige Bürger. Denn wie man ihm das Fell über die Ohren zieht und er dabei noch immer meint, das sei zu seinem Besten, das ist der Gegenstand der "Reformkommunikation". Wer genauer wissen will, was es mit diesem Begriff auf sich hat, der kann sich zum Beispiel in einem "Diskussionspapier" der als äußerst reformfreudig bekannten Bertelsmannstiftung mit dem Titel: Politische Reformkommunikation. Veränderungsprozesse überzeugend vermitteln, informieren (PDF-Datei). ... Gerade bei Reformen, die "schmerzliche Eingriffe in die Besitzstände relevanter Wählergruppen bringen", so das Bertelsmann-Papier, müssten die "vorhandenen gesellschaftlichen Werte- und Einstellungsmuster" durch "gezielte Kommunikationsstrategien" verändert werden. ... So entblödet sich das Bertelsmann-Papier auch nicht festzustellen, die von der "Agenda2010 eingeleitete Reformpolitik" sei nicht an den Inhalten, sondern an dem "Mangel an problemadäquatem, konsistentem kommunikativen Verhalten der politischen Akteure" gescheitert.

Labels: , ,

2010-02-05

Rahm Emanuel: Obamas Spindoktor ohne Fortune

--- Barack Obamas enger politischer Berater und Büroleiter Rahm Emanuel war vor einem Jahr noch hoch gehandelt worden als rhetorische und strategische Allzweckwaffe und Spindoktor des US-Präsidenten. Die LA Times widmet sich nun seinem wenig glück- und erfolgreichen Wirken in den vergangenen Wochen und aktuellen Fettnäpfchen:
A senior presidential aide is supposed to solve problems, not create or compound them for his boss. So the White House was knocked off-stride when Chief of Staff Rahm Emanuel was forced to issue a public apology for using a derogatory word for people with learning disabilities. But even before the gaffe, Emanuel was becoming a magnet for criticism of President Obama's difficulties in turning his ambitious agenda into achievements. In an unguarded moment, Emanuel had referred to a group of liberal Democrats as "retarded." When reports of the remark began circulating, the former Chicago congressman -- already famous for his foxhole profanity -- moved to express his regret and promised to help leaders of the disabled community sensitize the public on the issue. ... But for all of the relationships Emanuel built in helping Democrats recapture the House in 2006, he has not succeeded in greasing the way for Obama's programs. The healthcare overhaul is in limbo. And the president's political fortunes seem to have dwindled, with his approval rating falling and Democrats suffering embarrassing setbacks in a trio of elections over the last year.

Labels: , , ,

2010-02-02

Ursula von der Leyen findet "Hartz IV" doof

--- Das war nun wirklich reichlich Unausgegoren, was Ex-Websperren-Familienministerin und jetzige Arbeitsministerin Ursula von der Leyen da einfach mal rumposaunte: Sie möge den Begriff "Hartz IV" nicht, da er eine differenzierte Debatte über Langzeitarbeitslosigkeit behindere. Eine begriffliche Alternative und Gegenvision für das Arbeitslosengeld II, was das A und O eines rhetorischen Schachzugs gewesen wäre, lieferte die CDU-Politikerin aber gar nicht mit. Telepolis bringt ein paar historische Hintergründe zu Sprache und Politik:
Begriffe wie "Einheitsfront", "Volkskörper" oder auch "gesundes Volksempfinden" (das auch heute immer noch Verwendung findet) stammen aus der Zeit des Nationalsozialismus, dessen Vertreter vom Schlage eines Joseph Goebbels wahre teuflische Meister der Sprache waren und mit wenigen konstruierten Wörtern entweder ein starkes Wir-Gefühl oder aber psychische Ausnahmezustände bei ihren Zuhörern hervorrufen konnten. Davon ist Ursula von der Leyen wahrlich Welten entfernt. Allerdings setzt sie mit ihrem Vorhaben fort, was besonders in den 70-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts Hochkonjunktur hatte. Damals war es der CDU-Politiker Heiner Geißler, der mit dem Begriff der "neuen soziale Frage" den damals noch starken politischen Gegner SPD auf dem Gebiet der Sozialpolitik das Wasser abgraben wollte. Die "neue soziale Frage" sollte bei den Wählern die Assoziation zur von der Sozialdemokratie vertretenen "alten" sozialen Frage hervorrufen ... Von der Leyen wird sich in diesen Tagen Kurt Biedenkopf, eines alten Freundes ihres Vaters und Ex-Ministerpräsidenten von Niedersachsen Ernst Albrecht (der mit dem "Celler Loch"), erinnert haben ... Auf dem 22. Bundesparteitag der Christdemokraten im Jahr 1973 ließ der Professor in einer Rede die Katze aus dem Sack und forderte eine "Revolution durch Sprache". Durch die Schöpfung von neuen Begriffen, so Biedenkopf, müssten Politik und Partei das eigene Versagen relativieren. Sprache sei Strategie, mit der die Medienlandschaft in Deutschland besetzt werden müsste ... Ursula von der Leyen allerdings hat beim Griff in die Trickkiste schon daneben gelangt und den Kardinalfehler begangen: Sie hat ihre Manipulation durch Wortneuschöpfung zuvor angekündigt.
Und vor allem beim Gackern das Ei gar nicht gelegt.

Labels: , ,